Boris Charmatz kommt Stunden zu spät wegen eines Fluglotsen-Streiks in Frankreich. In Berlin regnet es in Strömen, der geplante Besuch des Sowjetischen Ehrendenkmals im Treptower Park fällt ins Wasser. Dort wird Charmatz im Rahmen des Festivals Foreign Affairs am Freitag und am Sonnabend jeweils von 17 bis 20 Uhr die Performance „20 Dancers for the XX Century“ zeigen (Karten: 25489100).

Das Geschichtsprojekt ist Teil des Musée de la danse, das Charmatz vor fünf Jahren gegründet hat. Fünf Arbeiten präsentiert Foreign Affairs von dem französischen Choreografen: im Martin-Gropius-Bau und den Kunstsälen, in St. Agnes und auf der Bühne des Festspielhauses. Dort treffen wir uns schließlich doch noch. Eigentlich zum Interview. Charmatz wirkt etwas gehetzt, aber hellwach. Als man ihn nach seinem Musée de la danse befragt, streckt er die Arme aus, beginnt zu sprechen und hört nicht mehr auf.

Boris Charmatz: Das Musée de la danse ist aus der Idee entstanden, dass mit den bestehenden Strukturen nicht genug abgebildet wird, was Tanz eigentlich ausmachen kann. Es gibt auf der einen Seite die öffentlichen Räume, die Theater, wo wir Tanz aufführen und auf der anderen Seite haben wir die Tanzschulen. Ich mag beides sehr, aber Tanz heißt nicht nur vormittags selbst zu tanzen oder abends in einem Sessel zu sitzen und Tanz anzuschauen. Ich möchte auch über Tanz lesen, über Tanz schreiben, ich möchte Fotografien und Filme von Tanz sehen, ich möchte Tanz auf andere Weisen erfahren und in anderen Kontexten. Wir brauchen für den Tanz dritte Orte. Wir dachten, ein Musée de la danse könnte so ein dritter Ort sein. Einer, wo man nicht die Tür zu einem Theater oder einer Schule öffnet, sondern die Tür zu einem Museum. Manche Leute glauben, das Musée de la danse wäre ein Witz. Man kann den Tanz nicht festhalten und sammeln, er ist flüchtig.

Aber das Musée de la danse besteht aus etwas anderem, aus sehr vielen Ideen, nicht aus konkreten Vorstellungen. Es ist kein Museum aus Stein, es ist eines mit einem Fragezeichen. Inzwischen haben wir einiges geschaffen, manches davon ist jetzt auch in Berlin zu sehen. Wir wissen natürlich mehr als vor fünf Jahren, aber was dieses Museum ist, das wissen wir immer noch nicht. Es hat uns neue Türen geöffnet, aber hinter jeder Tür sind auch neue Fragezeichen. Ich mag es sehr in Museen aufzuführen − wir haben das Format der „20 Dancers for the XX Century“ vor kurzem erst im Museum of Modern Art in New York präsentiert, wir sind öfter in Museen. Aber es gilt dabei das gleiche, wie auch auf den meisten Bühnen: Der Tanz ist ein Gast, des Theater, der Oper, des Museums.

Museologie des Tanzes

Wir fragen uns, wie man als Tänzer selbst das Fundament für ein Museum setzen kann. Es ist keine Frage von Bauten. Wenn man Architekten, Journalisten, Tänzer, Theaterintendanten oder Historiker fragen würde, was eine Museologie des Tanzes ausmachen könnte, würde jeder darauf etwas anderes antworten. Wir verstehen auch den Körper selbst als ein Museum, er verfügt über ein eigenes Erinnerungsvermögen. Bei meinen eigenen Arbeiten als Choreograf habe ich natürlich unterschiedliche Aufzeichnungen, Videos, Fotos, Mitschriften. Das alles ist hilfreich, etwa wenn man eine Arbeit wieder aufnimmt, aber woran der Körper sich erinnert, das ist extrem wichtig. Bei Pina Bausch und Trisha Brown ist das nicht anders als beim klassischen Ballett, wo man etwa den Part der Giselle von jemand bekommt, der diese Rolle lange getanzt hat − und der hat sie selbst ebenfalls von jemand bekommen. Es ist eine Übergabe von Körper-Erinnerungen.

Ich mag die Idee, dass ich ein zeitgenössischer Choreograf bin, ich improvisiere, aber ich bin dabei nicht abgeschnitten von der Geschichte. Als ich mit dem Tanzen begann, war das Verständnis noch ein anderes. Als zeitgenössischer Choreograf warst du jemand, der etwas Neues macht, neue Bewegungen erfindet. Und als klassischer Balletttänzer warst du jemand, der ein in der Vergangenheit entwickeltes Bewegungsvokabular benutzt.

Improvisation als lebendiges Museum

Aber wenn man improvisiert, geht es darum, aus dem Moment heraus etwas Neues zu schaffen, auf das zu reagieren, was um einen herum geschieht. Wenn man das tut, wiederholt man bestimmte Muster. Bestimmte Dinge tauchen immer wieder auf. Wenn man improvisiert, ist man also ebenfalls mit Geschichte konfrontiert, mit den eigenen Geschichten, den Erinnerungen, all dem, was sich in den Körper eingeschrieben hat. Es ist eine Auseinandersetzung mit den Prägungen, die man erfahren hat, den persönlichen und den gesellschaftlichen. Insofern ist die Improvisation ein lebendiges Museum.

In unserer Performance „20 Dancers for the XX Century“ arbeiten die Tänzer mit Gesten aus historischen Soli, es hat also eine historische Perspektive. Aber unsere Auseinandersetzung mit dem historischen Material besteht aus Improvisation. Es gibt als Ort der Aufführung diesen besonderen Ort, der ein Mahnmal ist und ein Friedhof, der die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges in sich trägt. Es ist erschlagend. Es ist eine Herausforderung, dort Tanz zeigen zu wollen. Ich weiß selbst noch nicht, wie es wird. Aber die Konfrontation mit diesem Ort, das ist etwas, was wir einfach versuchen mussten.

Aufgezeichnet von Michaela Schlagenwerth.