Die Pfaueninsel ist ein Berliner Idyll – nicht erst, seit das Parkensemble auf der Weltkulturerbeliste der Unesco steht.
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BerlinSie geriet in höchste Aufregung, fast in Zorn, und drohte, mit einem mehrfach wiederholten „jamais“, niemals unter diesen Umständen aufzutreten. Die französische Schauspielerin Rachel Félix war empört. Empört darüber, was man ihr in Preußen zumuten wollte. Was war geschehen? Rachel Felix hielt sich 1852 für ein Gastspiel in Berlin auf und König Friedrich Wilhelm IV. – ein großer Verehrter der weltberühmten Tragödin – wollte sie für eine zusätzliche Vorstellung gewinnen. 

Es sollte eine Überraschung für das russische Kaiserpaar werden, das gerade auf Staatsbesuch in Potsdam weilte. Anlass war der Geburtstag der Zarin Alexandra Feodorowna, der Schwester des preußischen Königs. Mit der Organisation des Abends beauftragte Friedrich Wilhelm seinen Mann für alle Fälle: den königlichen Vorleser und Hofrat Louis Schneider. Die Rachel sagte spontan zu und rechnete mit einem Auftritt im Neuen Palais oder im Potsdamer Stadttheater. Als ihr Schneider bei der Ankunft auf dem Potsdamer Bahnsteig eröffnete, sie würde im Freien auf der Pfaueninsel spielen, reagierte sie entsetzt. Und drohte umgehend abzureisen.

Prominente Zeitgenossen

Warum sie dennoch auf der Insel spielte – das interessierte nicht nur Fontane. „So großartig“ Der märkische Wanderer griff die Geschichte dankbar auf, als er zwanzig Jahre später das Kapitel über die Pfaueninsel für seinen „Havelland“-Band konzipierte. Er hatte die Rachel im Theater erlebt und seiner Frau gegenüber „das Bewundernswerte dieser Erscheinung“ hervorgehoben. „Gleich der erste Moment ihres Auftretens, eh sie noch ein Wort gesprochen hat“, schrieb er 1852 an Emilie, sei „6 deutsche Theaterabende wert. Das nenn’ ich ein lebendes Bild! Im Übrigen leidet sie alle 5 Akte durch an der Nymphomanie (Mannstollheit) was allerdings mehr in die Charité als auf die Bühne gehört. Eine Verirrung! aber so großartig, dass man zu keiner direkten Verdammung kommen kann.“

Auch prominente Zeitgenossen überschlugen sich mit Lobeshymnen. So war sie für Gottfried Keller „der größte Künstler, den ich kenne“. Angesichts dieser Reputation wollte Hofrat Schneider unbedingt einen Eklat verhindern. Wie Fontane die Hintergründe erfuhr – das verrät sein Notizbuch. Darin findet sich die Mitschrift eines Vortrags über den legendären Auftritt der Rachel Félix, den der Hofrat auf Einladung des Potsdamer Geschichtsvereins am 29. Juni 1870 hielt.

Ein Soloauftritt im Freien

Der Veranstaltungsort hätte nicht besser gewählt sein können. Schneider referierte: auf der Pfaueninsel. Also genau dort, wo vor 18 Jahren Rachels Soloauftritt im Freien über die Bühne gegangen war. Von Potsdam aus fuhren über 120 Interessierte – begleitet von einem Musikchor – über die Havel auf die Pfaueninsel. Unter ihnen auch Fontane. In seinem Notizbuch skizzierte er darüber hinaus die von Schneider beschriebene provisorische Spielstätte auf dem Rasen: in der Mitte die Schauspielerin, von einem „engen Kreis von Generalen, Diplomaten, Ministern, Hofherren“ umschlossen.

Natürlich erzählte der Hofrat, wie es ihm gelungen war, die Rachel davon zu überzeugen, doch auf der Pfaueninsel aufzutreten. Er wusste, dass der Schauspielerin St. Petersburg verschlossen war. Der Zar „machte sich nichts aus ihr“, notierte Fontane, „weil sie 1848 als Göttin d. Freiheit die Marsaillaise gebrüllt hatte. Er wollte sie nicht in Russland.“ Weil sie dort aber unbedingt spielen wollte, erklärte ihr Schneider: Hier, in Preußen, „war nun ein terrain neutre [neutraler Boden] gegeben“.

Ein falsches Datum

In den „Wanderungen“ hat Fontane das Werben um die Schauspielerin poetisch ausgeschmückt: Geschickt stellte der Hofrat die Rachel vor die Wahl, den Kaiser entweder zu enttäuschen, wenn sie nicht auf der Pfaueninsel erschiene, oder zu versöhnen, „wenn sie ihrer Zusage treu bleibe“. Daraufhin rief sie aus: „Je jouerai. [Ich werde spielen.]“ Und sie spielte „groß, gewaltig“. Das Fehlen von „Flitter und Dekorationen“ hätte die Wirkung nur gesteigert. Die Zuschauer zeigten sich begeistert. Der Zar lud die Rachel nach Russland ein, „das Ziel [war] erreicht, der große Preis des Abends gewonnen.“ Falsches Datum An der Stelle, wo die Rachel „einen ihrer größten Triumphe gefeiert hatte“, so lässt Fontane seine Geschichte enden, erhebe sich jetzt eine Statuette der Künstlerin mit der einfachen Inschrift: „den 15. Juli 1852“.

Das Datum, das Fontane auch für die Überschrift des Rachel-Kapitels verwendete, ist allerdings nicht korrekt. Sie trat zwei Tage früher auf. Offenbar hatte Fontane es 1870 falsch mitgeschrieben. Die Angabe konnte er nicht überprüfen, weil Schneider seinen Vortrag in freier Rede hielt und Auszüge daraus erst postum in seinen Memoiren 1879 veröffentlicht wurden.

Die kleine Statue, von dem Bildhauer Bernhard Afinger geschaffen, existiert noch. Sie ist äußerst filigran gestaltet: Rachel Félix trägt ein faltenreiches und hoch gegürtetes antikes Kostüm, in dem sie vermutlich als Camille in Corneilles Drama „Horace“ aufgetreten war. Das Original der Statuette befindet sich im Schloss auf der Pfaueninsel und seit 1993 eine Kopie an historischer Stelle dahinter – mit dem korrekten Datum.