„Es gayt wieder los“, sagt die Sprecherin aus dem Off – und eigentlich würde man ob dieser unverschämt dämlichen Wortspielerei gleich wieder abschalten. Aber das Leben eines Trash-Kolumnisten ist ja kein Wunschkonzert und die neue Staffel von „Princess Charming“ muss man als solcher dann doch gesehen und besprochen haben. Denn schon die erste Staffel dieser lesbischen Liebes-Castingshow war ja mit Lob und Auszeichnungen überschüttet worden; es gab den Deutschen Fernsehpreis für die „Beste Unterhaltung Reality“, von einem wichtigen Beitrag zur Sichtbarmachung lesbischer Frauen und ihrer Lebens- und Liebeswelten war allerorts die Rede.

Und es stimmt ja: Während schwulen Männern mittlerweile doch recht viel Raum im deutschen Fernsehen eingeräumt wird, kommen lesbische Frauen eher nur am Rande vor. Gut also, dass es nun ein Format gibt, in dem es nur um sie alleine geht. Dass es sich dabei ausgerechnet um eine Reality-Date-Parade nach dem Vorbild von „Bachelor“ und „Bachelorette“ handeln muss – nun ja. Außerdem sei nebenbei bemerkt: Mit „Prince Charming“ hatten die schwulen Männer schon zwei Jahre vorher ihr eigenes Flirt- und Fummelformat bekommen. Da haben wir‘s doch wieder!

Nun aber zu „Princess Charming“, zweite Staffel, erste Folge: Ohne Klischees kommt die sich selbst als betont klischeefrei gebende Show natürlich gar nicht aus. Ulkigerweise sorgen die Lesben gleich selbst fürs antiquierte Rollenbild. „Ich stehe ja eher auf richtig weibliche Frauen mit langen Haaren“, gesteht die Berlinerin Sabcho, die selbst einen knackigen Bürstenschnitt trägt – „wobei manche Frauen ja auch mit kurzen Haaren weiblich aussehen“, stellt sie dann selber doch noch fest. Auch die hippiesque zurechtgemachte Kandidatin Jasmin Amelia aus Osnabrück grübelt, „ob da eher eine weibliche oder eine männliche Princess kommt.“ Später hört man Jasmin Amelia fantasieren: „Ich fänd‘ es so toll, wenn man Schamlippen genauso bewegen könnte wie die Lippen im Gesicht.“ Lustige Tricks ließen sich mit so einer vielbegabten Vulva sicherlich anstellen.

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Eine ganze Dating-Show ohne Männer: Dass es keine blöden Anmachsprüche gibt, bedeutet das aber nicht.

Apropos Vulva: Die wird wie so vielerorts in diesen Zeiten freilich auch in der „Princess Charming“-Villa mit Lobeshymnen besungen. „Viva la Vulva“, steht in roséfarbenen Lettern über einem Bett im großzügigen Serienset-Anwesen, das sich interessanterweise nicht auf Lesbos, sondern auf Rhodos befindet. Hübsch, dieses Vagina-Wandtattoo – aber man kommt nicht umhin, sich ähnliches Dekor auch im Haus der „Prince Charming“-Kandidaten vorzustellen. „Es lebe der Schwanz“ stand dort jedenfalls nirgendwo auf die Wand geschrieben. Sei’s drum – hier geht’s ja jetzt um die Frauen und das ist auch verdammt nochmal gut so.

Wer bleiben darf, kriegt hässlichen Modeschmuck umgehängt

Die wichtigste Frau der Staffel, die „Princess Charming“, taucht in der ersten Folge dann auch noch irgendwann auf: Sie hat kurze Haare – was ja offenbar eine wichtige Kategorisierungs-Information bedeutet –, heißt Hanna, ist 28 Jahre alt und offenbar eine ziemlich coole Sau. Im Trockenbau hat die Hannoveranerin eine Ausbildung absolviert; eingeblendete Fotos von ihr mit Bauhelm und grünem Blaumann zeugen noch davon. Sie habe kein Problem, berufsbedingt von vielen Männern umgeben zu sein, gibt die hemdsärmelige Hanna zu Protokoll – mit dem Haufen Frauen, die in der Vulva-Villa auf sie warten, hat sie aber scheinbar auch kein wirkliches Problem. Schnell wird geflirtet, was das Zeug hält.

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Hat auch mit Männergruppen kein Problem: Bevor sie zur Prinzessin wurde, arbeitet Hanna im Trockenbau.

Eine Kandidatin schießt dabei unangenehm übers Ziel hinaus. „Ich bin vom ADAC, ich weiß halt einfach auch, wie Abschleppen geht“, schwurbelt Anastasia, die in Wirklichkeit ein Dasein als Bankkauffrau fristet. Einen blöderen Spruch hätte nicht mal ein Mann bringen können. Am Ende aber fällt der Flirt-Fauxpas nicht weiter ins Gewicht – Anastasia darf vorerst bleiben und sich weiter in der Verkehrsclub-Verführung üben.

Keine Kette – bei „Princess Charming“ werden nicht wie beim „Bachelor“ Rosen, sondern ziemlich hässliche Modeschmuckstücke verteilt – bekommt Bürokauffrau und Larissa-Marolt-Lookalike Vivi. Die 25-Jährige ist sehr überrascht und „ein bisschen neben der Spur“. Wäre also auch irgendwie ein Fall für ADAC-Fachfrau Anastasia – so schließt sich der Frauenkreis.

Die erste Folge der zweiten Staffel „Princess Charming“ ist ab sofort bei RTL+ zu streamen, am 21. Juni ist sie auch im Fernsehen bei RTL zu sehen.

Manus und Maxis Mattscheibe

Unsere neue Kolumne widmet sich den blühenden Fernsehlandschaften von RTL und Co.: Was wird am Lagerfeuer im Dschungelcamp diskutiert? Warum wohnen im „Sommerhaus der Stars“ nur unbekannte Leute? Und wann bekommt Kader Loth endlich ihr eigenes Polit-Talk-Format? Im Wechsel besprechen unsere Autorin und unser Autor alles, was in der Trash-Szene gerade gut und wichtig ist.

Diese Woche schreibt Manuel, der sich als Stilredakteur eigentlich mit gutem Geschmack – privat aber viel lieber mit Geschmacklosigkeiten beschäftigt. Sein Credo beim Fernsehgucken? Wenn Sarah Knappik mitmacht, bin ich auch dabei.