"Das Portal ist tot, lang lebe das Portal.“ Mit diesen Worten endete kürzlich ein Artikel im Magazin Wired über das, was Marissa Mayer derzeit mit dem Internetkonzern Yahoo anstellt. Die Strategie, die das Fachblatt der Technikwelt unter der 38 Jahre alten Chefin zu erkennen meint, befremdet zumindest im ersten Augenblick. Yahoo, der einstige Pionier der Internet-Branche, war in den vergangenen Jahren immerhin der Inbegriff des Portals. Aber das war nichts Gutes.

Online-Portal, das klang nach 90er Jahre, verstaubt, überholt. Yahoo müsse sich fokussieren, schlanker werden, hieß es immer wieder und besonders, als Mayer vor einem Jahr die Geschäfte übernahm. Sie macht allerdings das Gegenteil: Mayer stellt Yahoo breiter auf, erweitert die Palette der Dienste Schritt um Schritt, typisch für frühe Portale wie AOL, Compuserve oder eben Yahoo. Die Vorstandsvorsitzende tätigt Zukäufe wie die Mikroblogging-Plattform Tumblr, auch beim Wettbewerb um die Video-Plattform Hulu.com soll Yahoo mitbieten. Bestehende Dienste lässt Mayer renovieren.

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Die Auswirkungen spüren etwa die Nutzer der aufpolierten Fotoplattform Flickr, die aufgeräumter und neuerdings mit einem Terabyte Speicherplatz daherkommt. Smartphone-Nutzer sollen sich die schicke Wetter-App von Yahoo laden. Weniger schön finden es vielleicht die Nutzer des E-Mail-Dienstes, dass Yahoo in Zukunft mitliest und ihre Post automatisch analysiert wird – offiziell, um Spam zu vermeiden, aber natürlich auch, um aus Schlagworten Interessen herauszufiltern. So sollen den Kunden passgenaue Anzeigen eingeblendet werden. Wer diesen neuen Geschäftsbedingungen nicht zustimmt, kann Yahoo Mail nicht mehr nutzen.

Dieser Schritt folgt der Logik von Mayers früherem Arbeitgeber Google und ist ein kleiner Baustein für einen groß angelegten Umbau. „Wir wollen in jeder Klasse das beste Produkt anbieten“, sagt Jennifer Davies, Produkt Marketing Managerin Social and Communities bei Yahoo für Europa, den Nahen Osten und Afrika. Das klingt ambitioniert und recht selbstbewusst für ein Unternehmen, dass in den vergangenen Jahren als Dinosaurier galt. Doch damit scheint es seit Mayers Antritt vorbei zu sein. Es sei „cool“, für Yahoo zu arbeiten, sagt Davies und zeigt Fotos von einer Aktion in London, bei der das Flickr-Logo an Hauswände projiziert wurde.

Yahoo will noch stärker Teil der täglichen Gewohnheiten seiner Nutzer werden und „immer dabei sein“, erläutert Davies bei einem Besuch in Berlin. Das Ziel: Kunden sollen über Yahoo Mails schreiben, News lesen, Freunde treffen, Fotos posten, Videos ansehen, sich das Wetter vorhersagen lassen und fremde Dienste wie die Lokalisierungsplattform Foursquare mit ihrem Yahoo-Konto verbinden.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch Google oder Facebook, bedingt auch Apple und Amazon: Am besten soll der Nutzer das jeweilige firmeneigene Universum gar nicht mehr verlassen, seine Daten behält der Konzern. Das wollten die Portale schon in den Neunzigern.