Berlin - Cool und jungdynamisch wirkt dieses Zimmer nicht. Schon gar nicht wie das Arbeitsdomizil des vor Kurzem noch prominentesten Vertreter des jungen Feuilletons. Die Wände sind gedämpft gestrichen, die Möbel: Biedermeier. Mitten im Raum steht eine Récamière, eine dieser exzentrischen Liegen ohne Rückenlehne, auf denen sich die Damen um 1800 so effektvoll niederlegten. In dieser gediegenen Retro-Atmosphäre also, und nicht in Corbusier-Stahlrohrsesseln oder in Sixties-Klassikern, soll die erwachsen gewordene „Generation Golf“ zu Hause sein? Die hatte Florian Illies vor elf Jahren als unpolitische, an den Wohlstand der alten Bundesrepublik gewöhnte Jugend beschrieben.

Irgendwo im Regal liegt ein dicker Band mit Kate-Moss-Fotografien – das passt schon eher zum Klischeebild des Trend-Seismographen. Aber die Bilderwelt, um die es Illies hier geht, ist eine ganz andere, keine gegenwärtige. An der Wand hängen dicht an dicht Bilder aus dem 19. Jahrhundert: romantische Landschaften, religiös gestimmte Dämmerungen, traute Familienszenen, viel Natur und noch mehr Italien-Sehnsüchte, dazwischen preußische Offiziere und sächsische Melancholiker.

Constable, Carus, Blechen, Rottmann, Menzel, Achenbach, Piloty – es ist alles dabei, ein Querschnitt durch das, was zwischen 1800 und 1900 vor allem in Deutschland entstand. Morgen kommen die 84 Werke in einer eigenen Versteigerung in der Villa Grisebach zum Aufruf. Das Berliner Auktionshaus, deutscher Marktführer für die klassische Moderne, eröffnet sich damit zu seinem 25-jährigen Jubiläum ein neues Geschäftsfeld. Dann muss sich die Kollektion, die Illies zusammengestellt hat, am Markt bewähren. In nur vier Monaten hat er alle diese Bilder ausfindig gemacht, untersucht und mit Experten diskutiert. „Ich habe mit sehr vielen alten Männern gesprochen – aber auch mit vielen Kunsthistorikern meiner Generation“, erzählt der 40-Jährige. Von deren Erfahrung zu profitieren, das habe Spaß gemacht.

Vom Gipfel des Journalismus in den Kunsthandel

Bei meinem Besuch liegen gerade die Katalogfahnen auf dem Tisch; noch fehlen einige Texte. Illies gesteht, dass er selbst im Journalismus noch nicht so viel habe arbeiten müssen wie in den vergangenen Wochen. Viele der Kurzanalysen, in denen für den Kunden alles Wissenswerte über die Geschichte und die Zuschreibung des Bildes stehen muss, hat er selbst verfasst. Das ist neu im Auktionshandel: dass der Chef selbst elegante, anschauliche Kurzminiaturen über „seine“ Bilder verfasst. „Ich versuche, mit den Katalogtexten den Menschen etwas von meiner Begeisterung mitzugeben“, sagt Illies dazu. Hier ist einer angekommen und so heimisch, als habe er nie woanders hin gewollt.

Und während sich Illies in der neuen Umgebung pudelwohl fühlt und jeden Besucher an seiner Freude teilhaben lässt, kann es die Feuilletonistenbranche immer noch nicht fassen. Im letzten Winter erschütterte Illies seine Kollegen im ganzen Land mit der Nachricht, dass er als Kulturchef der Zeit zurücktreten und als Teilhaber in das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach eintreten wolle. Wie kann man nur freiwillig den Gipfel des Journalismus verlassen und in die hysterische Branche des Kunsthandels wechseln, fragten sich viele. Doch Illies, gut gelaunt wie eh und je, fühlt sich nicht als Oberratte, die noch rechtzeitig ein Feuilleton in der Identitätskrise verlassen hat. Es sei keine Entscheidung gegen die Presse gewesen, sondern eine für die neue Aufgabe.