Theodor Fontane an seinem Berliner Schreibtisch
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BerlinEs war eine schwere Geburt. Henri Théodore Fontane war in den Nachmittagsstunden des 30. Dezember 1819 im nordbrandenburgischen Neuruppin zur Welt gekommen. „Es war für meine Mutter“, schreibt Fontane, „auf Leben und Sterben, weshalb sie, wenn man ihr vorwarf, sie bevorzuge mich, einfach antwortete, er ist mir auch am schwersten geworden“. 200 Jahre später wurde die Geburt des Dichters nicht nur in Berlin und Brandenburg gefeiert, deren kulturelle Gegebenheiten und Topografien niemand so genau verzeichnet hat wie dieser. Die Fontane-Forscher Gabriele Radecke und Robert Rauh haben für die Berliner Zeitung Fontanes Notizbuch durchgesehen. Hier ziehen sie ihre persönliche Bilanz des Jubiläums.

Was hat Sie im Verlauf des Fontane-Jahres am meisten überrascht?

Gabriele Radecke: Überrascht hat mich das große Interesse an Fontane. Nicht nur in Brandenburg. Und nicht nur von Fontane-Begeisterten, sondern auch von denjenigen, die Fontane eher als antiquierten Autor in Erinnerung hatten. Außerdem hat mich auch das langanhaltende Zusammenspiel zwischen Journalismus und Wissenschaft in den Medien überrascht – und gefreut.

Robert Rauh: Fontane ist Kult. Zumindest in Berlin und Brandenburg. Es ist erstaunlich, wie vielfältig Fontane Menschen heute noch zu inspirieren vermag. Überrascht hat mich, wo er alles nicht war – und wie geschickt er das zu verschleiern verstand. Überrascht hat mich aber auch, wie einige Fontaneïsten über die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ fachsimpeln, ohne sie je vollständig gelesen zu haben.

Ist jetzt alles gesagt oder gibt es etwas, über das man in Bezug auf Fontane unbedingt noch reden sollte?

Gabriele Radecke: Es ging in diesem Jubiläumsjahr vor allem um Fontanes Leben und seine Arbeitsweise. Seine Texte spielten eine eher untergeordnete Rolle. Es war immer die Rede davon, dass man Fontane neu entdecken wollte – aber dass im Jubiläumsjahr sein herausragendes und facettenreiches erzählerisches und journalistisches Werk wirklich neu gelesen und interpretiert worden ist – davon war nur wenig zu spüren. Das belegen nicht zuletzt die Buchverkäufe. Zu den Spitzentiteln zählen Fontanes Aphorismen, „Fontanes Frauen“ und die Fontane-Biografien. Aber keine Textausgaben und erst recht keine kommentierten Editionen. Es gab viele Lesungen und viele Expertengespräche und Interviews. Doch nach all diesen schönen und gutbesuchten Veranstaltungen bleibt die Frage, ob man bereit ist, sich durch eigene Lektüre auf Fontanes Erzählwelten einzulassen.

Fontane-Kenner

Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin sowie Herausgeberin der  „Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe“ und der Fontane-Notizbücher.

Robert Rauh ist Historiker sowie Autor diverser Fontanebücher und der Website „Neue Wanderungen“. Mit Gabriele Radecke ist er Herausgeber von „Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder in den ,Wanderungen durch die Mark Brandenburg’“.

Robert Rauh: Fontane scheint unerschöpflich. Weil sein Werk so vielfältig ist und seine Biografie reichlich Widersprüche aufweist, bietet er viele Projektionsflächen. Und weil er in bewegten Zeiten ein Suchender ist. Wir werden ihn auch künftig neu lesen und hinterfragen müssen. Ein Beispiel: Fontane werden posthum – zu Recht – seine antijüdischen Ressentiments vorgehalten, die sich in seinen Briefen und in einigen Werken wie in der Ballade „Die Jüdin“, finden. Aber war er ein Antisemit? Wenn er beispielsweise 1895 an seine Tochter Martha schreibt: „Wie stumpf, wie arm, auch geistig arm“, wirke neben den Juden „der Durchschnittschrist“.

Worin besteht für Sie die vielfach behauptete Modernität Fontanes?

Gabriele Radecke: Bei jedem Dichterjubiläum wird die Modernität des gefeierten Jubilars großgeschrieben. Auch bei Fontane, der sogar als Prototyp eines heutigen „Freelancers“ bezeichnet wurde, wie Zeitungen ihre freien Mitarbeiter nennen. Was so nicht ganz stimmt, da er ja einige Jahrzehnte durchaus als angestellter politischer Zeitungskorrespondent und Theaterkritiker abgesichert war. Themen wie „Frauenemanzipation“ oder auch der Ehrencodex in „Effi Briest“ etwa sind freilich nach wie vor aktuell und berühren uns noch heute. Und sein Werk hat insbesondere wegen seiner stilistischen Brillanz und seiner subtilen Erzählironie die Jahrzehnte überdauert. Dennoch plädiere ich dafür, Fontanes Texte wieder mehr im Zusammenhang ihrer Entstehungszeit zu lesen. Denn sie sind bei weitem nicht so von historischem Staub übersät. Eine Hilfe bieten hierfür die jüngsten Fontane-Biografien, aber auch die Kommentare der beiden großen Studienausgaben.

Robert Rauh: Obwohl der Leser in Fontanes Texten eine gewisse Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ verspürt, spiegelt sein Werk auch die modernen Errungenschaften seiner Zeit wider. Er beschreibt die stillsten Winkel des Spreewalds genauso wie die Schlote in den lärmenden Vororten der Hauptstadt. In seinen Romanen bekommen sowohl der alte Adel eine Rolle als auch Fabrikanten und Frauen. Fontane schippert mit dem Kahn übers Wasser und rauscht mit der Eisenbahn durchs Land. Der Fortschritt wird nicht verdammt, sondern durch Romanfiguren multiperspektivisch dargestellt. Und Fontane, der noch mit der Postkutsche groß wurde, weiß den Fortschritt für seine Arbeit zu nutzen. Überhaupt ist er ein flexibler Autor, der sich den Lesebedürfnissen seiner Zeit anzupassen versteht. Das gilt auch für die „Wanderungen“. Einerseits betreibt Fontane klassische Heimatkunde, andererseits entdeckt er für den gestressten Berliner das erholsame Umland. Hier lässt sich nicht nur entschleunigen, sondern auch Regionalgeschichtliches entdecken. Damals wie heute ist das Wandern durch die Mark auch eine Reaktion auf das Tempo der Großstadt und das Interesse für die Region eine Reaktion auf die Globalisierung, die im 19. Jahrhundert begann.

Welche Fontane-Lektüre würden Sie einem Einsteiger empfehlen?

Gabriele Radecke: Empfehlen würde ich „Mathilde Möhring“. Es ist der bedeutendste Text aus Fontanes Nachlass und unterscheidet sich von den meisten seiner anderen Romane durch ein positives Ende. Denn am Schluss wird eine selbstbewusste junge Witwe gezeigt, die sich nicht für eine zweite Ehe entscheidet, sondern für ein selbstbestimmtes Leben als Lehrerin. „Mathilde Möhring“ ist für ein jüngeres Lesepublikum geeignet und auch für diejenigen, die nicht viel Wissen über das 19. Jahrhundert mitbringen. Und schließlich: Selbst in diesem unvollendeten Text zeigt sich einmal mehr Fontanes Sprachwitz und seine Fähigkeit, die Umbrüche und Ambivalenzen seiner Zeit zu erzählen.

Robert Rauh: Zum Einstieg würde ich die Balladen empfehlen. Es war auch meine erste literarische Begegnung mit Fontane. Die Ballade „Die Brück’ am Tay“ ist eine moderne Mahnung vor technikgläubiger Überheblichkeit. „Und wie’s auch rast und ringt und rennt, / Wir kriegen es unter: das Element.“