Berlin - Zu meiner ersten Tennisstunde erscheine ich in Jeans. Normale Freizeitkleidung und Sneakers seien am Anfang völlig in Ordnung, hat Trainer Oliver Britze am Telefon gesagt. „Zumindest beim Tennisclub Berlin Weißensee“, fügt er hinzu. Er selbst trägt einen grauen Jogginganzug mit Kapuze, als wir uns auf dem Platz in der Buschallee treffen. Es ist ein schöner warmer Herbsttag, am Rand des Spielfelds schimmert das gelbe Laub durch den Maschendrahtzaun. Aus einem kleinen Vereinshaus nebenan hat Oliver Britze mir einen Leihschläger mitgebracht.

Gefühl für den Ball gewinnen

„Wirklich noch nie Tennis gespielt, nicht mal im Urlaub?“, fragt er mich ungläubig. Er selbst hat zum ersten Mal im Alter von vier Jahren auf dem Platz gestanden, seine ganze Familie sei tennisbegeistert, erzählt der 36-Jährige. Seit sieben Jahren hat Britze seine Trainerlizenz, daneben arbeitet er noch in einer Hausverwaltung. Ich räume ein, dass ich mal Badminton gespielt habe, immerhin. Aber ob mir das hier hilft? Britze nimmt ein paar Bälle aus einem rollbaren Behälter, der neben dem Spielfeld steht. Die erste Anfängerübung kommt mir recht anspruchslos vor: Ich soll den Ball auf den Boden auftippen lassen und ihn mit dem Schläger von unten auffangen. „Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich so ein Tennisball verhält“, erklärt mein Trainer – und wie auf Ansage hüpft mein Ball schräg ins Aus. Kein Problem, denn der Ballvorrat im fahrbaren Behälter ist nahezu unerschöpflich. Jedes Mal, wenn ich einen Ball verliere, wirft mir mein Tennislehrer einfach einen neuen zu. Aufsammeln können wir später, sagt er.

„Bei der Vorhand halten wir den Schläger so, als ob wir ihm guten Tag sagen wollen“, erklärt Britze kurz darauf den ersten Grundschlag. Er stellt sich auf die gegenüberliegende Seite des Netzes und wirft mir von dort weitere Bälle zu. Die Entfernung zwischen uns ist dabei kaum größer, als würden wir an entgegengesetzten Enden einer Tischtennisplatte stehen. Ich treffe fast jeden Ball und fühle mich höchst motiviert. Das sei nun ungefähr die Entfernung, in der Kinder ihre erste Tennisstunde absolvieren, sagt mein Trainer lachend. Er selbst trainiere aber meist Erwachsene. Ob wir es also mal auf etwas größeren Abstand probieren wollten?

Oliver Britze trainiert auf Anfrage kleine Gruppen von zwei bis vier Personen auf dem Platz in Weißensee oder in einer der drei Schulsporthallen, die der Verein zeitweise belegen darf. Pro Stunde kostet das Training bei ihm zwischen sieben und 13 Euro, je nachdem, wie viele Spieler teilnehmen. Nachdem Tennis lange als Elitensport verschrien gewesen sei, könne man seit ein paar Jahren wieder beinahe von einem Boom sprechen, so der Trainer. Legenden wie Boris Becker und Steffi Graf würden zwar insbesondere den Jüngeren heute kaum noch etwas sagen, aber dafür liege das unkomplizierte Sporttreiben an der frischen Luft offenbar im Trend. Die Mitgliederzahl des Vereins habe sich allein in den vergangenen zehn Jahren ungefähr verdoppelt.

Beim Tennis reiche ein Anfängertraining von ein paar Stunden erst einmal völlig aus, sagt Oliver Britze: „Ein paar Techniken sollte man kennen, das Meiste lernt man aber durch möglichst viel Spielpraxis.“ Zu den wichtigsten Grundlagen gehört der Aufschlag. Für den muss ich mich plötzlich unerwartet weit vom Netz entfernen. Zum ersten Mal spielen nun die weißen Markierungen, die das Tennisfeld unterteilen, eine Rolle.

Ein Tennisspiel nimmt seinen Anfang nämlich an der Linie, die das Feld rückseitig begrenzt. Die sogenannte Grundlinie ist in der Mitte mit einer kleinen Kerbe versehen, rechts davon stehen Oliver Britze und ich. „Fußstellung in Richtung des äußeren Pfostens“, weist mich mein Lehrer an. Nun den Ball locker in die Luft geworfen und den Ball mit geradem Arm diagonal in das gegenüberliegende Feld gespielt. Ich lasse den gelben Filzball mit ausgestrecktem Arm ins Sonnenlicht hüpfen, ziehe mit der anderen Hand den Schläger nach vorn – und treffe nicht. Nächster Versuch. Ich werfe den Ball in die Luft, ziehe den Schläger diesmal mit deutlich mehr Tempo nach vorn, treffe – und sehe meinen Ball kläglich vor dem Netz zu Boden eiern.

Zurück auf die Grundlinie

Nach drei weiteren verpatzten Versuchen schwant mir, dass ich von einer funktionierenden Spieltechnik doch noch deutlich weiter als eine Tischtennisplattenlänge entfernt bin. Oliver Britze aber lobt mich: Für den Anfang sei das gar nicht mal schlecht gewesen. Immerhin gilt der Aufschlag als einer der schwierigsten Schläge für Tennisanfänger.

Nachdem ich den Ball per Aufschlag wenigstens einmal übers Netz befördert habe, erklärt mir Oliver Britze noch zwei Schläge, mit denen der Ball zurückgespielt wird, ohne vorher den Boden zu berühren – den Volley und den Schmetterball. Während ich beim Volley den Schläger lediglich in Richtung des Balls halten soll, ohne ihn aktiv zu schlagen, ist der Schmetterball ein kraftvoller Rückschlag, für den der Tennisspieler den linken Arm ausstreckt, um sich zu stabilisieren. 

Damit ich bei so viel Technik auch genug Übung bekomme, rät Oliver Britze, dass wir nun erst einmal einen Ballwechsel in normalem Abstand versuchen. Das heißt, jeder von uns beginnt an der Grundlinie. Im Gegensatz zum Spiel auf Tischtennis-Entfernung treffe ich den Ball diesmal nur noch halb so oft. Spaß macht es trotzdem, auch weil sich inzwischen andere Spieler auf den benachbarten Feldern eingefunden haben. Wenn jemandem ein Ball zur Seite springt, lächelt man sich zu und wirft zurück.

Die Atmosphäre wirkt freundlich und entspannt. Jeans trägt außer mir zwar niemand. Aber immerhin sehe ich auch nirgends einen weißen Tennisanzug.