In den tiefsten Tiefen und in der dunkelsten Dunkelheit tanzt eine sehr schöne, nicht mehr ganz junge Frau mit einem vielfältig verfurchten, prächtig tätowierten Gesicht, mit schwerem Goldschmuck an den Fingern und einer aus der Stirn wachsenden Rute, an deren äußerstem Ende ein Leuchtkörper hängt wie bei einem Fisch der Gattung Ceratioidei. Diese Fische leben in den untersten, gänzlich lichtlosen Zonen der Meere. Mit den Lämpchen vor ihren Köpfen locken sie Beute an; dann töten sie die Beute und essen sie auf.

Die tätowierte Tiefseefischfrau, der wir hier beim lockenden Tanzen zusehen, wird jedoch zu ihrer eigenen Beute. Sie stopft sich den Köder in den daraufhin glühenden Mund – und gebiert einen Embryo, der sich zu einem Baby entwickelt; das Baby wiederum wächst zu einem Gummifräulein heran, das einem erregt schwitzenden Mann zur sexuellen Befriedigung dient. „I’m Your Doll“ singt die tiefseegeborene Befriedigungspuppe mit hoher, klarer, leicht kieksender Stimme, während darunter scharfkantig zugeschliffene Beats stottern und stolpern und der erregte Mann mit verzerrtem Gesicht die fleischfarbenen Hände benuckelt; das Gesicht des benuckelten Dings, jedoch, gehört jener Frau, die dieses Lied singt, FKA twigs.

So beginnt der erstaunliche Videofilm, den die britische Sängerin Tahliah Barnett alias FKA twigs zu ihrer neuen Platte inszeniert hat; sie heißt „M3LL155X“ und enthält nur fünf Stücke, die zusammen nicht einmal zwanzig Minuten dauern. Doch was man hier hört und im Film dazu sieht, ist von so atemberaubender Schönheit und von zugleich so verstörend erhellender Zerrissenheit wie wenig anderes, was der Pop der jüngeren Vergangenheit hervorgebracht hat.

„M3LL155X“ handelt von Liebe und Schmerz, Unterwerfung und Souveränität, von prometheischer Selbsterschaffung und sexueller Erniedrigung, vom polymorph perversen Fluss des Begehrens und von der eigentlich doch alle Polymorphie des Körpers beendenden Erfahrung der Mutterschaft. Denn der durch Selbstbefruchtung erzeugte und alsdann zum sexuellen Objekt herabgewürdigte Körper ist im nächsten Song „In Time“ nun seinerseits schwanger geworden. Mit einem prallen Babybauch tanzt FKA twigs eine den Leib und die Glieder gleichsam rücksichtslos durchwirbelnde Choreografie – im Stil des Vogueing, also nach Art jener schwulen und transsexuellen Tänzer, die seit den Achtzigerjahren in New York mit der exaltierten Aneignung heterosexuell-weiblicher Bewegungsstandards einen „eigenen“ Körperausdruck zu entwickeln versuchten.

„M3LL155X“ ist die vierte Platte, die FKA twigs innerhalb von drei Jahren veröffentlicht hat. Auf ihren ersten beiden EPs von 2012 und 2013 hörte man noch vor allem sehnsuchtsvoll sacht gehauchte Gesänge zu zart tropfenden Beats; Lieder von unerfülltem Begehren und unerwiderter Liebe. Immer wieder ging es um die Sehnsucht nach Nähe und Vereinigung und den Wunsch, sich dafür der oder dem Geliebten zu überlassen. Doch war dies stets mit dem Wissen durchsetzt, dass alles Sich-Überlassen mit der Aufgabe der eigenen Wünsche, des eigenen Selbst verbunden ist.

So waren schon hier wie auch auf „LP 1“ aus dem Sommer 2014 Souveränität und Unterwerfung ununterscheidbar geworden. Doch kam die Zerrissenheit, die daraus resultiert, noch nie so eindrucksvoll ungeschützt zur Erscheinung wie nun auf „M3LL155X“. Das gilt nicht nur für die Videobilder, sondern in besonderem Maß auch für die Musik; für die Art und Weise, in der FKA twigs ihren zarten Gesang mit den grob klackernden Beats, mit den grollenden Drones und schwer vibrierenden Bässen ihres Produzenten Jordon Asher alias Boots verschränkt und konterkariert. Niemals doppelt die Instrumentierung oder die Rhythmik ihre melodischen Bögen. Stets scheint FKA twigs beim Singen sich an eine Musik schmiegen zu wollen, die sich ihr doch sogleich wieder entzieht, die unter ihr wegbricht und ihre stimmliche Fülle, ihre melodische Sicherheit ruiniert – aber nur, um diese Sicherheit im gelingenden Widerstreben umso strahlender aufleuchten zu lassen.

In früheren Songs hatte FKA twigs ihre Stimme oft zum Gegenstand des rhythmischen Sampling gemacht, ähnlich wie vor ihr etwa James Blake. Auf „M3LL155X“ sind Gesang und Begleitung, musikalischer Vorder- und Hintergrund nun weit deutlicher voneinander geschieden. Doch ist ihre Stimme dafür stets von unbehaglich flirrenden Aureolen umkränzt, von einem verwehten Geistergemurmel oder technischen Störgeräuschen; als werde, was man hier hört, aus einem Äther empfangen, aus dem die Übertragung immer wieder abzureißen scheint.

Vielleicht kann man Schizo-Pop dazu sagen; vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die tätowierte Tänzerin am Beginn des Films, die Modeschöpferin Michèle Lamy, in Paris einst zu den Schülerinnen der Schizo-Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari gehörte. In der souveränen Inszenierung der Risse durch das eigene Selbst, in der unendlichen Verspiegelung von Nicht-Ich und Ich ist FKA twigs jedenfalls zur souveränsten Popsängerin der Gegenwart geworden; eine Künstlerin, die weiß, dass jede Art von Autonomie erst aus der selbstbewussten Spiegelung, Verzerrung und Störung „fremder“ Bilder und Zuweisungen erwachsen kann. Dass sie anders ist als das, was die Anderen in ihr sehen, demonstriert sie nicht im Streben nach einer ohnehin unerreichbaren Authentizität. Sondern indem sie sich mit ihrer Stimme und ihrem Körper jedem Wunsch nach Eindeutigkeit unaufhörlich entzieht; ihre Kunst ist ein Spiegelkabinett unendlich vieler Nicht-Ichs und fakes, in dem die Momente des Ichs und der Echtheit umso schöner und schmerzhafter aufblitzen.