Helsinki/Ivalo - Vier Grad und Schneeregen. Aus dem Autoradio schallt Metal. Willkommen in Finnland. Wir sind hier, weil sich das Land dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse exponiert präsentieren darf. Als Hort der intelligentesten Bücher und schönsten Leser. Als Ehrengast. Eine Krone, die sich jedes Jahr ein anderes Land aufsetzen darf.

Island, einer der Vorgänger im Gastlandstatus, war das Land, in dem jeder liest, jeder schreibt und Geschichten und Sagen aus jeder Vulkanritze kriechen. Neuseeland war mystisch und weit weg; ein Land, in dem alle Haka tanzen und beim Fischen Geschichten erzählen. Brasilien hatte vor allem organisatorische Probleme. Und Finnland? Gibt sich kühl. „Finnland. Cool“ ist das Motto für Frankfurt.

Gefühle zeigen sei in Finnland keine gute Idee, sagt Rosa Liksom. „Finnen glauben, dass eine Person, die ihre Gefühle zeigt, dumm ist.“ Und weil man nicht für dumm gehalten werden will, nickt man cool. Doch dann lacht Liksom auch schon wieder und serviert Tee und Pulla, Zimtbrötchen.

Bunt karierte Strumpfhosen, schwarzes Kleid, links und rechts hochgesteckte Zöpfe. Wäre Pippi Langstrumpf je erwachsen geworden, das Leben hätte eine Rosa Liksom aus ihr gemacht. Das Atelier der 56-Jährigen im Kulturzentrum Kaapeli, einer ehemaligen Kabelfabrik in Helsinki, ist gleichzeitig Lagerraum und Museum. Über der Sitzecke schwebt ein riesiger Plüschfisch. Drumherum stehen Regale voller Bücher, Puppen und alter sowjetischer Spielzeuge.

Mit ihrem Roman „Abteil Nr. 6“ ist der Anthropologin 2011 ein Bestseller gelungen. Er erzählt die Geschichte einer jungen Finnin, die gemeinsam mit einem russischen Arbeiter und Kriminellen an Bord der transsibirischen Eisenbahn durch die kollabierende Sowjetunion bis nach Ulan Bator reist. Schonungslos und doch liebevoll beleuchtet Liksom die russische Seele. Und es ist dieser menschliche Blick, den sie heute vermisst.

Eine Prise Schamanentum

„In Finnland wird Kindern beigebracht, Russland zu hassen“, erzählt sie uns. Zum einen seien die Medien schuld, die einseitig pro-westlich berichteten. Zum anderen fresse die US-amerikanische Kultur wie ein Tyrannosaurus Rex alles auf.

Aber Europa kann dem T-Rex doch die Stirn bieten, kulturell wenigstens? „Dieses idealistische Utopia, dieses europäische Utopia ist doch Schwachsinn“, sagt Rosa Liksom. „Bullshit!“ Sie glaubt nicht an eine europäische Kultur. Für sie ist Europa ein Wirtschaftsverbund. Nicht mehr. Liksoms Gesicht glüht jetzt rot. Vom Wütendsein bei gleichzeitigem Lachenmüssen.

Viele Finnen halten sich für Europäer, sagt sie. Dann kommt wieder ihr „Bullshit!“-Lächeln. Die einzige Kultur, die sie sehe, angeknabbert vom Saurier, sei die finnische. Historisch bedingt eine Mischung aus „Schamanentum, schwedischer Hochkultur und russischem Byzantinismus“. Beeindruckt nimmt man einen Schluck Tee und würde gern so eine Prise Schamanentum über die eigene kulturelle Identität streuen.

Damit Rosa Liksom abkühlen und weiter an ihrem neuen Fotobuch über Frauen in blauen Burkas arbeiten kann, verlassen wir ihren Kosmos. Schließlich wissen wir jetzt Bescheid: Finnland ist fertig mit Russland! Finnland will Westen sein, mit aller Kraft. Und nicht alle finden das gut.

Nach wie vor zählt der Winterkrieg zwischen Finnland und Russland zu den identitätsstiftenden Ereignissen der finnischen Geschichte. Ohne Kriegserklärung marschierte die sowjetische Armee im November 1939 in Karelien ein, um ganz Finnland zu besetzen. Doch die Sowjets hatten sich überschätzt. Soldaten und Panzer versanken im meterhohen Schnee. Nach 105 Tagen hatte das kleine, überrumpelte Land zwar Gebiete verloren, aber seine Unabhängigkeit bewahrt – dank finnischer Soldaten auf Langlaufskiern und Molotow-Cocktails.

„Winterkrieg“, so heißt auch der Debütroman von Philipp Teir. Der 34-jährige Kulturjournalist zählt zu den vielversprechendsten Nachwuchsautoren des Landes. Der Titel allein genügt, um in Finnland Bücher zu verkaufen. Doch Teirs so unterhaltsamer wie kluger Roman handelt nicht von Finnland und Russland, sondern von unglücklichen Menschen. Es geht um eine Akademikerfamilie in Helsinki. Um Liebe und das Ende einer Ehe, um alte Männer und junge Frauen. Um die Mittelklasse, deren einzige Probleme, je nach Alter, Langeweile oder endlose Möglichkeiten sind.

Herr Teir, ist Ihnen nichts Besseres eingefallen? „Ich habe mich entschieden, mit einem Klischee anzufangen. Ich arbeite mich durch all die Dinge, über die es Spaß macht, zu lesen.“

Aber das gab es doch alles schon mal.

„Es hätte mir zu lange gedauert, eine wirklich einzigartige Geschichte zu finden, die noch niemand kannte und daraus eine universelle Geschichte zu machen“, sagt er. „Ich habe lieber versucht, aus etwas Universellem etwas Einzigartiges zu machen.“ Und dann schickt er noch hinterher: „Ich glaube, das funktioniert nicht zweimal. Beim nächsten Mal brauche ich etwas Einzigartiges.“

Teir ist einer von rund 300 000 Finnland-Schweden. Eine einflussreiche, schwedischsprachige Minderheit, die auch im Buch skizziert wird. Finnland-Schweden haben den Ruf, reicher und gebildeter zu sein, als die finnische Mehrheit. Alles Quatsch, sagt nicht nur Teir. Er selbst kommt aus Österbotten. Dort seien die Menschen lange Zeit Bauern gewesen. „Diese Minderheit hat viele verschiedene Identitäten und Klassen.“

Teir plaudert noch ein wenig darüber, dass er viel geschlafen habe in jener Zeit, in der er den Roman schrieb. Viel Sofa, viele Nickerchen. Man ist unter sich dabei. Eine Konstellation, die man erst dann so richtig schätzt, wenn man Autoren trifft, die so wichtig sind, dass man sie sich mit anderen teilen muss. Autoren wie Sofi Oksanen.

Den Blick geradeaus, die Augen nach innen gerichtet. Routiniert gibt Oksanen vor einer Gruppe deutscher Journalisten eine Einführung in den geschichtlichen Hintergrund ihres Romans „Als die Tauben verschwanden“. An der Decke des Restaurants wächst falscher Efeu, überall hängen Vogelkäfige. Die Star-Autorin trägt opulenten Lidschatten, Spitzenhandschuhe, ein Nest aus Dreadlocks auf dem Kopf, violetten Lippenstift im bleichen Gesicht. Wie sie da so steht, hat das etwas von Lady Gaga. Ob das Maskerade sei, fragt man sie. Oksanen antwortet: „Ich sehe so aus, seit ich ein Teenager war. Und ich habe schon im Kindergarten violette Stifte gegessen. Ich liebe Violett.“

Ihr literarisches Werk hat Oksanen genauso raffiniert konstruiert wie ihre öffentliche Person. Ihr Debüt „Stalins Kühe“ vereinte die Themen Essstörung und Sowjetunion. Da war für jeden etwas dabei. Die Jungen lasen das Buch wegen der Essstörung und lernten etwas über die Sowjetunion. Und die Alten lasen das Buch wegen der Sowjetunion und lernten etwas über Essstörung. Seitdem wurden ihre Romane in 37 Sprachen übersetzt.

„Als die Tauben verschwanden“ ist ihr drittes Buch über die sowjetische Besatzung Estlands und deren Konsequenzen. Oksanen, 37, stammt aus einem finnisch-estnischen Elternhaus. Der Vater arbeitete mehr als 40 Jahre in der Sowjetunion. Das Hin- und Herreisen gehörte zum Alltag. „Man könnte sagen, dass ich am Eisernen Vorhang schaukelnd aufgewachsen bin.“

Den verständnisvollen Blick einer Rosa Liksom hat sich Oksanen beim Schaukeln nicht zu eigen gemacht. Regelmäßig kritisiert sie derzeit öffentlich Russlands Außenpolitik. Und weil Prominenz verpflichtet, wird sie heute gebeten, die Ukrainekrise zu lösen. Doch da muss die Starautorin passen.

Zurück zu den Büchern also.

Finnlands Bibliotheksnetz ist das Rückgrat der finnischen Lesekultur. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde gesetzlich verankert: Jede Gemeinde soll eine Bibliothek bauen, um auch in ländlichen Gegenden freien Zugang zur Literatur zu gewährleisten. Heute verzeichnen finnische Bibliotheken jährlich 18 Ausleihen pro Einwohner und bieten weit mehr als nur Bücher an. Das Angebot reicht von Beamern über E-Book-Reader bis hin zur Sportausrüstung.

Eva Wilenius empfängt den Besuch am Eingang der Bücherei in Espoo, einem Vorort Helsinkis, und stellt gleich mal klar: „Das hier ist eine sogenannte laute Bibliothek. Hier kann in normaler Lautstärke gesprochen werden.“ Und weil normal relativ ist, hängen an der Decke akustische Elemente, die den Lärm schlucken. Mögen Bibliotheken in vielen Ländern auch Tempel der Stille sein: Für Wilenius sollen sie vor allem Orte der Begegnung sein.

Und kein einziges Rentier

Die Bibliotheksleiterin führt die neueste Errungenschaft vor: den Bibliotheksbus namens Välkky. Schlauberger heißt das. Kommen die Leser nicht zur Bibliothek, dann kommt die Bibliothek eben zu den Lesern.

Bei Bedarf kann man die Bücherregale darin aber auch einfach ausbauen. Es gibt WLAN, iPads, Platz für 50 PCs, eine kleine Bühne und einen Beamer für Kinoabende. Gestern war der Bus als Liebes-Mobil unterwegs, um Jugendliche aufzuklären. Mit an Bord: eine Bibliothekarin mit den richtigen Buchempfehlungen. Jetzt wird er gerade zur Karaoke-Bar umgebaut.

Es geht weiter gen Norden. Und ohne dass ein einziges Rentier vors Auto gelaufen ist, steht man irgendwann vor dem Haus von Inger-Mari Aikio-Arianaick in Ivalo.

Ima, wie die 53-Jährige genannt wird, ist so etwas wie die samische Vorzeigedichterin. Paris, Johannesburg, Göteborg – der finnische Literaturaustausch hat Ima schon überall hingeschickt. Immer sei sie anständig behandelt worden, sagt sie. Nur in Finnland sei das manchmal schwierig. „Die finden mich süß, fassen mich an, behandeln mich wie ein Kind.“ Einem finnischen oder schwedischen Dichter würde das nie passieren, erklärt Ima. „Sie wissen so wenig über uns. Was sie wissen, haben sie aus TV-Sendungen.“ Da gab es eine Serie, in der die Angehörigen des indigenen Volkes von finnischen Schauspielern gespielt wurden, meist trugen sie dreckige Kleidung und grölten. „Als wären wir alle hässlich und betrunken“, seufzt Inger-Mari Aikio-Arianaick.

Hinzu kommt der politische Ärger in Lappland. Der finnische Staat würde gern frei über die Ressourcen, die Wälder auf traditionellem Sami-Gebiet, verfügen. Die Samen hingegen pochen auf ihre Landrechte. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Ima spricht von „Angst und Hass“.

Am liebsten würde man vorschlagen, eins ihrer Gedichte auf Flugblätter zu drucken: „Ich/ ich selbst/ gerade ich selbst/ Bin so wichtig /bin so sehr/ so außerordentlich wichtig/ Letztlich/ ein einsamer Stein.“

Weil man das aber naiv wäre und man sich als Außenseiter sowieso nicht einmischen sollte in derartige Dispute, ist es nun Zeit, Abschied zu nehmen. Und dann will man die Hand geben und wird plötzlich umarmt. Einfach so. Schließlich ist das hier Sami-Land. Nicht „Finnland. Cool“.