Im Jahr 1975 besuchte der damals 50-jährige Claude Lanzmann den 70-jährigen Benjamin Murmelstein in dessen Exil in Rom. Eine Woche lang befragte der französische Regisseur den 1905 in Lemberg (heute Lwiw) geborenen Mann; am Ende verfügte er über elf Stunden Material, aus dem er zunächst keinen Film zu machen wusste. Der Fall war so kompliziert. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland 1938 gehörte der Rabbiner Murmelstein zur Leitung der – von Adolf Eichmann kontrollierten – Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Vom Dezember 1944 bis zum Kriegsende war er dann Judenältester des Ghettos Theresienstadt.

Das Besondere daran: Murmelstein war der einzige Judenälteste, der den Holocaust überlebte; seine Vorgänger Jacob Edelstein und Paul Eppstein wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Gerade der Sonderfall wurde Murmelstein zum Vorwurf gemacht: „Warum leben Sie?“, fragten ihn jene Beamten, die ihn 1945 unter dem Verdacht der Kollaboration mit den Nazis verhaftet hatten. 18 Monate saß Murmelstein in Prag im Gefängnis; dann wurde er von allen Vorwürfen freigesprochen. Dennoch bleib der Ruch des Verdachts an diesem Mann haften, auch weil er im Hunger-Ghetto seine beleibte Gestalt behielt.

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