Es scheint, der Weltreisende ist angekommen. Der gebürtige Düsseldorfer Wim Wenders, unlängst 70 geworden, wohnt wieder in Berlin. Von da aus zieht der berühmte Film-Regisseur seit Frühjahr mit seiner Fuji 6 x 17-Panoramakamera und einer Plauble 6 x 7 durch die Mark Brandenburg, fotografiert schier endlose, noch mit schwarzen Planen abgedeckte Spargelfelder bei Beelitz, Lichtungen, Kiefernwälder, in denen das Sonnenlicht sich bricht und rätselhafte Zeichen auf den Waldboden kringelt. Und er fotografiert die Elbe, bis nach Dömitz.

Die nun hinter Glas gerahmten Panoramen an den Wänden der Galerie Blain/Southern wirken wie eine Nachwende-Erzählung jener Szenen im Film „Im Lauf der Zeit“ von 1977. Damals hatte Wenders vom Westen aus den Grenzfluss gefilmt: die von Wachtürmen und Stacheldrahtverhauen zerschnittene Landschaft rechts der Elbe, die bewaffneten Grenzsoldaten in der Ferne, Vögel, die einzigen Lebewesen, denen der Landschaftswechsel möglich war. Und das unablässig von Ost gen West, zur Nordsee hin strömende Wasser.

Jetzt, im Jahr 2015, leuchten anstelle der Grenzpfähle nur lustig rote Bojen aus der friedlich, fast träge dahinfließenden Elbe. Immerhin weiß man, dass der Fluss auch ganz anders kann. Das frühlingsgrüne Gras kontrastiert das silbrig glänzende Wasser. Westlich, in der Ferne, sind hinter Büschen die alten gemauerten Pfeiler einer nicht mehr vorhandenen Brücke zu sehen und auch ein paar Turmhäuschen auf dem Elbedamm.

Wenders lässt den Betrachter seines Fotos vom Ostufer aus genau auf jene Stelle am gegenüberliegenden Ufer blicken, wo Hanns Zischler im Film damals – vor den entsetzten oder grimmigen Blicken der NVA-Grenzer, einen VW Käfer versenkte.

Und was wäre Wim Wenders ohne einen solchen Himmel über der Landschaft. Lautlos, aber drängend hört man sie heraus aus der idyllischen Situation, diese spröde deutsche Dramatik und diese nördliche Melancholie. 34 solcher Panoramen von 2015 bis zurück in die Siebzigerjahre, auch kleinformatigere Fotos, farbige wie schwarzweiße, erzählen von der zweiten künstlerischen Seite des Filmemachers („Der Himmel über Berlin“, „Paris,Texas, „Pina“, „Das Salz der Erde“). Die einstige, von Alt-und Neubauten umrandete Brache am Potsdamer Platz, die Wenders Mitte der Neunzigerjahre aufnahm, ist ein riesiges Baustellen-Wasserbett. Einsam ragt links das Haus Huth aus dem scheinbaren Baustellen-Wirrwarr. Und an der Horizontlinie: Kräne, Kräne, Kräne. Das Gesicht der „Berliner Republik“ entsteht.

Bildern wie diesem gegenüber hängen ganz andere Landschaften, solche, die von der unfassbaren, auch gleichgültigen Weite und Schönheit Amerikas erzählen, von den wie aus Legosteinen getürmten Wolkenkratzern Houstons, von einer Sauerkraut-Manufaktur in Gestalt eines abgerumpelten Holzhäuschens in der Pampa von Utah, einem Flugzeug-Wrack vor der Kulisse der bizarren roten Felsformationen im Monument Valley. Und von einer kuriosen Briefkasten-Siedlung in einer kargen Hochebene Montanas. Knapp, spröde, immer auch ein wenig surrealistisch erzählt Wenders Kamera, dass in dieser Einöde Menschen leben, die von irgendwoher Post bekommen. Oder da ist das grellgelbe Beine-Labyrinth einer Achterbahn im kanadischen Montreal, die Stimmung leicht absurd, grotesk, fast wie bei Stephen King.

Und anders als der Filmemacher, verzichtet der Fotograf Wenders auf moderne Fototechnik. „Mit dem iPhone aufgenommene Bilder“, sagte er, „sind für mich keine Photografie.“ Er besteht auf dem „Ph“ – als Ausdruck des Zusammenspiels von Licht (phos) und Malen (graphein), Seine Bilder entstehen analog, ohne Kunstlicht, ohne Stativ. „Und ich muss dabei ganz alleine sein“, verrät er. „Wo ich selber Geschichten erzähle, im Kino, möchte ich, dass der Zuschauer miterzählen und weitererzählen ... kann. Wo ich selber ’Zuhörer’ von Geschichten bin, als Photograph, will ich den Betrachter am liebsten dahin mitnehmen, wo ich gestanden habe.“

Wenders Fotografien sind meist menschenleer. Er lässt lieber die Dinge sich beharrlich selbst behaupten – gegen das Vergessen, das Verschwinden, den Verfall. Zugleich haben die Aufnahmen etwas unglaublich Einsaugendes und auch Romantisches, denn er fotografiert wie ein Maler: unendlicher Horizont, weiter Himmel, Licht, wie bei den alten Niederländern oder den Romantikern. Die Raffinesse Alter Meister wie Caspar David Friedrich, vielleicht auch Altdorfer aus der Renaissance stand Pate: Vordergrund, Hintergrund sind wesentlich, der Mittelgrund bleibt geheimnisvoll.

Galerie Blain/Southern, Potsdamer Str.,77–87. Bis 14.11., Di–Sa 11–18 Uhr.