Das wahre Drama im Zeitalter der Videokonferenzen: Hilferuf aus dem technischen Off.
Foto: Forced Entertainment

BerlinWer in diesen Tagen mit Online-Theater die Zeit verbringt, wird gemerkt haben, dass die Disziplin wirklich noch ganz am Anfang steht. Keineswegs schlimm natürlich, denn wie hätte sich in nicht epidemischen Zeiten auch ein komplexeres Digitalding entwickeln können, wenn das vielfältigere, freiere, umfänglicher beteiligende Raumerlebnis gelungenen Realtheaters doch viel stärker ist. Aber weg jetzt von den verbotenen Realräumen, hin zu den nur vorgestellten im Kleinformat.

„Premiere gefeiert“ haben soeben zwei eigens entwickelte Online-Performances, die mit viel gutem Willen versuchen, den Verlust des großen, gemeinsamen Raumes so gut es geht wettzumachen: Forced Entertainments „End meeting for all“ auf dem HAU-Kanal und das halb improvisierte Speeddating-Projekt „zeitfüreinander“ mit zehn Schauspielern aus fünf Theatern, dessen 1. Folge auf der Website des Deutschen Theaters lief. Vielleicht aber ist dieses Wettmachen auch schon der falsche Ansatz. Denn weil sie nur vom Nicht-mehr (Forced) oder Noch-nicht (DT) des realen Raumes ausgehen, kommen beide vom alten Denken keinen Schritt weg hin zu einer neuen Online-Qualität. Beide sind zudem komplett vorproduziert.

Charmant spröde sind dennoch beide 25-Video-Minüter, die nur zu deutlich zeigen, dass sie ihre je eigenen analogen Theaterästhetiken einfach im Standbild der PC-Kameras weiterführen: die Co-Regisseure Anne Lenk und Camill Jammal zeigen zusammen mit ihren Staatsschauspielern aus Hannover, Düsseldorf, Nürnberg, München und Berlin gepflegtes Schauspielertheater, und die mit allen Wassern gewaschenen Performer aus Sheffield ihr wunderbar episch-begriffsstutziges Anti-Theater.

Der Split-Screen ist beiden dabei der verlorene Raum. Doch auch wenn im Fünf-mal-fünf-Minuten-Takt des Speeddating immer zwei Personen je verschiedene Lebensräume hinter sich zeigen, Forced Entertainment seinen Monitor gleich in sechs Zellen teilt, bleibt die vermeintliche Vielfalt dahinter doch bedeutungslos, ja verschlossen.

Ob sie ein Paar werden? Nikola Lenk spielt eine Pilotin und Camill Jammal einen Starregisseur.
Foto: Imago/Olaf Döring

Einen gewissen Reality-TV-Drive bekommt das Speeddating immerhin dadurch, dass die zehn Spieler sich je eigene Charaktere ausgedacht haben, deren Verhalten sie ganz selbst gestalten müssen. Alexander Khuon zum Beispiel gibt sich als pomadisierter Makler-Macho, der die schüchterne Meike der Britta Hammelstein rumkriegen will, was hübsche Peinlichkeiten provoziert.

Missverständnisse gibt es auch, aber darin sind die sechs Recken von Forced Entertainment immer noch die besten. Überhaupt ist ihr traurig disparates „End meeting for All“ das weitaus interessantere Projekt, weil schon die erste Folge die vielen Spiel- und Antispiel-Stränge auslegt, deren weiterer Verlauf völlig unvorhersehbar bleibt: das Trashige, Poetische, Alberne, Tragische.

Claire Marshall in der Bildmitte sticht mit ihrer grauen Zottel-Perücke aus dem Sextett heraus. Als Protagonistin der ersten Folge will sie eine vor Gram kranke Frau zeigen, die seit Ewigkeiten schon in Einsamkeit lebt. Die anderen verstehen nicht, Cathy Naden oben rechts will wissen, was sie da „spielt“, Robin Arthur unten links lacht nur und Claire brüllt: Sie „spielt“ nicht, sie macht etwas viel Schwierigeres! Ja, das macht Forced Entertainment. Mit Freude auf Folge zwei.

Zeitfüreinander, nächste Folgen: 2. bis 5.5., ab 19.30 Uhr, auf der Homepage des Deutschen Theaters

End meeting for All, nächste Folgen 5. und 12.5., ab 21 Uhr, HAU-Kanal. Folge eins auf YouTube