Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht … Fort mit den Stunden, Minuten, Sekunden. Hört auf, der Veränderlichkeit zu widerstehen, seid in der Zeit – seid statisch, seid statisch – mit der Bewegung … “ So liest sich, geradezu manifest, die Aufforderung Mitte der 60er-Jahre des aus der Schweiz stammenden Bildhauers der Kinetik, Jean Tingely.

Nur scheint das Flüchtige des Moments das Festhalten-Wollen ja eigentlich auszuschließen. Und doch nehmen wir Menschen es mit dem Paradoxon auf: Wir machen mit Hingabe, gar Obsession flüchtige Momente zu Bildwerken. Wir sammeln sie, füllen damit Museen. Das, was das Vergängliche zu bannen sucht, wird bewahrt. Das Ephemere fasziniert uns. Es macht uns sentimental. Und es klärt uns auf, macht uns wissender. Es ist uns überaus kostbar.

Fotografische Kostbarkeiten zu genau diesem Thema hängen an den Wänden der Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Titel: „Das Ephemere in der Fotografie“. Die Arbeiten von Meisterinnen und Meistern des Mediums sind versammelt. Vor Ellen Auerbachs „Gottes Insel, Maine“, die spröde, fast gespenstische Aufnahme eines verlassenen, maroden alten Hauses von 1947, begreife ich den kuriosen Satz des Konzeptualisten Vito Acconci: „Die Zeit vergeht schnell und der Raum ist langsam. Aber der Raum ist ein Versuch, die Zeit zur orten und zu verstehen.“

Was einmal war

In diesem Fall ist es das gelebte Leben in diesem Holzbau mit den bizarren Fransengardinen, dem bröselnden Putz auf dem Fußboden, den dürftig stützenden gekreuzten Balken vorm kaputten Fenster, der Rest von Möbeln, die keinem mehr nutzen, die aber erzählen. Daneben eine Aufnahme des neusachlichen Fotografen Alfred Ehrhardt (1901–1984), nach dem die Stiftung in der Auguststraße in Mitte benannt ist. Ich schaue auf ein halbdunkles Interieur, in das Licht von einem Fenster dringt. Der Raum wirkt zerstört. Ehrhardt machte die Aufnahme im Kriegsjahr 1943, nach dem Bombardement seines Hamburger Wohnhauses.

Weniger erzählend und auch minimalistischer ist Lázlo Moholy-Nagys Fotogramm-Triptychon von 1922/1926, darauf schemenhaftes Hell auf Schwarz – auf Fotopapier gelegte und dann belichtete – Gegenstände. Es ist nicht auszumachen, welche. Dafür hat das fotografische Experiment eine geradezu magische Wirkung.

An- und abwesend zugleich

Fotografische Unschärfe, das gekonnt Verwackelte, das Unter- oder Überbelichtete prägt diese atmosphärisch dichte Ausstellung über das Verschwinden und Erscheinen. Und seien es nun kahle Äste und Zweige im winterlichen Nebeldunst wie die Bilder von Sandra Kantanen. Oder Eisblumen, die Vogelzügen gleichen. Donata Wenders, die Ehefrau des Filmemachers und Fotografen Wim Wenders, zeigt ihre Serie „In the Snow, Allgäu“, 2010. Da läuft eine Frauengestalt im Schneegestöber. Sie taucht auf und verschwindet, taucht wieder auf, die Umrisse verformen sich. Schneeflocken malen Wachteleier-Sprenkel auf Mantel und Mütze. Der Schnee ist wie ein Vorhang, vor und hinter dem alles Mögliche passieren kann. Doch bleibt die diffuse Atmosphäre unaufgeregt sanft

Andrea Sunder-Plassmann, einst Meisterschülern von Dieter Appelt an der Berliner HdK, und ihre Kollegin Rita Ostrowskaja steuerten der Ausstellung stille, verwirrende Aufnahmen bei. „Mensión“, 1988, und „Auf meinem Bett“, 1999. Es sind nachgerade Vergänglichkeitsmotive. Beide nahmen durch extrem lange Belichtungszeiten ihren eigenen Körper im Liegen, jeweils unter einer straff gezogenen Zudecke auf und lassen ihn so zugleich fast verschwinden. Ostrowskajas Körper ist durch den fotografischen Trick der Doppelbelichtung auf der karierten Decke an- und abwesend zugleich.

Verfließende Erinnerung

Sunder-Plassmann liegt – welch ungewöhnliches Selbstporträt – in einem hospitalweiß bezogenen Metallbett, zugedeckt bis zum Hals, scheinbar schlafend. Den Kopf mit den hübschen Ohrringen hat sie seitlich nach rechts gedreht. Aber auf dem Laken ist links, beim genauen Hinsehen, noch schemenhaft ihr Profil zu erkennen, palimsesthaft, verfließend wie eine Erinnerung, die sich dennoch für immer abgezeichnet hat. Also hat sie den Kopf während der Belichtung gedreht.

Die Künstlerin spielt bei diesem Festhalten des Flüchtigen überdies mit der Bedeutung weiterer Chiffren: Am Bettgestänge überm Kopf baumeln eine weiße Schleife und ein Holzkreuz. Die Assoziation vom Übergang des Lebens in den Schlaf und zu dessen Bruder, dem Tod, ist unweigerlich da. Ein Selbstversuch der Fotografin, glücklicherweise erfreut sie sich bester Gesundheit, wie mir das Galeriepersonal versichert.

Alfred-Ehrhardt-Stiftung Bis 9. September, Di–So 11–18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Auguststr. 75