Die rätselhafte Welt der Kristalle inspiriert zu sphärischen Motiven: Isabelle Le Minh trifft Alfred Ehrhardt in der Ausstellung „Crital réel“, Arbeiten von 2019.
Foto:  Alfred Ehrhardt-Stiftung/I. Le Minh/VG BIldkunst Bonn 2020

Berlin- Beim Anblick von Kristallen ist die symbolische Aufladung von Material und Form geradezu vorgegeben. Selbst bei unromantischen Zeitgenossen stellt sich Bewunderung ein beim Anblick dieser faszinierenden Synthese aus Natur und deren Kraft, Kunst ganz ohne menschliches Zutun zu schaffen.

Kristalle haben Bedeutung für die bildende Kunst schon seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Die kristalline Form ist seither auch Ausdruck von Vergeistigung und  Ausgangspunkt architektonischen Denkens bis hin zur Erneuerung der Malerei im Kubismus und Expressionismus im frühen 20. Jahrhundert. Besonders Joseph Beuys und Marina Abramovic haben dies in der Kunst der Nachkriegsavantgarden fortgeschrieben.

Und Jahrzehnte zuvor entdeckte der einstige Bauhaus-Student und spätere Reformpädagoge Alfred Ehrhardt (1901-1984) die Kristalle als Gegenstand seiner künstlerischen Fotografie. Ehrhardt hatte 1928/29 in Dessau bei Josef Albers studiert und auch die Malklassen von Paul Klee, Lyonel Feininger und die Bühnenwerkstatt Oskar Schlemmers besucht. Das erwies sich als beste Voraussetzung für seine anschließende Lehrtätigkeit an der Landeskunstschule Hamburg, ein Ort der Reformpädagogik. Ehrhardt war dort eine treibende Kraft der Erneuerung der Lehre und einer freien, naturnahen Erziehung.

Die Nazis warfen ihn 1933  hinaus, diskreditierten ihn als  „Kulturbolschewist“. Er hielt sich dann notgedrungen  als Organist über Wasser – und er fotografierte das Watt, dessen abstrakte, von Wind und Meer geformte Strukturen. So begann seine methodische Erforschung der Naturformen. 1938, die Nazis rüsteten zum Krieg, begann Ehrhardt, Kristalle und Mineralien zu fotografieren, unglaubliche, schöne, bizarre, mythische Gebilde. Er erstellte so strenge wie ausgeklügelte Inventare solcher Exemplare, etwa 600 Aufnahmen gehören in die große Sammlung der Ehrhardt-Stiftung.

Es sind faszinierende Kunstwerke der Wechselwirkung von Volumen und Licht, des Spiels von Transparenz und Lichtbeugung. Ehrhardt trat den Beweis an, dass anorganische Materie nicht tot, sondern ein sehr lebendiges Element ist.

An den Wänden der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung ist die einzigartige Schönheit, ist die Dynamik der Kristalle zu bewundern, die Kraft des Prismatischen, der Rhythmus der Formen, die Kontrapunktik und die Polyphonie – und die Ordnung im scheinbaren Chaos der Natur. Da sind Calcite und Kalkspate, Quarze, Steinsalzformationen  zu sehen, Diamanten, Eisenturmaline und Topase. Sie haben Pyramidenform, sind Sechsecke, Kegel, Zylinder. Es gibt Kristalle, die gleichen Orgelpfeifen, andere haben Blätterformen, manche lassen an fossile Gebilde denken, an absurde Knöchelchen oder an Säulen. Und noch andere scheinen auf dem dunklen Fotopapier im All zu schweben wie Asteroiden.

Aus der Serie „Kristallklar“ (nach Alfred Ehrhardt) von Isabelle Le Minh. 2019.
Foto: Alfred Ehrhardt-Stiftung/I. Le Minh/VG BIldkunst Bonn 2020

Ehrhardt hatte seinen Vintage-Prints Glasnegative und Kärtchen beigefügt, sozusagen Arbeitsnotizen etwa über Belichtungszeiten aus der Dunkelkammer, die viel aussagen über sein ästhetisches Wollen.

Diese Mission nimmt die von der Ehrhardt-Stiftung eingeladene französische Fotokünstlerin und Ingenieurin Isabell Le Minh für ihre Werkgruppe „After Photography“ auf. Für die Serie „Kristallklar“ kombinierte sie die Negative Ehrhardts, also den Ursprung eines Fotos, mit  Aufnahmen aus dem Internet von jenen Landschaften, aus denen seine Kristalle stammen. In diesen collagehaften und fast malerischen Arbeiten verweist sie auf die Ambivalenz der Fotografie, einerseits als sachliches Dokument, andererseits als Konstruktion des Fotografischen und ebenso mit dem Wechsel von Mikro- und Makro-Sicht. Und für ihren Zyklus „Kristallogramme“ hat Le Minh Alfred Ehrhardts fotografische Konstruktionen auf lichtempfindliches Papier gesetzt – ein so luzides wie unterhaltsames Spiel mit der Drei- und Zweidimensionalität. Und mit dem Medium Fotografie, das einen auch so verblüffend täuschen kann.

Alfred Ehrhardt-Stiftung, Auguststr. 75. Bis 6. September, Di-So 11-­18 Uhr, Eintritt frei