Macht ist zweierlei: Organisation und Kultur. Leicht ist die Organisation zerschlagen. Die Veränderung der Kultur jedoch ist ein zäher, unübersichtlicher Prozess. Man weiß, dass die sogenannte Stunde null nach dem Zweiten Weltkrieg ein Mythos ist – die Wunschvorstellung von den wachgeküssten unschuldigen Deutschen hinter der tödlichen Dornenhecke des Faschismus. Die Weiterbeschäftigung ehemaliger NSDAP-Mitglieder in BRD-Institutionen ist noch ein überschaubarer Vorgang, er gehört zur Organisation der Macht. Komplizierter und schwieriger zu beschreiben, ist das Weiterleben der Nazi-Ideologie im Deutschland der Nachkriegszeit.

Die australische Filmemacherin Cate Shortland hat sich diesen Schwierigkeiten mit den Mitteln der Kunst gestellt. „Lore“ basiert auf Teilen des Romans „Die dunkle Kammer“ von Rachel Seiffert und handelt von einem 15-jährigen Mädchen, das als älteste Tochter eines hohen SS-Beamten aufwächst. Nach dem Zusammenbruch des Regimes verschwindet der Vater, wird die Mutter im Schwarzwald verhaftet, und Lore muss sich mit ihren vier jüngeren Geschwistern, eins noch im Säuglingsalter, durch halb Deutschland zu ihrer Großmutter nach Husum durchschlagen.

Als die Kinder eines Tages von US-Soldaten im Wald aufgehalten werden, springt ein junger dunkelhaariger Mann herbei, der einen jüdischen Pass vorweist und die fünf blonden Kinder vor dem skeptisch blickenden Amerikaner als seine Geschwister ausgibt. Widerstrebend geht die stramm antisemitisch erzogene Lore mit, sie ist von dem Fremden wider Willen angezogen – und abgestoßen zugleich. Die Bilder der Zerstörung und des Todes, die den Weg in den Norden säumen, bleiben dabei nicht ohne Einfluss auf sie.

Am Rande von Vergewaltigung

Radikal nimmt Shortland die Perspektive ihrer Titelheldin ein. Der Zuschauer hat keinen Überblick über die genaue Zeit, den genauen Ort, die Machtverhältnisse. Aber er hat einen Blick, nämlich den Lores. Er erfasst nur enge Ausschnitte, das Nahe. Zum einen ist Lores Blick pubertär; er will etwas wissen über das Geschlechtsleben der Eltern etwa – dass dieses sich immer am Rande von Vergewaltigung abspielt, wird für ihre eigenen ersten Versuche nicht ohne Folgen bleiben. Vor allem aber ist dieser Blick auf die Ikonografie der Nazis geeicht: Wenn Lore ihren Brüdern beim Spielen zusieht, assoziiert man Hitlers Krupp-Stahl-Jungs; auch die Natur wird zu germanischer Landschaft idealisiert. Solchen Ansichten widersprechen grell die Anblicke einer vergewaltigten toten Bäuerin und der im Flüchtlingslager ausgestellten ersten Fotos aus den Konzentrationslagern der Nazis.

Wenn die Kamera aus der Nahaufnahme zurückfährt, können wir Lores Verhalten beobachten – wie sie etwa den Bruder in eine Kiste sperrt, weil er beim Bauern Milch gestohlen hat. Saskia Rosendahl zeigt als Lore mit beeindruckend präzisem Instinkt, dass diese Härte erlernt ist, dass Lore ein Erziehungsprogramm weiterführt, das sie von ihren Eltern übernommen hat. Man kann später zusehen, wie sich die erlernte Härte verliert zugunsten einer Härte, die der Situation, den Gefahren der Flucht geschuldet ist.

Mit Bildern gezaubert

Die Form der Reise hätte die Möglichkeit geboten, aus „Lore“ einen oberflächlich spannenden Film zu machen. Doch Shortland will durch Reduktion der äußeren Handlung die Aufmerksamkeit auf das Innere richten. Sie und ihr Kameramann Adam Arkapaw zaubern mit Bildern. In den besten Momenten haben sie jene Frische und zarte Wucht eines frühen Eindrucks und führen so den Betrachter nah heran ans Seelenleben der jungen Protagonistin. Mitunter so nah, dass man die Kostüme nicht mehr bemerkt. Während in jenen Szenen, in denen der Film stark ausgestattet wirkt, eher der historische Raum des Geschehens betrachtbar wird.

Aber solcher Inkonsequenzen ungeachtet, ist „Lore“ ein wichtiger und auch schöner Film, weil er in einer ungewöhnlichen Mischung aus Empathie und Distanz seine Hauptfigur jenseits politisch korrekter Täter/Opfer-Zuschreibungen betrachtet: Ohne deutsches Barmen, aber auch ohne hochmütige Verurteilung.

Lore Dtl./Australien/UK 2012. 109 Minuten, Farbe. FSK ab 16.