Berlin - Er finde die Wahrheit des Unsensationellen spannend, hat der Fotograf Roger Melis (1940–2009) einmal gesagt. Und angesichts seiner Arbeiten, wie sie derzeit in den Reinbeckhallen in Oberschöneweide zu sehen sind, wirkt dieser Satz wie ein Leitspruch. Der Alltag hat hier einen großen Auftritt, man könnte ihn auch mit dem anspruchsvolleren Wort Lebenswelt bezeichnen, wie es Mathias Bertram tut, Kurator der Ausstellung (Katalog im Lehmstedt-Verlag, Hrsg. Mathias Bertram) und Roger Melis’ Stiefsohn. Seit dessen Tod hütet er das Archiv dieses Mitbegründers des ostdeutschen Fotorealismus. 160 Fotografien aus drei Jahrzehnten hat er in 21 Kapiteln geordnet, „In den Fabriken“, „Kinder“ oder „Auf dem Lande“ lauten Überschriften. Die Retrospektive enthält bislang Ungesehenes, aber auch Porträts von Schriftstellern und Künstlern, mit denen Melis in den Sechzigerjahren bekannt wurde: Sarah Kirsch, wie sie auf ihren Umzugskisten sitzt, Eva Maria Hagen, die in einen geteilten Spiegel blickt, so als wolle sie fragen: Wer bin ich?, Nina Hagen im Jahr 1971.

Ein gutes Beispiel für die Wahrheit des Unsensationellen sind etwa die Fotografien vom 20. Jahrestag der Befreiung, wie er 1965 in Ostberlin begangen wurde. Hier steht die Parade der Sowjetarmee nicht im Zentrum eines Bilds, man sieht keine Rednertribünen, dafür eine Reihe von Parkbänken, alle besetzt von jeweils einem Soldaten und seiner Liebsten, die die Gelegenheit zum Kuscheln nutzten. Andere Uniformierte sitzen in der Gertraudenstraße auf dem Boden und spielen Karten. Das sind keine Bilder, die die Zeitungen in der DDR gedruckt hätten. Aber so widerständig, wie sie dem heutigen Betrachter erscheinen mögen, waren sie nicht gemeint. Davon ist jedenfalls Mathias Bertram überzeugt. Roger Melis habe seinen Platz im Sozialismus gesehen, er habe ihn verbessern wollen. „Und er wollte einfach die Realität zeigen.“

Roger Melis war sich der Beschränkungen wohl bewusst. „Die Veröffentlichungsmöglichkeiten waren angesichts der politischen Zensur und der mangelnden ästhetischen Urteilsfähigkeit der Auftraggeber begrenzt“, lautet eines der ausgestellten Zitate. Und so arbeitete er in eigenem Auftrag, fotografierte Reportagen ohne Aussicht darauf, die Bilder veröffentlichen zu können. Zunächst lebte er von seiner Arbeit als Medizinfotograf an der Charité, später von der Modefotografie. Er, der sich als Mitbegründer der Arbeitsgruppe Fotografie im Verband Bildender Künstler der DDR dafür einsetzte, die Fotografie als Kunstform zu etablieren, hatte zudem das Selbstbewusstsein, darauf zu vertrauen, dass seine Bilder noch gebraucht würden. Die Zeit gab ihm recht. Noch zu DDR-Zeiten wurden Fotos, die die Wochenpost zunächst abgelehnt hatte, dort Jahre später als Kunstfotografien gedruckt.

Titel der Fotoausstellung „Die Ostdeutschen“ erhebt einen Anspruch, den der Künstler nie formuliert hat 

Das Unsensationelle war Roger Melis auch deshalb so wichtig, weil er es brauchte, um sich dem Wesen eines Menschen nähern zu können. Er brauchte den Augenblick, in dem die äußere Zuschreibung von dem Porträtierten abfiel, auch das Zufällige. Das galt für die Künstlerporträts ebenso wie für die Fotografien von den Holzfällern und Feldarbeitern in der Uckermark etwa, wo Melis ein Wochenendhaus hatte. Er wollte keine sozialen Porträts schaffen. Vielleicht wird das bei keinem Bild deutlicher als bei dem berückenden Porträt zweier junger Maurer mit langen Haaren. Die Kelle in der Hand lehnen sie an einem Türrahmen und lächeln verträumt.

Die Straßenbilder aus Bitterfeld, Anklam oder Berlin ergänzen die Porträts. Gerade die Aufnahmen aus Berlin zeigen eine in nur wenigen Jahrzehnten versunkene Welt in Mitte und Prenzlauer Berg, Almstadtstraße, Hackescher Markt, Neue Schönhauser Straße. Eine Welt vor Renovierung und Gentrifizierung, nicht wiederzuerkennen. „Die Ostdeutschen“ – den Ausstellungstitel haben sie vor eineinhalb Jahren gewählt, dieser Tage erhält er eine unvorhergesehene Aktualität. „Man versucht, den Ostdeutschen eine kollektive Identität anzudichten“, sagt Bertram.

„Ich hoffe, dass diese Ausstellung das Gegenteil beweist.“ Der Titel erhebt einen Anspruch, den der Künstler nie formuliert hat. Er ist eine Konstruktion, aber er beruht auf dem Material, das Roger Melis hinterlassen hat. Und, so sagt es Matthias Bertram, auf Melis’ innerem Programm, von dem er sich leiten ließ.

Roger Melis: Die Ostdeutschen bis 28. Juli, Reinbeckhallen, Reinbeckstraße 17,

Do+Fr, 16–20 Uhr, Sa+So und feiertags, 11–20 Uhr,

Eintritt: 5/3 Euro, freitags (außer an Feiertagen) frei