Kreuzberg - In Hallen wie dieser habe ich als Kind Sport gemacht: der Raum mittelgroß, der Fußboden abgewetztes Fischgrätparkett, die Fenster hallenhoch aus blickdichten Glasbausteinen. Die Turnhalle an der Ohlauer Straße in Kreuzberg ist ein Ort zum Wohlfühlen. Hier muss ich keine Angst haben, dass meine Sportklamotten aus altem T-Shirt und Caprihose in Mausgrau negativ auffallen oder dass ich viel zu alt für das bin, was ich an diesem Abend vorhabe: Fitnessboxen.

Ich bin trotz 53 Jahren und nur mittlerer Kondition optimistisch, dass der Abend gut wird, denn ich habe ein Ass im Ärmel: Ich besitze Vorerfahrungen im Boxen. Dort, wo ich in den Nullerjahren gelebt habe, gab es in meinem Fitnessclub nichts Vernünftiges außer Boxen. Das machte ich mehrere Jahre mit großem Vergnügen. Meine Boxhandschuhe sitzen noch, sodass es an diesem Abend in Kreuzberg kein so großes Wagnis sein kann, oder?

Als die Wanduhr 20 Uhr leicht überschritten hat, kommt Atilla Oener mit einer fröhlichen Begrüßung in die Halle. Kurswechsel. Die Frauen der Zumba-Gruppe schlendern heraus. Die Turnhalle hat ein besonderes Konzept: Wer Mitglied im Verein Berliner Turnerschaft wird, kann alle Kurse in der Gymwelt „Die Turnhalle“ belegen. Das verbindet alle, die hier schwitzen.

Hinter dem Boxtrainer kommen sieben Männer zwischen Mitte 30 und Mitte 40 herein. Nur Männer? „Ja, sonst sind auch Frauen da, zwei, drei, manchmal mehr“, sagt Atilla – man ist per Du. Der 42-Jährige trägt die Haare auf dem Kopf zum Zopf zusammengebunden, dazu einen Dreitagebart. Er ist mittelgroß und durchtrainiert, ohne dass die Muskeln abschreckend wirken. Vor allem ist er auf eine ansteckende Art entspannt. Ich hadere noch etwas mit der Gruppe – auf den ersten Blick zumindest alles gut trainierte Männer im besten Alter.

Als Atilla uns auffordert, uns warmzulaufen, fallen alle in einen lockeren Trab, ich auch – und hasse jedes überflüssige Pfund an mir. Wieso fällt einem das nur beim Laufen ein, nie beim Essen? Ich schummele und laufe langsam. Ich muss Reserven behalten. Schließlich soll das Training anderthalb Stunden dauern.

Drei Minuten Seilspringen

Vom Trab geht es in einen Lauf mit hochgezogenen Knien, mit Hacken, die hinten gegen den Po schlagen und dann, wie auch früher beim Boxtraining, zum Sprint. Der erste Läufer schlägt an der blauen Turnmatte an der Wand ab und stürmt zum Ende der Halle, alle tun es ihm nach. Ich auch. Irgendwie. Kann ich das durchhalten? Welche Farbe hat mein Gesicht? Bin ich schon außer Atem? Ja, rot, nein. Es geht weiter.

Ich hatte das Wort „Fitness“ beim Programm „Fitnessboxen“ übersehen. Die erste Stunde verbringen wir mit straffem Aufwärmen, man könnte es auch Erhitzen-bis-zum-Siedepunkt nennen. Doch es ist okay. Jeder macht, so gut er kann. Es gibt keine Kommentare, von wegen zu langsam, zu wenige Liegestütze, zu oft im Springseil verheddert.

Beim Seilspringen werden Erinnerungen an früher wach. Es ist das ultimative Trainingsgerät für Boxer. Was ich vergessen hatte: Bei dem Sport sind die Beine mindestens so wichtig wie die Arme. Sie sind immer in Bewegung, sie springen vor und zurück, tänzeln zur Seite, die Knie federn hoch und runter, wenn der Körper sich vorm Schlag des Gegners wegduckt. Es sind schöne Bewegungen voller Leichtigkeit – und genau dafür dient das Üben mit dem Springseil. Atilla hat eine weiße Uhr, die piept, wenn drei Minuten rum sind, so lang dauert eine Runde beim Boxen. Drei Minuten Springseil. Das ist lang, sehr lang.

Blutflecken in der Halle

Endlich sind alle Präliminarien abgeschlossen und das Wort Boxen fällt. „Übt die Bewegungsabläufe“, sagt Atilla und wir nehmen Hanteln mit 0,5 bis 3 Kilo, um die Arme zu fordern. Dann ziehen wir die Boxhandschuhe an. Vorher werden die Hände mit langen roten Bandagen geschützt.

Ich kann es kaum erwarten, ein bisschen Sparring zu üben. Einer der Mit-Trainierenden lässt sich auf einen Schlagabtausch ein und landet einen Treffer auf meiner Nase. Ach ja, stimmt, Boxen kann auch wehtun.

Gleich ist Atilla da und fragt, ob alles in Ordnung ist. „Klar.“ Blutet schließlich nicht. Der Trainer übt mit mir jetzt das Boxen. „Rechts, linker Haken, rechts“, gibt er mir Anweisungen und ich ziele auf seine Handschuhe. „Links, Aufwärtshaken, rechts.“ Schnell, immer schneller. Es macht Spaß. Vor allem, als ich einmal ganz kurz Überraschung in Atillas Augen sehe. „Du hast Power und gute Körperarbeit“, lobt er mich.

Ich drehe richtig auf und das nach der anstrengenden Fitnessphase. Schon ist es fast Viertel vor zehn. Atilla lässt uns abtrainieren. Als wir schwitzend zusammenstehen, frage ich meine Mit-Boxer, was sie zu dem Sport motiviert. „Man teilt mal aus und kriegt mal einen rein“, sagt Sascha, 44, Erzieher. Die Erfahrung der eigenen Grenzen zieht auch andere an. „Es holt einen aus der Komfortzone“, sagt Franz, der Kommunikation für Nachhaltigkeitsprojekte macht. „Boxen ist nicht prollig“, fügt Florian, Vertriebsingenieur für Lichttechnik, hinzu.

Alle haben Berufe, die man nicht mit dem Sport in Verbindung bringen würde. Der Trainer stellt sich am Ende als Schauspieler mit Engagements bei Theater und Film heraus. Und übrigens als echter Boxfan. Der geborene Duisburger stand schon mit neun Jahren im Ring und hat den Sport nie aus den Augen verloren.

Anders als in Boxstudios gibt es in der Turnhalle keinen Wettbewerb und keine Preise, für die die Teilnehmer trainieren. Doch auch hier wird Dampf abgelassen. „Ein paar Blutflecken gibt es noch in der Halle“, scherzt Atilla. Am Anfang seien einige Aggressionen wegtrainiert worden. Auch hier werden wieder Erinnerungen wach

Es gibt doch nichts Schöneres, als sich mal – in sportlich-fairem Rahmen – richtig auszutoben. Als ich die Turnhalle verlasse, fühle ich mich viel stärker als vor dem Training. Und vor allem richtig zufrieden.