Berlin - „Letzte Nacht habe ich geträumt, dass Ulrich Peltzer den Preis bekommt“, sagt Jenny Erpenbeck. „Es scheint mich also doch zu beschäftigen.“ Am Montagabend wird sie erlöst, dann verkündet die Jury, wer den Deutschen Buchpreis 2015 erhält. Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ kam im August neben 19 anderen in die Vorauswahl; Mitte September erfuhr sie, dass er es auf die Sechser-Shortlist geschafft hat. Von außen betrachtet, ist Peltzer mit „Das bessere Leben“ der stärkste Konkurrent: mit seinem Roman, der sich fiktiv durch die Realität der globalisierten Wirtschaft bewegt.

Aber über diesen Countdown möchte Jenny Erpenbeck nicht länger reden. Das Gespräch landet eher zufällig dort und bewegt sich schnell weiter. „Ein Schriftsteller macht ja keine Kreuzfahrt, wenn er so einen Preis bekommt. Das Geld lässt einen einfach über Monate, vielleicht ein Jahr ruhig leben und arbeiten.“

Es ist einer dieser warmen Herbsttage, die der Stadt als Ausgleich für das zu schnelle Ende des Sommers geschenkt wurden. Jenny Erpenbeck hatte den Neptunbrunnen am Berliner Rathaus als Treffpunkt vorgeschlagen, eigentlich als Ausgangspunkt, um dann in ein Café zu wechseln. Aber das Wetter ist zu schön, um irgendwo hineinzugehen.

Gespräche, die ihren Alltag veränderten

Hat hier alles angefangen? Erpenbeck lacht kurz und hell glucksend. „Es ist nicht alles so wie im Buch!“ Auf Seite 18 steht: „An einem Donnerstag Ende August versammeln sich zehn Männer vor dem Roten Rathaus in Berlin. Sie haben beschlossen, heißt es, nichts mehr zu essen.“ Tatsächlich gab es einem Hungerstreik afrikanischer Männer nahe dem Alexanderplatz schon im Mai 2014. Erpenbecks Buch ist so nah an der Realität, dass man alles für wahr halten möchte.

Angefangen hat es für sie, als im Oktober 2013 ein Boot vor Lampedusa kenterte und fast vierhundert Menschen umkamen. Sie war verreist und beobachtete aus der Ferne die Reaktionen in Deutschland. „Da gab es sofort eine vehemente Ablehnung, als hätten die Flüchtlinge die Deutschen durch ihren Tod erpressen wollen.“

Kurz danach ging Erpenbeck auf den Oranienplatz zum Protestcamp. Nach dessen Räumung begann sie Gespräche mit Flüchtlingen in einem Asylbewerberheim, mit denen, die Englisch konnten. Und ihr eigener Alltag veränderte sich: „Zu sehen, wie diese Männer den ersten Tag auf Matratzen rumsitzen, weil sie nichts zu tun haben, denn sie dürfen ja nicht arbeiten, wie sie den zweiten Tag da herumsitzen, den dritten, und so weiter und so weiter: Diese Menschen jeden Tag zu sehen, immer nur wartend, das macht etwas mit einem, wenn man sich in diese Wirklichkeit so hineinwirft.“

Der alte Professor

Angefangen hat es für sie vielleicht sogar schon früher. Ihre Mutter, Doris Kilias, war als Wissenschaftlerin auf ägyptische und algerische Literatur spezialisiert und hat aus dem Arabischen übersetzt. Die Wohnung war voll mit dieser Kultur, diesen Büchern. „Kann schon sein, dass diese Art von Fremde mir nicht so ganz fremd ist. Ich war auch mal in Kairo, im Libanon, sogar in Syrien.“ Umso mehr habe sie gerade jetzt bedauert, dass ihre Mutter so früh gestorben ist, vor sieben Jahren.

Angefangen hat es für sie vielleicht aber auch schon damit, dass ihre Familie selbst durch Fluchtgeschichten geprägt ist. Die Großeltern väterlicherseits waren vor den Nazis in die Sowjetunion emigriert; die anderen Großeltern, mütterlicherseits, sind zu Kriegsende aus Ostpreußen geflohen. Fremdheit und Neuanfang sind Themen, die sich immer wieder in ihren Büchern finden. Aber diesmal sagt sie, wollte sie weg von der eigenen Familie. Ob sie deshalb einen emeritierten Professor für Alte Sprachen als handelnde Figur wählt und den Leser die Flüchtlinge durch dessen Augen sehen lässt?

Sie scherzt erst, dass sie vielleicht selbst so alt sei innerlich wie ihr Professor, aber zum Glück nicht so aussehe. Nein, so sieht sie nicht aus. Sie könnte sich zwar nicht mehr wie für ihr erstes Buch „Geschichte vom alten Kind“, das 1999 erschien, in eine Schulklasse schmuggeln. Sie ist eine Frau von 48 Jahren mit offenem Blick und schnellem Gang, sie trägt ihre blonden Haare sehr kurz, wirkt sportlich in ihrer braunen Lederjacke. Dass sie keine weibliche Protagonistin wollte, sei ihr sehr früh klar gewesen, sagt sie: Bei einer Frau habe das Interesse an Hilfsbedürftigen immer gleich so etwas Mutter-Theresa-Haftes. „Ich bin da aber quasi als Mann reingegangen.“ Für die Afrikaner sei es anfangs kurios gewesen, dass sie da einfach so hereinspaziert kam und sagte, sie wolle ein Buch schreiben. Dass sie die Gespräche manchmal zu Hause führte, auch wenn ihr Mann gerade nicht da war.

Ein Privileg, Fragen zu stellen

Genutzt hat sie das wichtigste Privileg, das ihr Beruf ihr bietet: Wenn sie eine Sache ergründen will, kann sie ein Buch darüber schreiben. Wie sah der Alltag der Männer aus? Aus welchen Ländern kommen sie? Wie viel Angst verbirgt sich hinter unseren Vorurteilen? „Ich kann in Ruhe nachdenken. Oder einfach losgehen und Fragen stellen. Ich kann mir die Zeit nehmen.“

Am Fuße des Fernsehturms laufen Leute umher, viele sitzen an den Springbrunnen, mit Taschen neben sich. Einheimische, Touristen, vielleicht sogar Flüchtlinge. Auch diese Springbrunnen kommen im Buch vor, nicht nur als Ort, sondern auch für eine historische Markierung. „Wider Erwarten aber war dann der Auftraggeber für die Fontänen, der volkseigene Staat, nach vierzig Jahren plötzlich abhandengekommen“, heißt es da.

Es ist die Perspektive Richards, des alten Professors, der den größeren Teil seines Lebens in der DDR verbrachte, der die Straßen in Kreuzberg nur mit dem Navigationsgerät findet, der sich mit Verordnungen, die über die Residenz und gegen die Arbeitsmöglichkeiten der Flüchtlinge entscheiden, noch nie beschäftigt hat. Nun ist es mit seiner Arbeit vorbei, ganz regulär durch die Emeritierung, und plötzlich ist ihm sein eigenes Leben fremd.

„Mir war es wichtig, jemanden zu haben, der die Erfahrung des Umbruchs teilt“, sagt Jenny Erpenbeck, „der wie die Flüchtlinge auf sich selbst zurückgeworfen ist.“ Im Buch gibt sie ihm viel Raum, über seine veränderte Situation nachzudenken und sie schließlich selbst zu ändern. Er geht ins Flüchtlingsheim, spricht mit mehreren Männern. Er will wissen, wie sie gelebt haben, welche Sprachen sie sprechen, wie viele Menschen zur Familie gehörten, welche Berufe sie haben, was sie am meisten vermissen. Einen regelrechten Fragekatalog arbeitet er aus.

„Man will ja auch, das sich was ändert“

„Ich hab übrigens auch ein Mündel“, sagt Jenny Erpenbeck ungefragt, eigentlich schon bei der Verabschiedung, als sollte das auf jeden Fall noch erwähnt sein. Aber wer kommt schon darauf, danach zu fragen?

Er heißt Yaya und stammt aus Gambia, nächstes Frühjahr wird er 18 Jahre alt, „ein ziemlich intelligenter junger Mann“. Er hat eine Duldung, wie sein Status in der Asylverfahrenbearbeitungsfachsprache heißt. Wenn er eine Ausbildung finde, dürfe er sogar arbeiten.

Das Thema, das erst nur die Recherche für ein Buch war, ist in ihrer eigenen Familie angekommen, was bedeutet das? „Yaya wohnt nicht bei uns, kommt aber oft zu Besuch. Mein Sohn und er haben auch mal einen Kletterkurs zusammen gemacht.“ Im Sommer habe sie gemerkt, dass Yaya nicht schwimmen kann, ja große Angst vorm Wasser hat.

„Er ist über Lampedusa gekommen, hat mir erzählt, die ganze Zeit der Überfahrt habe er nur mit dem Kopf auf den Knien dagesessen.“ Sie beugt sich vor und legt die Hände über den Kopf. Dann sagt sie: „In dem Heim, in dem Yaya wohnt, hat sich neulich ein 16-jähriger Flüchtlingsjunge aus dem Fenster gestürzt. Das ist schon eine Verantwortung.“ Mehr als alle anderen Bücher zuvor hat dieses Werk also Folgen für ihr Leben? „Klar. Man will ja auch, das sich was ändert, man will ja nicht immer in der gleichen Soße herumschwimmen.“

Linien ins Leere

Eine Woche später, an einem vernieselten Abend, schickt der Mann an der Kasse in der Buchhandlung Herschel in Mitte mehrere Menschen weg. Es ist kein Platz mehr. Jenny Erpenbeck soll hier lesen. In der oberen Etage sitzen die rund siebzig Gäste so dicht, dass jeder sich bemühen muss, seinen Nachbarn nicht unnötig zu berühren. „Ich bleibe besser erstmal stehen“, sagt Jenny Erpenbeck, „damit mich alle sehen können.“

Die Buchhändlerin Solway Herschel stellt ihr viele Fragen, zunächst die naheliegendsten, auch sie hat einen Fragekatalog. Die Buchhändlerin duzt die Autorin, sie hatte sie schon öfter zu Gast, wie man auf Fotos an der Wand sehen kann. 2008 zum Beispiel mit dem Roman „Heimsuchung“, der sich um ein Haus am See dreht, eine Spurensuche in die Vergangenheit. Jenny Erpenbeck wohnt hier in der Nähe. Mit einem der Flüchtlinge, die sie bei der Arbeit an „Gehen, ging, gegangen“ kennengelernt hatte, war sie schon bei Herschel, um ein deutsches Buch zu kaufen – zum Lesen-Üben.

Jetzt habe sich noch herausgestellt, dass er ein toller Musiker ist. „Wir sind gerade dabei, die erste CD zu produzieren.“ Saleh Bacha heißt er, der Name steht auch im Impressum des Buchs, denn die Zeichnung auf dem Schutzumschlag stammt von ihm. Durch einen Kreis verlaufen kreuz und quer Linien wie Fäden, die letzte endet einfach so.

Zum Lesen setzt die Schriftstellerin sich auf den Tisch. Sie trägt die Weihnachtsszene vor, wie von der Buchhändlerin gewünscht: die zunächst skurrile Zweisamkeit des alten Professors mit Raschid aus Nigeria. „Und dann steht der atheistische Richard, der eine evangelische Mutter gehabt hat, mit seinem muslimischen Gast vor dem illuminierten, heidnischen Weihnachtsbaum, auf den, das war bei Richard und seiner Frau immer die Regel, nur Kerzen aus echtem Wachs aufgesteckt sind.“ Jenny Erpenbeck liest schnell. Wenn sie die Flüchtlinge englische Sätze sprechen lässt, klingt ihr Berliner Tonfall viel stärker durch als im Deutschen.

Dann erzählt Raschid, den Richard nun schon ein paar Monate kennt, endlich seine Geschichte, als sei es sein Geschenk für den Gastgeber. Er spricht davon, wie er nach Libyen zog und dort als Schlosser Arbeit hatte, zwei Angestellte sogar, wie er sich mit seiner Frau um die Kinder kümmerte, drei und fünf Jahre alt, wie die Soldaten kamen, sie auf Lastwagen trieben und später auf Boote. Raschid wollte gar nicht nach Europa. Auf der Überfahrt dann ertranken seine beiden Kinder.

Vielleicht zu aktuell für eine Auszeichnung

Jenny Erpenbeck liest noch vom chaotischen Start einer Demonstration der Flüchtlinge in Berlin. Das ist eine Stelle, bei der sie selbst lachen musste beim Schreiben. Denn obwohl dieses Buch heute wie aus der Wirklichkeit abgeschrieben scheint, ist es doch ein Roman. Und Erpenbeck hat nicht nur die Figur, die sie selbst sein könnte, verwandelt, sondern die anderen auch, so wie die Wege und Zeiten. So hat sie es auch bei „Aller Tage Abend“ getan, dem Roman, in dem man ihre Großmutter, die Kommunistin und Schriftstellerin Hedda Zinner auch nur erkennen kann, wenn man von deren Geschichte weiß.

„Ich wünsche mir so sehr, dass du den Preis bekommst“, sagt die Buchhändlerin, „damit wirklich viele das Buch lesen. Du hast den Menschen, die zu uns kommen, ein Gesicht gegeben.“ Dann soll Jenny Erpenbeck noch etwas sagen, das ihr besonders wichtig sei. Ihr Buch wird zu einem Statement, sie selbst zur Botschafterin. Obwohl sie in der Woche zuvor noch mutmaßte, dass man es ihr übelnehmen könnte, wie aktuell der Roman ist. Dass sie den Deutschen Buchpreis vielleicht gerade deshalb nicht bekommen werde. Doch spricht sie jetzt vor ihren Lesern, als würde sie für eine Partei zur Wahl stehen: „Das Arbeitsverbot für die Flüchtlinge muss weg. Denn das ist hier die Wurzel aller Probleme.“