Nach den vielen Ankündigungen konnte man gar nicht anders, als das Buch mit größter Skepsis zu erwarten. Was könnte das schon anderes sein als ein aufgeblasener Fan-Artikel? Für 99 Euro in der Sparversion. Die teurere, sogenannte Sumo-Ausgabe ist um jeweils 17 Zentimeter größer. Der quadratische Band kommt damit auf eine Kantenlänge von einem halben Meter und kostet, handsigniert von den Musikern, ab 4000 Euro aufwärts. Die Luxusedition für 15.000 Euro ist bereits ausverkauft.

Die 99-Euro-Ausgabe reicht völlig. Auch sie ist schon so schwer, dass das Buch in einen Karton mit Henkel verkauft wird. Das über 500 Seiten starke Fotobuch bietet die Begegnung mit ein paar Bengels, die durch harte Arbeit an der vordersten Front des Zeitgeistes Kulturgeschichte geschrieben haben. Im Rodeo der Moden und Stile gelang es ihnen nicht nur, über Jahrzehnte obenauf zu bleiben, sondern im Sattel erwachsen und sogar auf würdige Weise alt zu werden.

Vorwort von Bill Clinton

Die Karriere der Stones, die als Teil einer vermeintlichen Revolution begann, mündete in den Status geradezu monarchischen Beharrungsvermögens. Er stellt alles in den Schatten, was man an Daueraufenthalten an der Spitze der Macht kennt, Helmut Kohl eingeschlossen. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass ein Politiker, nämlich der Ex-Präsident der Vereinigten Staaten, Bill Clinton, dem Buch ein Vorwort beigesteuert hat.

Wie die Stones es geschafft haben, zur Signatur eines Zeitalters zu werden, erzählt dieser Bildband mit vielen der unauslöschlich bekannten, aber auch überraschenden, nie gesehenen Bildern.

Auf den frühen Stones-Bildern sieht man sie nie, allenfalls aus Versehen, lachen. Sobald sie posen, schieben sie trotzig die Unterlippen vor, blicken finster und frontal, Keith Richards wirft gern mal herausfordernd den Kopf in den Nacken. Nur nicht die colgateweißen Zähne zeigen wie die Schlageraffen. Die Stones hatten ihren Stil noch nicht gefunden.

Gemeinsamer Habitus

Der habituelle Trotz, mit der sie durch London stapfen oder vor dem Tin Pan Alley Club posieren, markiert permanente Kampfansage. Sie hat aber nichts Soldateskes; alle Stones kehren gern ihre femininen Seiten nach außen. Bisweilen hat man den Eindruck, sie hätten unter optischen Gesichtspunkten zusammengefunden, so genau treffen sie einen gemeinsamen Habitus: verletzlich, sinnlich, unergründlich, gierig und provozierend arrogant.

Schon 1966, nach nur drei harten Arbeitsjahren, posieren die Stones für den Fotografen Gered Mankowitz stolz vor ihrem Besitz: Bill Wyman sitzt auf seinem MG-Coupé, Mick Jagger in Nadelstreifen und Krawatte auf dem Boden vor seinem Aston Martin. Die Wand seines Apartments beim Regent’s Park berührt Jagger, als könne er es noch nicht ganz glauben. Dann räkelt er sich auf seinem Sofa wie Lenin in den Polstern des Winterpalais. Richards lehnt sich an seinen Bentley, der neben einem Rosenzweig auf dem Kiesweg von Redlands, seinem reetdachgedeckten Anwesen in Sussex parkt.

Zur Schau gestellter Luxus

Niemals hätten die braven Beatles so demonstrativ ihren Besitz hergezeigt. Im Image der Stones dagegen kippt das Rotzige immer wieder ins Aristokratische um. Sie demonstrieren jenseits des Love& Peace-Getues die kollektiven Ansprüche ihrer Generation auf den Machtwechsel. Die großen 68er Schlachten waren noch gar nicht geschlagen, da üben die Stones schon mal, wie es sich so sitzt in herrschaftlichem Ambiente.

Mit Ausnahme des bodenständigen Schlagzeugers Charlie Watts, der laut in Interviews darüber nachdenkt, ob die Fähigkeit zu lachen nicht viel wichtiger ist als Macht und Besitz. Seit wann das eine Alternative ist, fragt ihn niemand.

Wein und Wildbret

Nur einmal werden die Stones von den Beatles visuell in Bedrängnis gebracht. Diese bringen 1967 mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ ein Albumcover heraus, dass sie in bizarren Fantasieuniformen als Frontmänner einer Phalanx historisch bedeutender Gestalten wie Oscar Wilde, Marlene Dietrich, Oliver Hardy und Karl Marx zeigen. 18 Monate später antworten die Stones auf den historischen Erbeanspruch der Beatles mit dem Cover von Beggars Banquet: Sie zeigen sich als aristokratische Taugenichtse in Renaissance-Kostümen. In einem Schloss feiern sie ausgelassen mit Wein und Wildbret. Während die größte Erbengeneration der Geschichte dem Establishment den Straßenkampf ansagt und sich im Stillen dran macht, Oma ihr klein Häuschen zu versaufen, machen die Stones in großformatiger Dekadenz vor, wie das geht: Die Bauern schuften, wir Adlige machen drauf bis morgens früh.

Es ist kein Zufall, dass der Fotograf Mark Seliger die Stones 2005 zu einem Foto versammelt, das an den Mount Rushmore erinnert, an den Felsen mit den vier monumentalen amerikanischen Präsidentenköpfen in South Dakota. Die da im Schnitt 62-Jährigen sind faltig wie Leguane und dennoch strotzend vor Respektabilität. Würdenträger des Showbiz.

The Rolling Stones. Hrsg: Reuel Golden. Taschen Verlag, Köln 2014. 519 S., 99 Euro