Eine Lichtung im Wald, ein paar Boxen, Girlanden und ein paar Dutzend Bekannte: Berlin feiert gern so. Spontane Partys, draußen und ohne große Infrastruktur, bescherten der Stadt einst ihren Ruf als Metropole mit Raum für Ausgefallenes.

Doch immer wieder kommt es zu Nutzungskonflikten. Der Lärm stört Anwohner oder Parkbesucher, am Ende bleibt Müll zurück. Partyveranstalter wiederum klagen, keine freien Flächen mehr für ihre Events zu finden. Ein neues Projekt der Clubcommission soll nun beiden Seiten helfen.

„Wir suchen nach Orten, an denen wir ein neues Freiluftpartysystem testen können“, erklärt Liese Kingma. Sie ist bei dem Zusammenschluss der Akteure aus dem Berliner Nachtleben die Verantwortliche für das Projekt mit dem englischen Titel „Model Space“. 

In vier Bezirken wird gesucht

Gesucht wird nicht nach Wiesen, Waldstücken oder Parks für große Festivals, sondern für kleine, nichtkommerzielle Raves, die keinen Eintritt kosten und Getränke oft gegen eine Spende abgeben. In der Szene heißen diese Partys Free Open Airs.

Vier Bezirke haben zugestimmt, ihr Gebiet auf mögliche Veranstaltungsorte hin prüfen zu lassen: Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow, Tempelhof-Schöneberg und Mitte. Über mehrere Monate entwickelten Studierende der Technischen Universität Kriterien, die eine Fläche mitbringen muss, um dauerhaft für Draußenpartys geeignet zu sein.

Chancen in Friedrichshain-Kreuzberg stehen schlecht

„Wichtig ist, dass die nächsten Anwohner möglichst weit entfernt leben, dass die Fläche mit Bus und Bahn zu erreichen ist und dass Veranstalter Rettungswege leiten können“, erklärt Studentin Charlotte Weber aus der Forschungsgruppe. „Aber auch, ob Kliniken oder Seniorenheime in der Gegend sind, ob es sich um ein Wasser- oder Naturschutzgebiet handelt und ob der Ort Intimität bietet, also etwa von Bäumen umstellt ist.“

31 Flächen untersuchten die Studierenden allein in Pankow. „Schnell war klar, dass zum Beispiel der Bürgerpark am Pankower Rathaus nicht infrage kommt, weil er zu viele Nachbarn hat und zu stark von Familien und Spaziergängern besucht ist.“ Inmitten der Felder am Stadtpark Neue Wiesen in Karow sähe dies anders aus. Auch etwa zwischen den Autobahnen und großen Straßen in Tempelhof-Schöneberg, wo es sowieso laut ist, wären Freiluftpartys denkbar.

Im dicht bebauten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg prüften die Forscher 14 Flächen. Charlotte Weber ist hier jedoch skeptischer als anderswo: „Viele Anwohner teilen sich die sowieso knappen Grünflächen mit Touristen und Besuchern.“

Regelung bis Ende des Jahres angestrebt

Konkreter will Weber die Orte noch nicht nennen. Die Studierenden haben jedem Bezirk zwei bis drei Vorschläge für Probepartyflächen unterbreitet. Dort will die Clubcommission über den Sommer Testveranstaltungen durchführen. „Wir wollen evaluieren, wie man Schall leitet, Boxen ausrichtet oder Mülleimer aufstellt, damit nichts liegenbleibt“, sagt Liese Kingma.

Der Clubcommission schwebt bis Ende des Jahres eine Regelung vor, die es Partyveranstaltern erlaubt, den öffentlichen Raum spontan mit kleinen Raves zu bespielen, ohne dabei jemanden zu stören.

„Bisher muss, wer ein Event anmelden will, etliche Anträge ausfüllen, der Genehmigungsprozess zieht sich oft über Monate“, sagt Kingma. Ein zeitaufwendiges Verfahren, das teils Geld kostet und zum Schluss oft mit einem Nein endet.

Bremer Gesetz als Vorbild

In Bremen, das mit seinem Freiluftpartygesetz bundesweit als Vorreiter gilt, melden Musikkollektive ihre Veranstaltungen simpel und transparent über das Internet beim Ordnungsamt an. Sie nennen einen Verantwortlichen für etwaige Schäden und Lärmbeschwerden. Er steht dafür ein, dass bis 10 Uhr am Folgetag aller Müll verschwunden ist.

Die Anmeldefrist beträgt zwei Wochen, eine Fläche darf maximal siebenmal pro Jahr bespielt werden und es gibt eine Liste mit öffentlichen Orten, die nicht für Partys bereitstehen. Das Bremer Gesetz findet auch beim Berliner Senat Beachtung.

„Die Suche und Entwicklung von Orten im öffentlichen Raum, die unbürokratisch für nichtkommerzielle Partyveranstaltungen unter freiem Himmel genutzt werden können, ist bereits ein Auftrag aus dem Koalitionsvertrag. Andere Städte machen vor, dass das funktioniert“, kommentiert Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gegenüber der Berliner Zeitung. „Mit dem Model-Space-Projekt sollen Konfliktpotenziale eingegrenzt werden, die sich zwischen Veranstaltern, Bürgern und Behörden entwickeln können.“

Opposition bleibt skeptisch

Der Berliner Grünen-Politiker Georg Kössler, der das Thema seit Beginn der Legislaturperiode im Abgeordnetenhaus vorantreibt, sieht noch einen weiteren Vorteil in einem möglichen Freiluftpartygesetz. „Spannend ist, dass in Bremen nicht nur Raves, sondern auch andere Veranstaltungen angemeldet werden.“ Auch Theater, kleine Konzerte, Picknicks oder Opern wären denkbar.

In Teilen der Opposition stößt die Idee hingegen auf Ablehnung: „Berlin war immer eine tolerante Stadt, aber zu Toleranz gehört Respekt. Wenn ich feiern will, gehe ich in einen schallisolierten Club. Aber der Vater, der am nächsten Tag ins Büro muss und dessen Kinder nachts aufwachen, kann nirgendwo anders hin“, sagt der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe. „Wo in Berlin und dem nahen Umland können sie Flächen finden, auf denen Sie keine Anwohner stören? Höchstens auf der Ruine des BER.“

Bleibt abzuwarten, ob es der Clubcommission und den Studierenden gelingt, solche Orte zu finden. Möglicherweise gehört zwar nicht der BER dazu, aber vielleicht ein anderes Flughafengelände im Norden der Stadt, das bald ausgedient haben könnte.