Berlin - Als Finch Asozial im März 2019 sein Debütalbum „Dorfdisco“ veröffentlichte, fielen die Kritiken für den Rapper aus Lichtenberg nicht gut aus. „Rückständiger Rummelbums“ war auf dem Musikportal laut.de zu lesen. Im deutschen HipHop-Magazin Backspin stand „Stammtisch-Humor“ und „karnevalesker Schlager“. Bei Zeit Online urteilte ein Kritiker: „Der Assi auf dem Netto-Parkplatz in Fürstenwalde, dem der Rapper ein vermeintliches Denkmal setzt, ist für ihn ohnehin nur die Rolle, die gerade am besten funktioniert.“ So, als meinte es der mittlerweile 30-Jährige mit seinem Vokuhila, dem Jogginghosen-Look, der Freude am Biertrinken, der Vorliebe für Ostalgie und Schlager-Techno-Rap nicht ernst. 

Blickt man auf die letzten Monate zurück, scheint sich Finch Asozial aber sehr sicher mit seiner Musik zu sein. Mittlerweile erreicht der Rapper knapp zwei Millionen Hörer auf Spotify im Monat. Sein letztes Album „Finchi’s Love Tape“ landete wie „Dorfdisco“ auf Platz zwei der deutschen Charts. Im nächsten Jahr soll er (sofern es die Pandemie zulässt) im Berliner Velodrom vor 12.000 Zuschauern spielen, Festivals wie das Deichbrand in Cuxhaven oder das Novarock in Österreich mit 220.000 Menschen stehen ebenfalls an. Und das alles, weil er einem „Assi auf dem Netto-Parkplatz ein Denkmal setzt“?!

Finch Asozial: „Ich mache Musik für den kleinen Mann“

Als wir Finch Asozial zum Interview im Verlagshaus der Berliner Zeitung treffen, ist er in seinem Jeans-Unions-Pulli-Outfit jedenfalls höflich. Er stellt sich mit seinem bürgerlichen Namen als Nils Wehowsky vor, grüßt, wenn er in den Raum kommt und schließt bedacht jede Tür hinter sich. Ein Freund begleitet ihn, den er liebevoll „Broyla“ nennt. Finch Asozial hat ihn vor zwei Jahren angestellt, als es mit seiner Musikkarriere zunehmend besser lief und er nicht mehr als Elektrotechniker arbeiten musste. Broyla solle unter anderem dafür sorgen, dass Finch Asozial „auf dem Boden bleibt“– doch Broyla sagt, dass er ohnehin bodenständig sei. Den Trabi, über den er reime, den fahre er auch.

Finch Asozial sagt, er rappe „für den kleinen Mann“. „Was bringt es mir, in meinen Songs von Sachen zu erzählen, die meine Hörer wahrscheinlich nie bekommen werden? Warum soll ich den Leuten Illusionen vorleben?“ In seinem neusten Stück „Onkelz Poster“ sinniert er mit Tarek K.I.Z ironisch zu einem Happy-Hardcore-Sound: „Ich wünsch’ sie mir zurück, meine DDR / Mache Karriere bei der Bundeswehr / Mein Sohn, der fällt mir vom Wickeltisch / Ich bin auf Crystal und ich krieg’s nicht mit.“ In dem dunklen Raplied „Am richtigsten Saufen“ heißt es: „Meine asoziale Art ist bei den Huren beliebt / Bisschen fußballaffin und verliebt in den Osten / Gute Manieren dank Sabine und Thorsten / Generation Alkopop mein Wirkungskreis / Schon mit vierzehn steif dank ’nem Smirnoff Ice.“

Alkohol, Drogen und der Osten. In dem Video zu „Am richtigsten Saufen“ sieht man Finch Asozial auf einem Hof mit ein paar Kumpels am Trinken – Trabi und Fliesentisch sind zu erkennen, auch ein Krankenwagen. Finch Asozial sagt, in Fürstenwalde, wo er aufwuchs, gab es nichts, „kaum Perspektiven, alle waren Säufer“. Er glaubt, dass sich seine Hörer darin wiedererkennen, dass seine Musik Halt geben kann. In seiner Vorstellung blicken die Menschen aus Fürstenwalde irgendwann auf ihn und sagen: Aus dem is wat jeworden, jetzt spielt er da oben mit! „Viele Leute sehen mich ja als einen Vorzeige-Ossi, ich bekomme oft geschrieben, dass ich stolz auf mich sein könne“, sagt Finch Asozial.

Finch Asozial liebt Schlagermusik

Dass sie durch Lieder über das Saufen oder schlechte Perspektiven im Osten noch mehr zum Trinken angestachelt werden könnten oder es ein schlechtes Bild auf den Osten wirft, denkt er nicht. „Die meisten meiner Fans sind erwachsen, die checken die Übertreibungen und die Ironie in meinen Liedern.“

Wenn er bemerke, dass sich unter seinen viel geklickten YouTube-Videos eine rechte Diskussion entwickelt, vote er die etwas linkeren Aussagen nach oben. Bei seinem neuen Song „Onkelz Poster“ sei das passiert. Während einige Journalisten ihn deshalb loben und ihm anhängen, ein neues „Schrei nach Liebe“ geschaffen zu haben, hätten ein paar YouTube-User gedacht, er schwinge AfD-nahe Parolen. „Ich habe für ‚Onkelz Poster‘ mit Tarek zusammengearbeitet. Wer sich mit K.I.Z beschäftigt, weiß, dass sie ironisch und links sind, da muss man doch checken, was ich meine.“ Er gibt aber auch zu, dass bei jüngerem Publikum die Eltern aufklären müssten – „so wie bei anderer Rapmusik auch“.

Interessant ist, dass Finch Asozial privat eher keinen Rap hört. Sein Herz gehört dem Schlager. „Egal wie scheiße es dir geht, im Schlager ist alles wunderschön, du kannst die Probleme beiseiteschieben“, schwärmt er. Drum lasse er Schlager-Anleihen in seine Musik einfließen.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Finch Asozial hat zwei Musikalben rausgebracht.

Vom Battle-Rapper also zum Schlager-Reimer? Finch Asozial gibt zu, dass er auch immer etwas provozieren will. „Finch Asozial ist keine Figur, ich mache den Job seit zwei Jahren, natürlich steckt da immer mehr Nils drin.“ Er verstehe zudem nicht, warum er sich stets beweisen müsse. „Ich komme aus dem Osten, natürlich ist das mein Thema und ich finde Fliesentische wie auch Schlager-Techno geil, das ist keine Show!“

Wenn es nach Finch Asozial ginge, würde er weiterhin in Ruhe mit seiner Musik erfolgreich werden, sich ein Haus mit Pool bauen, Trabi fahren. Sieht man von seinen Social-Videos im Tanga oder Streitereien mit dem Wendler mal ab, scheint ihm das sogar zu gelingen. Seit den Atzen macht wohl kein bekannter Rapper in Deutschland mehr „Rummelbums“, wie die Kritiker sagen. Er scheint damit eine Lücke und tatsächlich eine große Zielgruppe gefunden zu haben.

Finch Asozial ist im Rahmen seiner „Finchi’s Love Tape Tour“ am 10. April 2021 im Berliner Velodrom; Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen.