Die Wiener Choreografin Florentina Holzinger will keine platte Provokation.
Foto: Apollonia Bitzan

BerlinWie kurz und wie lang das her ist! Im März noch drängte sich die Berliner Theatergemeinde in die Sophiensaele, ließ schon anwehende Kontaktwarnungen außer Acht und fieberte in entzündlicher Enge dem Kunstspektakel „Tanz“ von Florentina Holzinger entgegen. Die zum Theatertreffen eingeladene Produktion selbst umraunte eine Gefährlichkeit, deren Ansteckungskraft ein noch fernes Coronavirus schwer trotzen konnte. 

Und dann saß man da, sah der grazilen Ruhe einer klassischen Ballettstunde zu, das Klavier plätscherte Romantisches, sah, wie die fast achtzigjährige splitternackte Ballettdiva Beatrice Cordua ihre Elevinnen am Barren sanft forcierte und anhielt, doch auch die Kleider abzulegen. Von Szene zu Szene wurde man immer etwas dringlicher aus den Sphären der „Sylphiden“ in die blutigen Fleischfolterfantasien der Schauermärchen und 70er-Jahre-Splatter-Filme geschubst. Erst fliegende Leichtigkeit auf Spitzen, dann lässt sich eine Performerin Fleischerhaken durch die Nackenhaut stechen und daran in die Luft ziehen.

Nicht streamfähig

Was man in „Tanz“ erlebt, ist eine Austreibung aller Unschuld aus der Kunst. Schönheit, Schamanismus, Folter und Selbstbefreiung enthüllen ihre Schwesternschaft, und die Frage nach Disziplin und Freiheit von Körpern bekommt eine ganz neue Dimension. Der Theatertreffen-Auftritt ist aus bekannten Gründen abgesagt, auch keinen Videostream wird es geben, stattdessen eine Diskussion mit der Choreografin. Nicht, weil sie das Streamen rundweg ablehnte, nur für ihre Stücke taugt es gar nicht.

Gerade „Tanz“ lebt von den Grenzaufweichungen zwischen realen und fantasierten Körpern, ihren realen und fantasierten Freiheiten und Schmerzen. Im wahrsten Sinne eine gemeinsame Nervenarbeit zwischen Zuschauern und Performern, deren Wesen man in den gequälten und befreiten Zuschauergesichtern im März lesen konnte.

Szene aus dem zum Theatertreffen eingeladenen Werk „Tanz“
Foto: Nada Žgank

Was die 34-jährige Wienerin seit nun fast zehn Jahren in der internationalen Tanzszene betreibt, ist wahrhaftig nichts für zarte Seelen. Auch nichts für Kunstverwalter, die nur Identitätsstiftendes, Systemstabilisierendes in der Kunst sehen wollen. Genau das bieten Holzingers radikal kritische Multikunstwerke aus Klassik, Akrobatik, Martial Arts und Märchen am allerwenigsten. Gefragt nach ihrer Einladung ins Establishment des Theatertreffens, lacht sie auch verlegen: „Etwas alarmiert waren wir schon“, denn ein Ziel war das sicher nie. Schön natürlich, wenn sich dadurch neue Möglichkeiten öffneten, denn beim freien Produzieren stößt sie mittlerweile schon an Grenzen. Dennoch arbeitet Florentina Holzinger aus Überzeugung frei. Und was ist mit der Volksbühne, wohin René Pollesch sie ab 2021 holen will? Da schaut sie in die Luft wie in einen noch sehr fernen Raum.

Als wir uns am Tag vor dem großen Pandemiestopp in der Kantine der Münchner Kammerspiele treffen, wo sie soeben noch ihre Stuntoper „Etude for an Emergency“ herausbrachte, meint man eher einer unprätentiösen Sportlerin gegenüberzusitzen als einer Regisseurin, die in der Amsterdamer „School for New Dance Development“ die konzeptlastige Kunst des experimentellen Tanzes studierte und mit ihrem akrobatischen Abschlusssolo „Silk“ 2011 gleich international für Furore sorgte. Was in Berlin kommt, sagt sie, wird sich zeigen: Es sprudeln die Ideen – mal dachte sie an absurde olympische Spiele. Besser gesagt sprudeln die Ideen aus ihrem Körper, denn alles, was Florentina Holzinger tut, darauf legt sie großen Wert, kommt aus dem Körper. Aus der Praxis mit ihm und besser noch, aus den gemeinsamen Übungen mit ihren „Expertinnen“, so nennt sie ihre Performerinnen. Nur so entstehen ihre Stücke.

Wissen ist schön und gut, sagt sie, auch analysiere sie natürlich die Strukturen im Kunstbetrieb und der Gesellschaft, aber wenn man aus all dem Kunst machen will, belügt man sich schnell selbst. Die Arbeit muss immer konkret sein und Spaß machen. Der Körper sagt, was zu tun ist. Sie sagt das so geerdet und einfach, wie man es in der theorielastigen Performancewelt selten findet.

Grazie und Verletzung

Dabei gibt es so viel zu reflektieren, wenn man in ihren präzisen Hybridwerken sitzt und sich ständig fragt, was das ist: eine Grenzverschiebungsschau? Eine Blähtechnik, die verschiedenste Systeme kollidieren lässt, bis diese ihre verborgenen Gewaltstrukturen gegenseitig freihauen und vorführen? All das zusammen, nickt Holzinger. Vor allem ist es keine platte Provokation. Ihre Spiele mit Grazie und Verletzung, angefangen bei der ersten Arbeit „Kein Applaus für Scheiße“ (2012) bis zur Münchner „Stuntoper“ (2020), in der sie unter stimmbandakrobatischem Gesang zehn Schauspielerinnen kunstblutreiche Crash-Stunts mit einem Auto auskosten lässt, sind Spiele mit Illusionstechniken. Niemand tut sich weh dabei, was sie sucht, ist Transparenz.

Ja, Florentina Holzinger denkt groß, aber groß eben auch darin, dass sie sich nicht verbiegen lassen will, am wenigsten durch Karrieredenken. Vor einigen Jahren wollte sie Boxerin werden, vielleicht dreht sie in Zukunft Filme. Pollesch habe sie sofort zugesagt, weil sie gehört habe, was für eine riesige Drehbühne die Volksbühne hat: „Was da alles möglich ist!“

Mehr Informationen zum Theatertreffen unter berlinerfestspiele.de