Ein Flashmob in Melbourne: Mehrere Frauen tanzen zu einem Lied von Kate Bush.
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BerlinGestern sah ich mir auf YouTube eine Stunde lang Flashmobs an. Ein Flashmob ist eine Aktion von ein paar Leuten, die immer mehr Leute hineinziehen in das Geschehen. Mein erster Flashmob war ein vorgetäuschter. Auf einem von vielen Menschen besuchten Marktplatz steht ein Musiker und beginnt zu spielen. Ton für Ton verwandeln sich immer mehr der Passanten in Musiker und Sänger. Sie führen den letzten Satz von Beethovens neunter Symphonie, die „Ode an die Freude“, auf. 

Dergleichen fand nach 2010 überall auf der Welt statt. Es war eine Weile lang ein festes Element der Programme der Fremdenverkehrsämter. Es gab den „Bolero“, „We will rock you“, „Gangnam Style“ und Hunderte mehr. Im Mai 2013 machte im Berliner Hauptbahnhof ein Frauenblasorchester einen Flashmob. Mehr als 3.400.000-mal wurde der RAF-Flashmob auf YouTube aufgerufen. Er hat nichts mit dem zu tun, woran wir in Deutschland denken, sondern es war eine der Veranstaltungen der Royal Air Force zum 90. Geburtstag der Queen. Es ist auch kein wirklicher Flashmob, sondern die Soldaten zeigen, wie gut sie auch in einem Bahnhof exerzieren können. Interessant ist, dass die Ordnung sich als Unordnung ausgeben muss, um hohe Klickzahlen zu erreichen.

Der deutsche Wikipedia-Eintrag erinnert an andere Flashmobs. Zum Beispiel an die Aktion einer Gruppe, die 2003 in einem New Yorker Kaufhaus für Aufregung sorgte, weil immer mehr zusammenströmten, um sich gemeinsam einen großen Liebesteppich auszusuchen. Das Vorgehen erinnert an Verwandtes der „Subversiven Aktion“ in den 60ern, als Kapitalismus- und Konsumkritik noch fröhliche Happenings waren.

Flashmobs für Sinnvolles einsetzen

Am 19. Juli 2006 sollen am „World Jump Day“ 600 Millionen Menschen gleichzeitig in die Luft gesprungen sein, um die Erde in eine andere Umlaufbahn zu schubsen. Geo-logisch Unsinn, aber eine logistische Großtat, die nur mittels der neuen Medien durchgeführt werden konnte. Wer daran das Sinnfreie liebt, wird wenig Verständnis für die haben, die Flashmobs für Sinnvolles einsetzen wollen. Also zum Beispiel, um einer Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Oder für den Arabischen Frühling.

Ich hänge noch immer an meiner ersten Flashmob-Liebe. Diesem großangelegten Betrug, bei dem ganze Orchester und Chöre sich als harmlose Passanten tarnen, dann aber stellt einer sich auf eine Bank und beginnt mit einer bestens ausgebildeten Stimme ein Lied, einen Song, ein Halleluja, in das dann andere, Frauen und Männer, Junge und Alte, einfallen, bis man das Gefühl hat, der ganze Ort, ja die ganze Welt singe und ohne zu merken, wann es geschah, hat man seine Scham abgelegt und singt mit. Singen und tanzen scheinen keine mühsam antrainierten Fertigkeiten mehr, sondern sind nichts anderes als Ausdruck einer nicht zu zügelnden Lebenslust.

Im Jahre 2000 suchte Pina Bausch für eine Neueinstudierung ihres Klassikers „Kontakthof“ aus dem Jahr 1978 Frauen und Männer über 65. Es wurde ein Tanztheater ohne Tanz. Ein Meisterwerk des Minimalismus. Eine meiner größten Theatererfahrungen. Die auf YouTube zu sehende Aufzeichnung vermittelt nur einen sehr blassen Eindruck. Kein Flashmob, nicht einmal ein gefälschter.

Alles ist möglich, wenn Menschen bereit sind

Pina Bausch erinnerte daran, dass die Kunst von der Straße kommt, dass sie nicht angewiesen ist auf durchtrainierte Profis. Alles – im Bösen wie im Guten – ist möglich, wenn Menschen bereit sind, aus sich herauszugehen. Ich verstand damals noch nicht die Rolle von Pina Bausch. Heute weiß ich, wie unentbehrlich jemand ist, der den Spielern die Sicherheit gibt, sich fallen zu lassen, ja das Vertrauen, dass all das, das sie noch niemals im Leben getan haben, ihnen am Ende womöglich sogar glücken könnte.

„Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden“, hat Kant 1784 bedauernd festgestellt. Aber hier im „Kontakthof +65“ konnte man sehen, dass das Gerade kein erstrebenswertes Ziel ist. Jedenfalls nicht in der Kunst und nicht auf unserem Planeten. Die gekrümmten Gestalten bildeten auf der Bühne zusammen eine große Geste der Anmut. Wer im Theater saß, den ergriff der Gedanke: Das kann Gesellschaft sein. In glücklichen Augenblicken. Das Ganze ist nicht nur mehr als die Summe seiner Teile. Manchmal ist es auch schöner. Wir suchen den anderen, nicht nur weil wir wissen, dass dieses Leben allein nicht zu schaffen ist. Es soll auch schöner werden mit ihm oder ihr.

Nach Pina Bausch kamen die Flashmobs. Die Kunst ging auf die Straße. Mir schienen das Aktionen, die dazu aufriefen, mitzumachen … Nein, nein. Sie riefen gerade nicht dazu auf. Sondern Einzelne fingen einfach an, und wer wollte, fühlte sich zum Mitmachen animiert. Viel war daran Theater. Aber wenn der letzte Satz von Beethovens Neunter auf dem Nürnberger Marktplatz von einem jungen Mädchen auf einer Flöte intoniert wurde, dann signalisierte das doch auch: Jeder Anfang ist klein. Kein Grund zu zagen.

Der Mob ist die Masse

Vor ein paar Monaten sahen wir die Italiener auf ihren Balkonen stehen und singen und musizieren. „Flashmobs gegen Corona“ hieß das damals. Überall auf der Welt kam es zu ähnlichen Aktionen. Aber das waren natürlich keine Flashmobs. Der Mob ist die Masse. Die eng beieinander sich bewegende, in der Reibung sich erhitzende Masse. Eine Masse von Einzelnen, Pärchen, Familien, Freunden. Beim Flashmob lösen sich Einzelne, die man nicht beachtete, aus der Masse. Wir stehen daneben, wenn ein junger Mann nach der Hand einer ihm scheinbar unbekannten Frau greift. Sie beginnen zu tanzen. Nach drei, vier Schritten ist klar: Sie sind Tänzer, die uns vorführen, wie Paare sich finden, sich voneinander lösen, mit neuen Partnern neue Schritte wagen. Sie zeigen uns, wie das Leben funktioniert. Nur für diesen einen Moment. Sie wissen nicht, ob die Menschen, die nicht mit zum Spiel gehören, mitrocken oder ärgerlich an ihnen vorbeihasten werden. Das ist das Risiko.

Das ist immer das Risiko für die, die aus der Reihe tanzen. Haben sie Pech, bleiben sie allein, wirken lächerlich mit ihrem mühsam erworbenen Können, für das niemand auf der Welt sich interessiert. Haben sie Glück, macht der Mob mit. Geht es schnell, ist ihnen ein Flashmob geglückt. Die meisten ziehen, bleibt die Resonanz aus, den Kopf, oder was immer sie hinausgestreckt haben, wieder zurück. Die, die nicht verbittern, machen dann mit beim nächsten Flashmob. Nicht unbedingt bei „Gangnam Style“, aber vielleicht, man ist älter geworden, bei „Azzurro“ oder „All you need is love“. Aber schöner ist es schon, wenn nicht alle dasselbe machen. Sondern jeder das Seine und aus dem Zusammenklang entsteht etwas Neues, das kein Einzelner anstrebte.

Hunderte Menschen halten zu Ehren der Band Queen einen Flashmob.
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Ich spreche ein wenig zu viel von Musik. Dabei wissen wir, dass es das in allen Bereichen gibt. Menschen sitzen zusammen, spielen und plötzlich schert eine aus und schlägt etwas anderes vor und mit einem Male ist aus dem üblichen Rommee-Nachmittag eine Selbsterfahrungsgruppe geworden. Schreckliche Vorstellung? Und umgekehrt? Ein schlechtes Beispiel auch, weil es sich in einer geschlossenen Runde abspielt. Man muss hinaus aus ihr, wenn man etwas Neues erleben möchte.

Den Alten scheint im Rückblick das Leben selbst wie ein Flashmob

Flashmobs stellen nicht nur Gesellschaft dar. Sie sind auch Formen der Vergesellschaftung. Da sie so kurz sind, funktionieren sie als Zeitraffer. Für Beteiligte und Beobachter. Es bilden sich keine dauerhaften Organisationen. Mir ist nicht bekannt, dass es Fanclubs des „World Jump Day“ gibt, wie Hertha und Eintracht sie haben.

Den Alten scheint im Rückblick das Leben selbst wie ein Flashmob. Für einen kurzen Moment taucht das Individuum auf aus der unbelebten Materie, in die es nach dem Tode zurücksinkt. Der Flashmob selbst scheint auch nur eine kurze Lebensdauer gehabt zu haben. Er ist ein Produkt des Smartphones. In den 90er-Jahren begannen beide ihre Karriere. Sie ergänzten einander. Das Smartphone vereinzelte die Menschen, das virtuelle Zusammensein schien das reale zu verdrängen. Der Flashmob dagegen machte das körperliche Zusammensein, das Zusammenspiel, zu einem Erlebnis.

Jetzt sieht es so aus, als sei die Epoche des Flashmobs schon beendet. Schon der Anstieg der volkswirtschaftlichen Bedeutung des tertiären Sektors hatte die Massen aus dem Blickfeld gerückt. Dann kamen die neuen Technologien, die die Kommunikation individualisierten. Jetzt machen die Anti-Corona-Regeln den Massen erst einmal den Garaus. Wo es keine Massen gibt, gibt es keinen Mob. Also auch keinen Flashmob. Ich trauere ihm nach.