FKA twigs, 33, hatte im Dezember schwere Anschuldigungen gegen ihren ehemaligen Freund, den Schauspieler Shia LaBeouf, erhoben: Während ihrer kurzen Beziehung soll er sie psychisch, physisch und vor allem auch sexuell misshandelt haben, so die Sängerin in der New York Times, sie habe deswegen bei einem Gericht in Los Angeles Klage gegen ihn eingereicht. In einem Interview mit dem Magazin Elle hat FKA twigs, die mit bürgerlichen Namen Tahliah Debrett Barnett heißt, ihre Vorwürfe jetzt erneuert und etliche Details hinzugefügt.

So beantwortet sie auch die Frage, warum sie sich die Tortur fast ein Jahr lang angetan hat. Offenbar war sie dem manipulativen Wesen und insbesondere den kalkulierten Kontroll-Taktiken des „Transformers“-Stars nicht gewachsen. „Wenn du einen Frosch ins kochende Wasser wirfst, springt er sofort wieder raus. Wenn du ihn in kaltes Wasser tust und es langsam zum Kochen bringst, bleibt er sitzen bis er verendet. Das genau beschreibt meine Erfahrung mit Shia.“ Bis heute beschäftige sie, dass und wie er ihr die „eigene Handlungskraft“ nahm.

FKA twigs: „Ich habe mich so geschämt für die Situation“

Dabei war die Sängerin erfolgreich, finanziell gesichert und hatte viele Freunde und Familienrückhalt, als sie während der Dreharbeiten zu „Honey Boy“ mit LaBeouf zusammenkam: „Leute würden nie denken, dass so etwas einer Frau wie mir passieren könnte. Der größte Irrtum ist die Annahme von Leuten, dass man klug und stark genug ist, einfach zu gehen. Die Wahrheit ist, so etwas kann jedem passieren!“ In der Konsequenz, so FKA twigs, „ist es reines Glück gewesen, dass ich von ihm weggekommen bin – und ein Wunder, dass ich es überlebt habe.“

Ein besonders drastisches Beispiel schildert sie wie folgt: 2019 stieg sie freiwillig wieder zu LaBeouf ins Auto, nachdem er sie die Nacht davor – laut ihrer Klage – gewürgt, mit dem Leben bedroht und körperlich misshandelt hatte. Die Fahrt nach Los Angeles wurde zu einem Höllentrip. LaBeouf fuhr so schnell und rücksichtslos, dass er immer wieder einen tödlichen Unfall riskierte. FKA twigs überlegte sogar, ob sie bei 140 Kilometern pro Stunde aus dem Wagen springen sollte: „Er hatte keinen Airbag auf der Beifahrerseite und ich war mir sicher, dass ich mir bei einem Unfall den Hals brechen würde.“

Foto: Elle
Missbrauch als Titelgeschichte: FKA twigs auf dem Cover des Magazins Elle.

Sie überstand die Fahrt und blieb noch drei weitere Monate bei LaBeouf. Der schlief mit einer Pistole griffbereit im Schlafzimmer, so FKA twigs in dem Elle-Interview, sie hatte deswegen Angst, nachts auf Toilette zu gehen, „weil er mich für einen Eindringling halten und erschießen könnte“. Sie machte heimlich ein Foto der Waffe und schickte es an ihren Manager: „Ich dachte, falls er mich erschießt, wird das den Ermittlern helfen. Ich habe ständig kleine Sachen hinterlassen, mit denen man die Ursache meines Todes hätte aufklären können.“

Sie fing an, sich zu isolieren: „Ich habe mich so geschämt für die Situation und lieber den Kontakt abgebrochen, als mich erklären zu müssen.“ Damit schien die Kontrolle perfekt, jede Hilfe rückte in unerreichbare Ferne. Und so war es am Ende eher ein Zufall, dass sie von ihrem Peiniger losgekommen sei. Während ihrer Welttournee im Mai 2019 habe sie endlich die sichere Distanz gefunden, die es ihr ermöglichte, die Beziehung mit LaBeouf zu beenden. Kurz vorher hatte sie erfahren, dass er ihr eine sexuell übertragbare Krankheit verheimlicht und sie damit angesteckt hatte.

Shia LaBeouf: „Ich habe keine Entschuldigung“

Noch heute macht sich FKA twigs selber Vorwürfe: „Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich plötzlich die Kraft gefunden hätte, ihn zu verlassen. Dass ich mich endlich daran erinnert hätte, wie meine Mutter mich als starke Frau erzogen hat. Doch am Ende war alles nur Zufall, dass ich nicht noch immer in dieser Situation bin – und noch lebe.“ Der Gang in die Öffentlichkeit helfe ihr bei der Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen, „weil ich durch mein Schicksal auf häusliche Gewalt aufmerksam machen kann, aus Missbrauchsbeziehungen zu fliehen“.

Shia LaBeouf hat inzwischen über seine Anwälte mitteilen lassen, dass er „jeden“ Missbrauchsvorwurf bestreitet. People.com zitierte unlängst aus der Entgegnung. Demnach bestreite LaBeouf „im Allgemeinen und im Besonderen jede in der Klage enthaltene Behauptung“. Auch bestreite er, dass die Musikerin „aufgrund einer Handlung oder Unterlassung eine Verletzung oder einen Verlust erlitten hat“. Die Antwort endet damit, dass LaBeouf hoffe, dass ein Urteil zu seinen Gunsten gefällt und FKA twigs zur Zahlung seiner Rechtskosten verurteilt werde.

Schon gegenüber der New York Times hatte LaBeouf zwar betont, dass „viele dieser Anschuldigungen nicht wahr sind“. Aber er hatte sogleich einschränkend hinzugefügt, er werde „die Verantwortung für die Dinge übernehmen, die ich getan habe, und mich bei allen, die unter mir leiden mussten, entschuldigen“. Außer FKA twigs hatten unter anderem auch die Sängerin Sia, 44, und die Schauspielerin Mandy Moore, 36, Missbrauchsvorwürfe gegen LaBeouf erhoben.

Das Beispiel Marilyn Mansons sollte eine Warnung sein

Auch sonst hatte sich LaBeouf bußfertig gezeigt: „Ich habe keine Entschuldigungen für meinen Alkoholismus oder meine Aggression, nur Rationalisierungen. Ich habe mich und alle um mich herum jahrelang missbraucht. Ich habe in der Vergangenheit die Menschen verletzt, die mir am nächsten stehen. Ich schäme mich für diese Geschichte und entschuldige mich bei denen, die ich verletzt habe. Ich kann nichts anderes wirklich sagen.“ Vor diesem Hintergrund kündige LaBeouf an, „mich wegen meines posttraumatischen Stresssyndroms in Therapie zu begeben“.

Laut dem Branchenblatt Variety befindet sich LaBeouf seit fünf Wochen in stationärer Behandlung. Er habe sich überdies von seiner Agentur CAA getrennt und die Entscheidung getroffen, eine Pause von der Schauspielerei einzulegen, damit er sich ausschließlich auf seine Genesung konzentrieren könne. Den Rest hat er offenbar seinen Anwälten überlassen und die scheinen eine härtere Gangart im Umgang mit FKA twigs zu bevorzugen. Für LaBeouf geht es jetzt darum, seine Karriere zu retten. Das Beispiel Marilyn Mansons wird ihm da eine Warnung gewesen sein.