BerlinJeder kann morgen ein Flüchtling sein. Mit diesem Satz ist das erste Kapitel in Andreas Kosserts Buch „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ überschrieben. Sein Werk führt einem vor Augen, dass unsere scheinbar sichere Existenz genauso zerbrechen kann, wie sie für Millionen Menschen schon zerbrochen ist. Es ist ein Buch, das einen aufwühlt, auch weil der Autor immer wieder die Geschichte von einzelnen Flüchtlingen erzählt, sie selbst zu Wort kommen lässt. Obwohl Andreas Kossert in Berlin lebt, sprechen wir am Telefon.

Berliner Zeitung: Lieber Herr Kossert, Ihr Buch beginnt mit dem Notizbucheintrag eines Friedrich Biella: „Befehl zum Verlassen meines Hofes“, schreibt er am 21.1.1945. Ein Bauer muss weg von seinem Land. Das macht auf einen Schlag klar, was für eine erschütternde Erfahrung es ist, zum Flüchtling gemacht zu werden. Doch Flüchtlinge waren kaum je willkommen in ihren Zufluchtsländern und -gesellschaften. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Andreas Kossert: Flucht bedeutet, dass man das, was man kennt, für immer verlassen muss. Etwas, das eigentlich unvorstellbar ist. Doch Flüchtlinge sind zu allen Zeiten in die Rolle der Bittsteller gedrängt worden. Sie müssen irgendwo anklopfen und um Aufnahme bitten. Aber sie sind ungebetene Fremde. Und je mehr kommen, desto mehr werden sie als Bedrohung wahrgenommen, oftmals auch als anonymes Kollektiv. Das macht es so schwer, ihre Geschichten zu verstehen. Dabei haben sie individuelle und höchst dramatische Geschichten zu erzählen.

Warum will man selbst die eigenen Landsleute nicht haben? Diese Erfahrung haben deutsche Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht. „Sudetengesindel“ hat man sie genannt, an einem Hoftor in Sachsen hieß es: „Flüchtlinge essen sich dick und fett und stehlen uns noch das letzte weg.“

Es macht keinen Unterschied, ob es Fremde oder eigene Landsleute sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man auch Letztere als „Polacken“, „Zigeuner“, „Habenichtse“, „Rucksackdeutsche“ stereotyp entwertet. Und damit auch ihre Erfahrungen hinterfragt: Die müssen was auf dem Kerbholz haben, sonst wären sie nicht vertrieben worden. Man muss sich auch die Dimension vorstellen: Es waren 14 Millionen. Und es war klar, dass sie für immer bleiben würden. Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen gibt es oft, aber wenn sie lange bleiben oder es sehr viele sind, schlägt das leider auch gelegentlich in Hass und Ausgrenzung um.

Hängt die Aufnahmebereitschaft vom Wohlstand einer Gesellschaft ab?

Nicht unbedingt. Es gibt auch arme Gesellschaften und Individuen, die zu Hilfe bereit sind. Allgemein gilt: Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen ist eine historische Ausnahme.

Viele Vertreibungen beruhen auf der Idee der ethnischen Reinheit einer Nation. Warum ist diese erst im 19. Jahrhundert entstandene Idee so erfolgreich?

Sie feiert weiter fröhliche Urstände. Dabei haben alle gedacht, dass wir nach dem Ende des Kalten Krieges einen neuen Zustand von internationaler Zusammenarbeit erreicht hätten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Auch im 21. Jahrhundert sind viele leider immer noch bereit, Flüchtlinge als unausweichliche Kollateralschäden von Krieg und Terror zu akzeptieren. 

Sie erzählen die Geschichte aus der Perspektive der Flüchtlinge.

Das war meine Hauptmotivation für dieses Buch. Es gibt viele kluge Bücher über die Gründe von Vertreibung, das ist alles bestens erforscht. Aber die Betroffenen kommen oft zu kurz. Mir war es wichtig, einen radikalen Perspektivwechsel vorzunehmen.

Foto: Imago Stock
Zur Person

Andreas Kossert, geboren 1970, studierte Geschichte, Slawistik und Politik. Der promovierte Historiker arbeitete am Deutschen Historischen Institut in Warschau und lebt seit 2010 als Historiker und Autor in Berlin. Seit Januar 2010 ist er Mitarbeiter im Bereich Dokumentation und Forschung bei der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung  in Berlin.
In seinem Buch „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 (2008) zeigte er, wie wenig die deutschen Vertriebenen auf die Solidarität ihrer einheimischen Landsleute zählen konnten. Zudem von ihm erschienen ist „Ostpreußen. Geschichte einer historischen Landschaft" (2014). Für seine Arbeit wurde ihm der Georg Dehio-Buchpreis verliehen.

Sie nutzen Quellen, die für einen Historiker ungewöhnlich sind: Literatur, Lyrik.

Ich würde mich als Grenzgänger zwischen Geschichts- und Literaturwissenschaft sehen. Der Zugang über Belletristik und Lyrik zum Weltthema Flucht ist einfach unerschöpflich. Flucht ist eines der großen Themen der Weltliteratur. Und viele Autoren haben einen autobiografischen Bezug dazu. Die Literatur hilft ihnen, ihre eigene Geschichte zu verarbeiten. Günter Grass hat in einem Interview gesagt, ohne den Verlust seiner Heimat Danzig wäre er nicht zur Literatur gekommen. Das gilt auch für Salman Rushdie, für Christoph Hein. Die Literatur ist ein Seismograph für diese leisen Zwischentöne, die ich empirisch als Historiker überhaupt nicht beweisen kann. Christa Wolf etwa spricht in ihrem Roman „Kindheitsmuster“ von Heimweh als Todesursache. Das findet sich in keinem medizinischen Lehrbuch, aber man kann dennoch an Heimweh sterben.

Der „Schmerz der doppelten Heimat“, wie ein Flüchtling es nennt, scheint an Kinder und Enkel vererbt zu werden, sogar an die, die im Zufluchtsland geboren worden sind, oder?

Auf jeden Fall. Und das zeigt, wie schwierig dieses Ankommen ist. Dass man es nicht verordnen kann. Es ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Und viele Nachfahren schöpfen daraus wenigstens einen Teil ihrer Identität. Ulrike Draesner schreibt: Was war, endet nicht. Die Flucht endet nicht mit dem physischen Ankommen. Deshalb halte ich den Begriff Geflüchtete für nicht präzise genug, auch weil er eine Art Abgeschlossenheit vermittelt. Er ist nicht dafür geeignet, auch das zu umfassen, was Flüchtlinge nach ihrem Ankommen erleben und durchmachen. Es gibt Integration und auch Assimilation, und es gibt viele Flüchtlinge, die ewig im Exil bleiben. An dem erzwungenen Heimatverlust hat man oft sein ganzes Leben zu tragen.

In uns allen steckt ein Flüchtling, schreiben Sie. Was meinen Sie damit?

Wir, die vermeintlich Sesshaften, tragen vielleicht selbst Fluchterfahrung in uns. Es lohnt sich, in die Geschichte der sogenannten Mehrheitsgesellschaften hineinzuhorchen. Sie sind nicht homogen. Wenn wir das Beispiel Deutschland nehmen: Wir haben 14 Millionen deutsche Vertriebene, dann kamen die Sowjetzonenflüchtlinge, DDR-Flüchtlinge, es kamen vier Millionen deutsche Spätaussiedler aus Osteuropa, es kamen Flüchtlinge aus Ungarn, der Tschechoslowakei, aus Polen, es kamen vietnamesische Boatpeople, bosnische Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren, wir haben eine der größten jesidischen Gemeinschaften der Welt. Was wir als Mehrheitsgesellschaft beschreiben, besteht aus Millionen von Menschen mit Fluchterfahrung.

Sie schreiben mit solcher Leidenschaft, dass ich mich gefragt habe, ob es auch in Ihrer Familie Fluchterfahrung gibt?

Meine Großeltern stammten aus Masuren. Und sie haben nach ihrer Flucht einfach keine Heimat mehr gefunden. Ihre verlorene Heimat ließ sich nicht ersetzen. Sie mussten zwischen dem Verlorenen und dem Neuen hin- und  herlavieren. Mich hat das vielleicht sensibler gemacht für Erzählungen von Flucht. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen denen, die diese Erfahrung kennen, und denen, die sie nicht einmal erahnen können.

Sie zitieren Jean Améry mit dem Satz: Es gibt keine neue Heimat.

Der Begriff Heimat hat in den letzten Jahren ja eine Renaissance erfahren. Es gibt ein Heimatministerium, in Talkshows wurde der Begriff diskutiert. Man kann sich vortrefflich über dieses Wort streiten. Für den einen ist es ein Gefühl, für den anderen ein Ort, ein Geruch. Aus der Perspektive von Flüchtlingen sind das Luxusdebatten. Für sie ist Heimat durch ihr Fehlen definiert.

Ein Bild in Ihrem Buch zeigt Schlüssel von Häusern, die Flüchtlinge verlassen haben und die zu machtvollen Symbolen für den Verlust geworden sind.

Die Schlüssel stammen von sephardischen Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden. Und ich finde, sie zeigen symbolisch alles, was Flucht ausmacht. Die Menschen haben sie nicht als Erinnerung mitgenommen. Sie haben etwas gemacht, was für sie alltäglich war, nämlich ihre Tür abzuschließen und den Schlüssel einzustecken. Wie immer. Armenier haben ihre Schlüssel mitgenommen, Pontosgriechen aus der heutigen Türkei, Schlesier. Weil sie sich nicht vorstellen konnten, was für ein ungeheuerlicher Vorgang dieses Weggehen ist. Und lange Zeit hat der Schlüssel vielleicht auch die Hoffnung auf Rückkehr symbolisiert. Erst als ihnen bewusst geworden ist, dass sie nicht zurückkönnen, ist der Schlüssel zu einer Chiffre der Erinnerung geworden.

Andreas Kossert: Flucht. Eine Menschheitsgeschichte. Siedler Verlag München 2020. 432 S. ,55 Abbildungen, 25 Euro.