Eine indigene Maske.
Foto: absolut Medien GmbH

BerlinRüdiger Sünner hat Ende der 1980er an der West-Berliner Film- und Fernsehakademie (dffb) studiert. Zu seinen Kommilitonen gehörten Detlev Buck und Christian Petzold. Anders als diese trat er nicht den Weg in die „normale“ Welt des Filmemachens inklusive Produktionsförderung, PR-Kampagnen und Auftragsarbeiten ein, sondern wählte Nebenpfade. Er schlug sich gewissermaßen durchs Unterholz, stellte die meisten seiner Filme eigenverantwortlich her. Dies forderte einen gewissen Wegzoll, bringt auch andere Zwänge mit sich, sicherte ihm aber inhaltlich eine höchstmögliche Unabhängigkeit.

Seine Stoffe korrespondieren mit der Autonomie ihrer Herstellung. Bis auf den noch an der dffb entstandenen, wunderbar dunklen „Ultima Thule“ (1989) und dem 1994 gedrehten Fernseh-Spielfilm „Der Nachlass“ realisierte der 1953 in Köln geborene Regisseur bislang ausschließlich dokumentarische Essays. In diesen formulieren sich Fragen – die ganz direkt an die Zuschauer, auch an den Filmemacher selbst gerichtet werden. Es geht um den Missbrauch europäischer Mythen durch die Nazis („Schwarze Sonne“), um die Frühromantik („Geheimes Deutschland“) oder um Naturwissenschaft und Spiritualität („Das kreative Universum“).

Eine weitere Werkgruppe widmet sich Persönlichkeiten, die in ihrem Denken und Wirken stets an Grenzbereichen interessiert waren, diese in Texten und Bildern schöpferisch durchquerten: Paul Klee, Rudolf Steiner, C.G. Jung, Dorothee Sölle, Joseph Beuys oder Paul Celan.

In seiner jüngsten Arbeit „Wildes Denken“ (wie das Buch von Claude Lévi-Strauss) beschäftigt er sich mit „Europa im Dialog mit spirituellen Kulturen der Welt“, wie es in der Unterzeile des Titels heißt. Ausgehend von Objekten des Ethnologischen Museums Berlin-Dahlem werden Reisen nach Sibirien, Lateinamerika, Ozeanien und Zentralasien unternommen. Die Exponate gelangen virtuell zurück an ihre Ursprungsorte, ihre Funktionalität innerhalb komplexer Mythologien wird rekonstruiert und erläutert.

In einem nächsten Schritt stellt der Film die Frage, was eigentlich mit den indigenen Ethnien Westeuropas geschehen ist, in welchem Exil sich ihre Götter und Geister jetzt befinden und wie sich ihre einst so wichtigen spirituellen Energien sublimiert haben könnten. Mag die Methode Sünners bisweilen auch an ihre Grenzen stoßen – vor allem budgetbedingt und in Belangen der Filmsprache –, so stellen seine Arbeiten doch eine wichtige und ungemein anregende Bereicherung dar. Angesichts des offensichtlichen Scheiterns eines ungehemmten, sich auf pure Rationalität berufenden Fortschrittsglaubens scheinen Interventionen wie die von Sünner mehr als angebracht.

Wildes Denken – Europa im Dialog mit spirituellen Kulturen der Welt Urania, 22. September, 19 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs. Die DVD erscheint bei absolut Medien, das gleichnamige Sachbuch zum Film im Europa Verlag.