Schluss mit dem Stuttgart-Bashing!

In seinem Buch „Der Stuttgart-Komplex“ beweist Florian Werner, dass man die schwäbische Metropole auch lieben kann.

Ein Regenbogen ist neben dem Stuttgarter Fernsehturm zu sehen.
Ein Regenbogen ist neben dem Stuttgarter Fernsehturm zu sehen.dpa

Auf die Frage, welcher Fluss durch Stuttgart fliest, hätte ich nach längerem Schweigen vermutlich irgendwas mit Neckar geraten, dabei ahnend, dass es nicht stimmen kann. Weil die meisten Stuttgarter der Legende nach ohnehin im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg leben, bin ich tatsächliche nur zweimal in der schwäbischen Metropole gewesen. Das erste Mal bei einem Bob-Dylan-Konzert in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, das andere Mal am Flughafen auf dem Weg ins Literaturarchiv Marbach. Einen Fluss habe ich dabei nicht bemerkt, und so nehme ich Florian Werners Hinweise über den die Stadt weitgehend im Verborgenen durchquerenden Nesenbach dankend zur Kenntnis.

Der Autor, im Stuttgarter Vorort Sillenbach aufgewachsen, nähert sich seiner Heimat aus der Vogelperspektive und beschreibt, wie die topografischen Merkmale sich auch im Wesen der dort lebenden Menschen niedergeschlagen haben. Das verdrängte Fließgewässer und die Landschaft im Kessel, so Florian Werners salopp hingeschriebene These, haben eine Gefühlslage hervorgebracht, die politisch und kulturell längst zu einem prägenden Muster deutscher Lebensart geworden ist. Der Stuttgarter in uns, glaubt Werner, lasse sich nicht verdrängen wie ein überdachter Bach im urbanen Raum.

Zwei Varianten des Volkszorns

Und so sollte man Florian Werners mit selbstironischer Verve geschriebenes Büchlein nicht mit jenem trendigen Bemühen gleichsetzen, die Lust auf einen TV-Krimi dadurch zu erhöhen, dass man ihn mit regionalen Sonderheiten würzt und darin köcheln lässt. Greifbar wird der Stuttgart-Komplex insbesondere am Protestverhalten vor allem älterer Menschen, das gerade wegen seiner provinziellen Färbung zu einem Symptom gesellschaftlichen Unbehagens reifte. Den Volkszorn schwäbischer Art gibt es in zwei Varianten. Die Proteste gegen den Bau des Großprojektes Stuttgart 21 haben den sogenannten Wutbürger hervorgebracht, und auch die Querdenker-Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen hat dort ihre Wurzeln. Es handelt sich dabei um ein Aufmucken der Arrivierten. Wutbürger, Mutbürger und Querdenker gehören, wie die gesamte Region, in der sie leben, eher zu den Wohlhabenden.

Florian Werner betreibt ein wenig historische Quellenkunde und verweist auf das Schwäbische als Kernland der Anthroposophie-Bewegung. Entscheidend für die Frage, warum die Menschen in Stuttgart so gern auf die Straße gehen, sei die Tatsache, dass der Anthroposophie ein antietatistischer Gestus zu eigen sei. Und so berühren sich die in Stuttgart seit jeher kräftig blühenden grünen, linksalternativen und anthroposophischen Milieus in einer umfassenden Staatsskepsis, die laut der Historikern Silke Mende mit einem radikalen Eintreten für menschliche Freiheit und Selbstbestimmung verbunden war.

Modellcharakter attestiert Florian Werner der Stadt seiner Herkunft gerade auch in politischer Hinsicht. Wenn die Grünen ihre Erfolge auf Bundesebene weiter ausbauen wollen, so rät er, müssen sie sich noch stärker am Prinzip Stuttgarter Bürgerlichkeit orientieren. „Von Kretschmann lernen, heißt Kanzlerabilität lernen.“ Der Preis für die Abkehr vom einstigen Bürgerschreck-Image bestehe für die Grünen allerdings darin, bis zur Selbstverleugnung reichende Kompromisse einzugehen. Auf diesem Weg, so kann man ergänzen, sind sie in den vergangenen Wochen bereits weit vorangekommen, wenn auch mit Rückschlägen.

Das neue Buch „Der Stuttgart-Komplex. Streifzüge durch die deutsche Gegenwart“ von Florian Werner
Das neue Buch „Der Stuttgart-Komplex. Streifzüge durch die deutsche Gegenwart“ von Florian WernerVerlag Klett-Cotta

Ein fremder Blick auf die eigene Herkunft

Einen besonderen Stellenwert bei der Ergründung des Stuttgart-Gefühls schreibt Werner dem Auto zu. Von der motorisierten Mobilität, die hier gleich zwei deutsche Markengiganten hervorgebracht hat, rührt ein wichtiger Teil seiner kulturwissenschaftlichen Leidenschaft her, mit der er sich zuletzt in soziologischer Feinmalerei der Autobahnraststätte als besonders üppig ausgestattetem Nicht-Ort in deutschen Landschaften gewidmet hat. Feinstaub und Fahrzeug bestimmen auch das Leben im Stuttgarter Kessel, und der Autor lässt keinen Pfad aus, um dem besonderen Bedürfnis nach Fortbewegung auf die Schliche zu kommen. Ein weiterer Aspekt, der in der Liebeserklärung an die Region hervorgehoben werden muss, ist der einer gelungen Migration. Sogar die Topografie habe dazu ihr Scherflein beigetragen, schreibt Werner. „Die Kessellage zwingt zur Nähe, zum Kennenlernen, zur Durchmischung. In Stuttgart haben sich daher kaum ethnokulturell geprägte Kieze, Ghettos oder Banlieues herausgebildet, wie man sie aus anderen Städten, aus amerikanischen Metropolen oder Paris kennt.“

Florian Werner hat also nicht Berlin gesagt, wo er längst lebt. Es ist ein fremder Blick, der ihn auf seinen Herkunftsort hat schauen lassen – ein wichtiges Merkmal jeder Art von Sozialkunde, die in diesem Fall besonders leicht und launig daherkommt.

Florian Werner: Der Stuttgart-Komplex. Streifzüge durch die deutsche Gegenwart. Verlag Klett-Cotta, 190 Seiten, 20 Euro