Allerhöchste Geheimhaltungsstufe ist angesagt. Mit vielsagendem Blick wird der Branchen-Smalltalk vor der Berghain-Kantine abgebrochen, als es um das anstehende Album von FKA Twigs geht, das die 26-jährige Poststep-Soulerin am Mittwochabend zumindest auszugsweise vorstellen sollte. Noch nicht einmal einen Termin darf Twigs Plattenfirma verraten. Stattdessen erfährt man, es werde „vermutlich“ Ende Juni verlautbart, wann das Album denn erscheine. Das wirkt schon etwas überzogen: Zwei schöne EPs aus dem Londoner Underground, mit einer Handvoll superschick produzierter Songs und einer suggestiv ätherischen Stimme – und schon wird ein Albumdebüt gehandelt, als könne das Rezept den Krebs weltweit besiegen.

Rätselhaft eindringlich

Nach dem Konzert wiederum wird man eine vergleichbare Durchschlagskraft eher bezweifeln. Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre, mitunter irrsinnig aufregend und rätselhaft eindringlich. Zu entkernten Tracks wiegt sich die überaus zierliche, sehr bezaubernde Britin mit weichen Armbewegungen über die kleine Bühne, als singe sie in ihrem weißen Chiffon mit Schleierstola unter Wasser und würde dabei von einer sanften Beat-Strömung geschubst. Links und rechts stehen zwei Drummer, die mit ihren Klöppeln allerdings auf elektronische Gerätschaften trommeln. Diese erfüllen auf hybride Art zugleich melodische und perkussive Aufgaben, vergleichbar einer Marimba oder einem Glockenspiel, um mehrere unerhörte Dimensionen verschoben natürlich. Sie markieren die Architektur der Stücke mit ausgehöhlten Blöcken aus dunkel klopfenden oder eigenartig beweglichen, gläsernen Sounds. Ein digital vernabelter Gitarrist schiebt fremdartige Harmonien umher, in denen sich Twigs’ Gesang bis in körperphysikalisch grenzwertige Höhen bewegt.

In manchen Stücken erkennt man dabei eine Art Selbstfragmentierung, so als versuche Twigs, den post-humanen Effekt der gesampelten Stimmfetzen älterer Dubstep-Produktionen einzufangen. Wenn sie „Water Me“ mit einem hellen Hach-hach-hach-Stakkato beginnt, erinnert sie von fern an Laurie Andersons frühe „Superman“-Experimente. Aber es fehlt dabei wesentlich die narrative Handreichung. FKA Twigs’ Tracks bilden eine eher zerstückelte Umgebung.

Man sollte hier ruhig einmal die offenbare Evolution des Hörerbewusstsein festhalten: Dass man derart gestrippte musikalische Mittel, diese frei flottierenden, pochenden und flirrenden Sounds im Kopf zu wirksamen Popsongs zusammenbasteln kann, ist eine bemerkenswerte Leistung. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Vor allem die zweite EP von Twigs – produziert vom New Yorker Arca, der letztes Jahr durch ein paar Stücke des abenteuerlichen „Yeezus“ von Kanye West bekannt wurde – ist ein erstaunliches Beispiel dafür, wie viele Markierungen man aus so einem Song herausminimalisieren kann, ohne dass einem die Nummern unter den Reglern zerfallen.

Nicht nur klanglich stehen Arca und FKA Twigs für die mindestens zweite Generation eines neuen, stark inwärts gerichteten, radikal entschlackten und zugleich verwischten R&B, der in den letzten Jahren vor allem von britischen Post-Dubstep-Künstlern wie ihren Label-Kollegen The XX und SBTRKT konturiert wurde. Als Tahliah Barnett war FKA Twigs mit 17 Jahren aus dem ländlichen Gloucestershire im Südwesten Englands nach London gekommen, wo sie ihre klassische Ausbildung als Tänzerin zum Beispiel 2010 bei der – eher konventionellen – Soulsängerin Jessie J zeigte. Ihr komischer Name kürzt übrigens die Prince-Wendung „Formerly Known As“ ab, weil es bereits eine Künstlerin namens Twigs gab.

Kühl vibrierend

Viel mehr Informationen gibt es nicht. Aber gleich die erste EP von FKA Twigs aus dem Jahr 2012 wurde enthusiastisch als „Trip Hop für ein neues Zeitalter“ gefeiert – was nicht nur an der Konsequenz der tief hängenden Sounds, sondern auch an deren toller, visueller Umsetzung lag. So sieht man zum Beispiel in „Ache“ zu zart hauchender Stimme und kühl vibrierenden Tropfsteingeräuschen vier Minuten lang einen Tänzer, der sich unter einer Foltermaske aus Basketball-Stiefeln mit höchster Körperspannung in Zeitlupe vor einer leeren Beton- und Neonkulisse windet.

In „Water Me“ entsteht ein ähnlich klaustrophober Effekt aus einer einzigen Einstellung, in der man Twigs nah ins kaum merklich manipulierte Gesicht blickt. Während ihr eine animierte Träne wie ein flüssiger Diamant über die Wange rinnt, schwärzen sich die Pupillen, bis sie alienhaft das Auge füllen. Die Wehmut hat dabei einen alltäglichen Grund. „Er will keinen Sex mit mir“, seufzen ihre gelayerten Stimmen, „also bin ich auf mich selbst angewiesen.“

Diese – im Zweifel ja auch reizvolle – Einsamkeit wird jedoch in der Konzertstrecke ein bisschen schwierig. Die Sounds klingen so originell wie die Stimme eindrucksvoll rein und entrückt. Aber so unentwegt betrübt wie dynamisch unterdrückt wirkt die Performance doch ein wenig eintönig. Die neuen Stücke erlauben sich übrigens ein paar mehr Ornamente, ein paar flüssige Modulationen und zutraulichere, Soul-festere Melodik. Aber ob das etwas fürs Album bedeutet, kann man natürlich nicht sagen.