Bettgestelle hat man hier nicht erwartet. Ein Bett ist ein Ort der Geborgenheit, was hat der in einer Ausstellung zu suchen, die den Titel „Einsichten ins flüchtige Leben“ trägt? Doch ein Berg aus Teilen von Betten aus Metall türmt sich hier bis unter die Decke. Auf einer Leiter steht Dachil Sado in kurzer Hose und türkisfarbenem T-Shirt mit einer Bohrmaschine in der Hand. Er bringt einen Bildschirm an. Darauf sollen Bilder aus der Heimat derjenigen zu sehen sein, die an dieser Ausstellung beteiligt sind. Bilder aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Pakistan, die auf Handys gespeichert nach Deutschland gekommen sind haben oder auf Facebook-Seiten.

Eine Jacke aus Idomeni

Mit den Betten ist es so, dass sie ein Grund zur Klage wären, doch Dachil Sado möchte Deutschland vor allem danken, es loben dafür, dass es so viele Menschen aufgenommen hat, auch wenn die Betten in dem Spandauer Heim furchtbar unbequem waren, sodass er selbst es mit zwei Matratzen versuchte, und sein Mitbewohner lieber den Boden nahm. Für die Ausstellung im Museum Europäischer Kulturen haben sie sich mit ihrer Lebenswelt auseinandergesetzt, und in der nimmt das Bett nun mal den größten Platz ein. Denn für viel mehr als ein paar Betten ist in so einem Heimzimmer kein Platz. Deshalb finden sich hier im Museum auch Wellen, gebogen aus den Metalllatten der Bettroste.

Sie zu formen hat der Iraker Diwali Hasskan geholfen, Schweißer von Beruf und froh, aus seiner Ecke in der Sporthalle rauszukommen, in der sein Bett steht. „Die Ausstellungseröffnung wird für mich die Ausstellungsschließung sein“, sagt er. Dann nämlich sind die fünf Monate vorbei, in denen er ins Museum kommen, Leute treffen, Kaffee trinken konnte und vor allem etwas zu tun hatte. Diwali Hasskan hat auch das Zelt aus Bettgestellen gebaut, das die Zelte in den Lagern repräsentiert und eine Mauer aus Bettrosten, an der Kleidungsstücke hängen. Die Künstlerin Barbara Caveng hat die Kleider in einem Flüchtlingsboot am Strand von Lampedusa gefunden, hat sie in Idomeni aufgelesen: Ein kariertes Hemd, ein Kleid, an dessen Saum eine Haarklammer klemmt, eine schlammverschmierte Trainingsjacke.

Die Frau aus der Schweiz mit den Pippi-Langstrumpf-roten Haaren ist die Initiatorin dieser Ausstellung. Ihr gehe es um einen gemeinsamen Raum mit den Menschen, die in Deutschland ankommen. „Eine Begegnung auf Augenhöhe“, wie sie sagt. Das Wort Flüchtlinge vermeidet Barbara Caveng. Eine konkrete Idee hatte sie nicht, deshalb sagten die meisten Heime ab. Als sie schon aufgeben wollte, kam die Zusage aus Spandau. Sie ist dann hingefahren und hat an Türen geklopft. Ob es ausgerechnet Kunst ist, die Menschen in dieser Lage brauchen? Barbara Caveng glaubt daran. „Kunst ist nicht pädagogisch noch ideologisch noch dogmatisch“, sagt sie. „Das gibt den Menschen Energie.“

Das spürt man hier in diesen Räumen, auf deren Wände sie etwa ihre Fluchtwege gemalt haben. Hier kann man in einer Zeichnung der sudanesischen Wüste begegnen, man sieht Menschen auf Lastwagen, Benzinkanister liegen herum. Auf dem Boden klebt ein Zettel. „Hier arbeiten Hybat und Mohammed ihren Weg von Syrien nach Deutschland.“ Auch Wohnungsgesuche hängen an den Wänden.

Berekret Kibrom zum Beispiel, von Beruf Dachbauer, Sprache: Tsyringisch, mit Aufenthaltsgenehmigung sucht eine Zweizimmerwohnung zusammen mit einem Freund. Warum soll ein Museum nicht auch dazu nütze sein?

Ein Schriftband schlängelt sich an den Zeichnungen vorbei. „Alle haben nur einen Wunsch: abzufahren, nur eine Furcht: zurückzubleiben. Das erste Papier kann verfallen sein, wenn das letzte genehmigt wird, ein unberechenbarer, gnadenloser Mechanismus.“ Diese Sätze schrieb Anna Seghers in ihrem Roman „Transit“ Anfang der 40er-Jahre im Exil. Flüchtlingsgeschichten gleichen einander.

Ein Studienplatz in Weißensee

Manche, die hier mitgearbeitet haben, sind schon abgeschoben worden, manche leben inzwischen in anderen Städten. Die erstaunlichste Geschichte hat wahrscheinlich Dachil Sado zu erzählen.

Er gehört der wenig bekannten Religionsgemeinschaft der Jesiden an, die meisten von ihnen leben im Nord-Irak, so wie auch er – bis der IS seine Stadt angriff. Und nun hat er, der eigentlich Ingenieur werden wollte, vom nächsten Semester an einen Studienplatz an der Kunsthochschule Weißensee. Das „großartig“, das einem entfährt, nimmt er auf und sagt, dass es das wirklich sei, aber anders als man vielleicht denke. „Ich habe nie auch nur eine Stunde Kunstunterricht gehabt“, sagt er. Dann sei dieses Projekt gekommen. „Und ich habe die Kraft der Kunst erfahren.“ Vierzehn Nationalitäten und sieben Religionen habe sie hier im Museum zusammengebracht. Er führt einen vor den Eingang, wo das Ausstellungsbanner hängt. Darauf ist eine gebeugte Figur abgebildet, die von dem riesigen Fingerabdruck auf ihrem Rücken schier erdrückt zu werden scheint – das Logo der Ausstellung. Die Zeichnung spricht von der Angst der Flüchtenden, den Fingerabdruck im falschen Land zu machen. Es ist seine Zeichnung.