Berlin - Henri Matisse muss von der mythischen Gestalt des Ikarus fasziniert gewesen sein. Der 70-Jährige widmete ihm in seiner „Jazz“-Serie 1947 einen berückenden Schablonendruck: ein schwebender Ikarus, um ihn herum tanzende Sterne. Alle Erdenschwere ist aufgehoben, alles Traurige, Bittere, Böse. Auf dem tiefen Blau des Farbgrundes scheint die stilisierte Figur zu sagen: Nur Fliegen ist schöner. Der Traum vom „Homo Volans“, dem „Fliegenden Menschen“, ist ein geradezu ikonisches Kunstwerk. Es gehört dem Berliner Kupferstichkabinett, ist ein Höhepunkt in der Sonderschau „Wir heben ab“, die mit Kunst und Witz die BER-Eröffnung begleitet.

Ikarus hob ab, um dem Labyrinth des Minotaurus auf Kreta zu entkommen. So erzählte es der antike Mythos. Der Freiheitswille überwand die Gravitation. Ikarus flog hoch mit seinen selbst gebauten Flügeln. Sein Vater Daidalos, der Erfinder der Konstruktion, warnte, der Sonne nicht zu nahe zu kommen. Ikarus hörte nicht, das Wachs schmolz; er stürzte ab. Sein Name zieht sich durch die Kunstgeschichte, als Mythos von Kühnheit und Scheitern. Die Weltraumforschung hat sogar einen Mondkrater nach dem tragischen Helden benannt. Ganz ähnlich, wenn auch moderner, liest sich die Geschichte Otto Lilienthals. Pioniergeist, vermischt mit Dramatik und Tragik. Fliegen, das war die Faszination von der großen Freiheit, von Mobilität. Vom Frieden auf Erden. Die Vision war auch trügerisch. Der technische Fortschritt hat seine Kehrseiten.

Henri Matisse: „Der Fall des Ikarus“ (aus „Jazz“), 1947, Schablonendruck auf Vélinpapier.
Foto: smb/Kupferstichkabinett/J.P. Anders/ Succession Matisse/VG Bildkunst Bonn 2020

Mit dem Namen des Flughafens BER verbindet sich die Ambivalenz des Menschheitstraums. Dass er nun, nach Pleiten, Pech und Pannen, mit jahrelanger Verspätung tatsächlich „ans Netz geht“, ausgerechnet in Corona-Zeiten und einem erneuten Lockdown allen gesellschaftlichen Verkehrs, wo so wenig wie noch nie seit einem halben Jahrhundert geflogen wird, entbehrt nicht der Ironie. Also sind da genug Ingredienzen für eine so originelle, unterhaltsame wie denkwürdige Bilderschau, die das BER-Eröffnungsdatum 31. Oktober 2020 markiert. Vom Fliegen träumten, das besagen die auf lichtblaue Wände gehängten Zeichnungen, Grafiken, Aquarelle, schon in fernen Jahrhunderten Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Rembrandt, Goya, Delacroix. Lange bevor die ersten Ballons aufstiegen, schauten die Menschen, eben auch die Künstler, sehnsüchtig den Vögeln nach und den Insekten beim freien Flug.

Menschliche Gedankenflüge starteten auf dem Papier, bevor sie Realität wurden. Das Fliegen ist ambivalent, es gibt Freiheit, es schafft Glücksmomente, es verbindet die Kontinente und die Erde sogar mit dem Weltall. Heute wissen wir längst, welche Gefahren das Flugwesen für die Umwelt birgt, aus der Luft kamen tödliche Waffen. Und bleibt die Faszination: Seit 2001 gibt es den Weltraumtourismus, die Möglichkeit für Privatpersonen, ins All zu fliegen. Und auch fliegende Autos sind heute nicht mehr Science-Fiction. Flugtaxis könnten in den nächsten Jahren den Luftraum erobern, Tests mit Drohnen laufen. Im Januar hat das Carplane des Australiers John Brown beim Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig seine Zulassung erhalten. Nach diesem Plan ist bald jeder sein eigener Pilot.

Albrecht Dürer-Holzschnitt zum Thema Abheben und Auffahren, also Fliegen: „Christi Himmelfahrt“ (aus „Die kleine Passion“).
Foto: smb/ Kupferstichkabinett/D. Katz

Die Versammlung der Bilder vom Fliegen – von Albrecht Dürer bis Jorinde Voigt – wurde kuratiert von Anna Marie Pfäfflin und Jenny Graser. Und sie geben dem zwiespältigen Ereignis zwischen Fluglust und aktueller Flugscham die künstlerische Würze. Alle 80 Grafiken und Papierarbeiten von 60 Künstlerinnen und Künstlern aus fünf Jahrhunderten kommen aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts. Adolph Menzel zeichnete um einen Putto herumschwirrende Fliegen, ein Berliner Konditormeister namens Bronckhorst malte um 1700 meisterlich Schmetterlinge in Ober- und Unteransicht. Das Unerreichbare weckte Neugier und wissenschaftliches Interesse. Walter Leistikows Farblithografie „Kraniche“ (1898) ist gleichsam die Inkarnation des Traumes. Nicht von ungefähr wurde der Kranich zum stilisierten Symbol etlicher heutiger Fluggesellschaften, so auch der Lufthansa. Die „Libelle“ Picassos von 1942 hat die visionäre Friedensbotschaft seiner „Paloma“. Und der britische Wahlberliner Simon Starling widmete 2008 mit einer zart lithografierten Feder dem Urvogel Archaeopteryx ein Requiem.

Gustave Doré: „Satans Flug zur Erde“ (aus John Milton: „Das verlorene Paradies“), 1899, Holzstich.
Foto: smb/Kupferstichkabinett/d. Katz

Fliegende Wesen in Menschengestalt, das erzählt die Ausstellung, galten als Götter oder göttliche Boten. Engel, Jesu Himmelfahrt aus Dürers „Kleiner Passion“ 1510, Käthe Kollwitz’ „Schwebender Tod“, an den sich ein Jüngling klammert, von 1922/23, eine Metapher der Trauer um ihren im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn Peter, ebenso der stürzende, zugleich schwebende Ikarus von Hendrick Goltzius um 1588 zeigen, dass das Fliegen als Brücke in eine andere Welt galt und das „Himmelstürmen“ ins Reich der Götter auch mit Absturz und Verdammung bestraft wird.

Joseph Sidler: „Luftfahrt der Madam Reichardt“, 1820, Lithografie.
Foto: smb/Kupferstichkabinett/D. Katz

Der Aberglaube kommt in dieser Ausstellung auch zu Wort. Hans Baldung schnitt 1510 die Szene eines Hexensabbats ins Holz. Gustave Doré stellte ebenfalls in einem Holzstich von 1899 „Satans Flug zur Erde“ dar; so kam das Böse in unsere irdische Welt. Das Fliegen und Schweben trieb einst Goya 1814 zu düster-irrealen Szenen. Paul Klee näherte sich dem Thema 1923 durch einen todesmutigen Seiltänzer. Nachkriegskünstler wie Rob Rauschenberg in den USA und der Leipziger Mythenmaler Wolfgang Mattheuer hatte das Flugthema gepackt, ebenso Künstler unserer Tage, wie Panamarenko, der bizarre Flugkörper zeichnete, und den Grafiker Klaus Staeck, der auf dem Mond eine Coca-Cola-Flasche landen ließ. Mit seinem Druck „Engel der Geschichte“, 1989, schuf Anselm Kiefer ein Wunschbild zum Ende des Kalten Krieges: Kampfjets und Bomber sind aus Blei, bleiben für immer am Boden.

„Wir heben ab!“, Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, Di, Mi + Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa + So 11–18 Uhr. Katalog Wienand Verlag, Köln, deutsch/englisch, 17 Euro. Derzeit Besuch ausschließlich mit einem Zeitfensterticket: www.smb.museum/tickets