Ein Fußpfleger verschenkt ganz besondere Kekse. Eine Fernsehregisseurin glaubt, dass Liebe existiert, übersieht sie aber in ihrem Alltag. Ein Ehepaar ist so glücklich miteinander, dass da kein Platz für den eigenen Sohn ist. Frauke Finsterwalders Episodenfilm „Finsterworld“, in nur 27 Drehtagen an 75 Drehorten für eine Million Euro produziert, entwirft ein Panorama menschlicher Befindlichkeiten und Verhaltensweisen. Er wirft zugleich einen Blick auf das heutige Deutschland. Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Christian Kracht.

Frau Finsterwalder, ich bin ein wenig verwirrt. Sie heißen mit Nachnamen Finsterwalder und leben in Afrika und Florenz. Ihr Film heißt „Finsterworld“ und spielt in Deutschland. Wie geht das alles zusammen?

Wenn ich in Deutschland leben würde, hätte ich mich wohl gar nicht getraut, einen solchen Film zu machen. Denn wenn man immer hier ist, also drin im System, hält man viele Dinge für normal. Sie stören einen, fallen aber wahrscheinlich gar nicht mehr so auf. Viele Ideen zu diesem Film entstanden immer dann, wenn ich aus dem Ausland zurück nach Deutschland kam. Da fielen mir Dinge als ungewöhnlich auf, die ich früher normal fand.

Was fiel Ihnen denn besonders auf?

Die Härte im Umgang miteinander. Dass man einander möglichst nicht berührt. Ja, dass man einander nicht einmal ansieht. Ich habe erst in Argentinien und dann in Afrika gelebt. Und gerade in Argentinien berührt man sich andauernd. Meine kleine Tochter wurde dort ständig beküsst und berührt, auch von wildfremden Leuten auf der Straße. Als ich das einer Freundin in Deutschland erzählte, sagte die: Wenn das jemand mit meinem Kind machen würde – den würde ich anzeigen.

In Ihrem Film herrscht viel Unlauterkeit, sogar Gemeinheit. Viele der Figuren schikanieren oder betrügen ihre Mitmenschen. Die liebevolle Ehefrau putzt ohne Grund Angestellte im Dienstleistungsbereich runter. Der Polizist macht seiner Freundin ein „tolles Geschenk“, das in Wirklichkeit eine Bestechungsgabe war. Dabei sieht Ihr Deutschland durchweg lauschig und sonnig aus. Warum?

Ich bin ein großer Comic-Fan und wollte in diesem Film eine eigene Welt kreieren. Deswegen sieht alles so geschlossen und bunt aus. Es ging mir nicht um Realismus, obwohl all diese Dinge so geschehen könnten und wahrscheinlich sogar geschehen. Mein Kameramann Markus Förderer will Filme machen, die anzuschauen Spaß macht. Und das wollte ich auch: Ernste Themen behandeln, ohne dass der Film trist und traurig aussieht. Und letztlich war die Umsetzung dadurch auch ein großer Spaß für uns alle. Die „Finsterworld“ zu entwickeln, war voller Freiheiten. Wobei die zwischenmenschlichen Probleme, die der Film behandelt, ja welche sind, die in allen modernen Gesellschaften eine Rolle spielen. Etwa Einsamkeit, die Unfähigkeit zu kommunizieren.

Der Polizist in Ihrem Film ist ein sogenannter Furry, also ein Mensch, der Tierkostüme anzieht, um beispielsweise selbst einen Pelz, eine dicke „Haut“ zu haben.

Nicht ohne Grund haben die Furrys in Deutschland und den USA weltweit die meisten Anhänger. Beides sind Staaten, in denen Berührungen vermieden und sogar reglementiert werden. Man hat Angst, angezeigt und verklagt zu werden, wenn man etwa ein Kind berührt. Jedes Jahr findet in Magdeburg die Eurofurence Convention, das europäische Furry-Treffen statt. Mit den flauschigen Tierkostümen nehmen die Leute, die diese Obsession haben, natürlich auch gewisse Eigenschaften an. Als ich meinen Film in Südamerika zeigte, haben die Leute nur den Kopf geschüttelt darüber, dass jemand ein Bärenkostüm anlegt, um andere, fremde Menschen in Tierkostümen zu umarmen.

In Ihrem Film wird viel gesprochen. Es geht sogar um Sprache selbst, auch um Sprechblasen, Phrasen. Das Drehbuch haben Sie gemeinsam mit dem Schriftsteller Christian Kracht geschrieben, der Ihr Mann ist. Wie darf ich mir die Zusammenarbeit vorstellen?

Wir hatten uns von vornherein vorgenommen, einen Film zu machen, in dem viel gesprochen wird. Zum einen, weil die deutsche Sprache an sich sehr interessant ist mit ihren Eigenheiten. Zum anderen, weil in deutschen Autorenfilmen meist wenig und dann sehr künstlich gesprochen wird. Die Figuren in „Finsterworld“ reden viel, doch es liegt ein Subtext darunter. Am deutlichsten wird das bei den Paaren. So sagt der Polizist etwa einmal verzweifelt zu seiner endlos monologisierenden Freundin „Siehst Du mich eigentlich?“

Sie und Ihr Mann haben sich dauernd gesehen bei der Drehbucharbeit. Wie lief das eigentlich?

Wir haben bei der Entwicklung der Dialoge ständig in den Rollen der Figuren miteinander gesprochen. Das hat großen Spaß gemacht.

Eine zentrale Rolle im Film spielt die Klassenfahrt zu einem Konzentrationslager. Beim Aussteigen aus dem Reisebus grüßen die Schüler, Teenager, ihren Lehrer mit „Heil Hitler, Herr Nickel!“ und flüstern dann „Schwule Sau!“ Warum das alles, warum diese KZ-Fahrt?

Ich werde im Ausland viel stärker mit der deutschen Geschichte konfrontiert als in Deutschland. Hier gleitet diese Geschichte an vielen ab, ist ihnen gleichgültig, Gedenkroutine geworden. Im Ausland habe ich oft Überlebende der Nazi-Zeit getroffen, ihre Kinder und Enkel. Ich war in vielen Gedenkstätten für die Opfer und habe da teils extreme Sachen erlebt, wo mir die Luft wegblieb, wie sich deutsche Schulklassen verhalten. Ich hatte Großeltern und Eltern, die Teil dieser Geschichte sind, und ich hatte Lehrer, die wütend waren darauf, dass ihre Eltern Täter oder Mitläufer waren und sich der Schuld nie stellten. Diesen Lehrern lag die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit direkt am Herzen. Die Jugendlichen heute kennen das nicht, es ist Geschichte. Aber letztlich hat mich das Leben im Ausland zu diesen Filmszenen geführt. Dass viele Wunden längst nicht geschlossen sind, vergisst man in Deutschland oft. Ich finde es manchmal schockierend, mit welchem Selbstbewusstsein man politisch anderen Ländern gegenüber auftritt.

Das Gespräch führte Anke Westphal.

FinsterworldDtl. 2013. Regie: Frauke Finsterwalder, Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht, Kamera: Markus Förderer, Darsteller: Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller, Carla Juri, Michael Maertens, Corinna Harfouch, Margit Carstensen u. a.; 95 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino.