Berlin - In Memoriam Volkspalast“. So könnte der Film heißen, den der Berliner Fotokünstler Christian von Steffelin seit 1994 bis 2010 – neben unzähligen Fotoarbeiten – gedreht hat vom Leerstand, von den Künstlerprotesten und schließlich dem dramatischen Abriss des Palastes der Republik. Da, wo nun der betonene Rohbau des neuen Preußenschlosses, das „Humboldt-Forum“ , in den Berliner Himmel wächst.

„Merkwürdig positioniert zwischen Zeughaus, Museumsinsel, Berliner Dom, Nikolaiviertel und Schinkelplatz“ hielt er „tapfer die postsozialistische Stellung“, so beschreibt der Künstler selbst die Flaggschiffposition des Palastes, der im Volksmund wegen der unzähligen Kugelleuchten auch „Erichs Lampenladen“ hieß.

Sein mit Geräuschkulisse und melancholischem Sound unterlegter Film ist jetzt in der Schau „Die geteilte Stadt – Divided City“ zu sehen. Dazu eine Fotoinstallation jener Orte an der Mauer, an denen Menschen, beim Versuch, das Bollwerk zu überwinden und in den Westen zu fliehen, gnadenlos erschossen wurden. „Tatort Mauerland“ nennt von Steffelin, der gebürtige Karlsruher, diese berührende Arbeit.

Grenzen als Symbole der Gefühllosigkeit

Seine Arbeiten werden begleitet von den Bildern fünf weiteren Fotografen, die seit 1989 von überallher nach Berlin kamen. Oder schon da waren, wie der Fotoreporter der Berliner Zeitung, Christian Schulz, der den Fall der Mauer in aller Euphorie, aller Emotionalität, bei allem Chaos in Schwarz-Weiß fotografiert hat, dazu viele Szenen der turbulenten Wendezeit, mit allen Freuden und Verwerfungen.

Und da sind, wie eine Parallele zur Berliner Mauer-Zeit, die Schlagbäume, Sperranlagen, Blockaden in Belfast, die der gebürtige Londoner Chris Durham aus der in Protestanten und Katholiken getrennten Stadt mitgebracht hat. Als bildgewordene Intoleranz, religiöse Hass-Nachbarschaft, Rechthaberei. Heillose Hilflosigkeit und Zeugnis eines zerstörerischen Nationalismus.

Auch die Amerikanerin Katherine York fotografierte Absperranlagen „die Border Infrastructure“, mit der die südkalifornische Stadt San Diego sich militant von mexikanischen Migranten abzuriegeln versucht. Es sind Bilder einer administrativen Gefühllosigkeit.

Ruinen der Betontürme

Lilly Grote aus Bentheim war mit ihrem Fotoapparat dabei, als im Herbst 1989 die Grenzanlagen Friedrichstraße abgebaut worden, der Staub unter den Aufbauten weggefegt wurde, in den Staubwolken die Leute von Ost nach West drängten. „Staub“ wird zur Metapher.

Und Mira O'Brien aus Los Angeles legt mit ihren abstrakten Fotos eine Gedankenspur – vom Abriss des Palastes der Republik zurück zum Brand des Münchner Glaspalastes 1931, bei dem 3 000 Kunstwerke vernichtet wurden. DUrch Brandstiftung „Glück und Glas, wie dumm ist das ..., zitiert die Künstlerin hintergründig den alten Dichter-Phantasten Paul Scheerbart.

Was an der gesamten – auf Mauern, Grenzen, Blockaden, reale wie geistige – abhebenden Schau der ARTSpace-Galerie – auffällt, ist die nüchtern beschreibende, unsentimentale Form, selbst noch da, wo die Sequenzen hochdramatisch sind. Sei es beim Anblick des inneren Verfalls des „Volkspalastes“, den von Steffelin dokumentiert, bis zur Entblätterung zum Stahlskelett. Und schließlich sind da die Ruinen der Betontürme, die wie nach einem Bombenangriff den Schlossplatz markierten. Genauso wie jenes aus dem Schutt ragende Teil, auf dem ein Graffito verkündete: „Die DDR hat’’s nie gegeben.“

Galerie ARTSpace POT72, Potsdamer Str. 72. Eintritt frei, Di–Sa 14– 18 Uhr. Bis 20. 12. Am dritten Advent ( 14. 12.) laden die Fotografen zum Treffen, 14–19 Uhr.