Frankfurts Paulskirche zur Sonntagmittagszeit, wenn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird, war selten ein Ort für Sonntagsreden, auch diesmal nicht, in einem nieseligen Licht. Wurde doch in Gegenwart eines der berühmtesten Fotografen der Welt, des Preisträgers Sebastião Salgado, die Frage gestellt, ob „Photographieren“, altmodisch mit Ph geschrieben, „ein Akt des Friedens sein“ könne.

Der Filmkünstler Wim Wenders wollte als Laudator seine Frage nicht als rhetorische verstanden wissen. Handele es sich doch bei der „Photographie“ um eine Tätigkeit, „die mit ,Schießen’ verbunden“ sei. Auch gebe es da das unangenehme Wort „Schnappschuss“. Und hätten die amerikanischen Ureinwohner nicht instinktsicher geahnt, dass der weiße Mann ihnen damit „die Seele stehlen“ wollte?

Diese „feindseligen Aspekte des Photographierens“, so versicherte Wenders, „lassen wir heute weit hinter uns“ – um sich sodann einem Fotografen zuzuwenden, der sein Leben mitten unter Menschen verbracht hat, unter Flüchtlingen und Goldsuchern, unter Vertriebenen und Verhungernden. 

Wim Wender nannte den Fotoreporter Sebastião Salgado einen „Seher“

Zuvor hatte bereits Heinrich Riethmüller als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die Bildersammlungen Salgados über die „Fragilität der Welt“ gewürdigt – auch das war keine Sonntagsrede. So wenig wie auch diejenige des Frankfurter Oberbürgermeisters, Peter Feldmann, der eine kompromisslose Linie im Kampf gegen den Rechtspopulismus einklagte.

In dem Filmemacher Wenders fand der Fotograf einen wortmächtigen Exegeten. Keinen Schriftgelehrten, wohl aber einen Bildgelehrten, der die „bild-erzählerischen Epen“ Salgados als einen Appell an einen „großen Weltfrieden“ auslegte. In Wenders hatte Salgado gestern zudem so etwas wie einen Geistes(blitz)verwandten, als dieser aus dem Objekt der Fotografie, in diesem Fall der Erde, ein Subjekt machte: Nichts anderes seien diese Bilder nämlich „als eine großzügige Geste unserer Erde, ihren Schleier zu heben und sich zu „erkennen„ zu geben.“

Bei aller Emphase, die Wenders bereits in seiner Salgado-Dokumentation, in dem Film „Das Salz der Erde“, sprechen ließ: In Frankfurt traf der Geehrte auf einen hymnischen Bewunderer, der den Fotografen einen „Seher“ nannte, „dessen Kamera uns prophetisch den Verlust weiterer Friedensgrundlagen vor Augen führt“. Erinnernd an Werke Salgados wie „Exodus“ und „Genesis“, zwei Titel, die nicht von ungefähr biblische Assoziationen aufrufen, lud Wenders seine Lesart der Bilder Salgados hier und da durchaus religiös auf.

Fotografie als Prophetie? Bei aller entschiedenen Parteinahme angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit, in denen der Mensch dem Mitmenschen ebenso ein Ausbeuter ist wie der Natur – prosaischer sah es dann Sebastião Salgado selbst in seiner Dankesrede. In gleichsam kurzen Momentaufnahmen trug der 75-Jährige ein Panorama seines weltweiten Engagements zusammen.

Sebastião Salgado gab Einblicke in die Lebensbedingungen der Hungernden in Afrika 

Der historische Raum der Paulskirche wurde genutzt als Podium, um ein Leben als Augenzeuge Revue passieren zu lassen, begleitet allein von einer Kamera, auf den Spuren von Völkerwanderungen oder der Tiere der Arktis – diese Expeditionen in die „Genesis“ verstanden als Appell an die Bewahrung der Schöpfung.

Damit äußerte sich neben dem Sozialfotografen auch der Naturfotograf, der in seiner Dankesrede auf die monströse Ausbeutung sowohl der Ureinwohner als auch der Urwälder in seiner brasilianischen Heimat zu sprechen kam, unter dem aktuellen Regime einem noch aggressiveren Raubbau an Mensch und Natur als in den Jahrzehnten zuvor.

Salgado gab Einblick in die Lebensbedingungen der vom Hunger Heimgesuchten in Afrika, der Verheerten und Vertriebenen der Bürgerkriege, der Ausgeplünderten an Fließbändern oder Werkbänken. Am stärksten bewegt berichtete Salgado vom Entsetzlichen schlechthin, dem Genozid in Ruanda.

Und als wäre es ein Schlaglicht auf die dröhnende Ignoranz des sich weiterhin gegen die Realität der Massaker im Jugoslawienkrieg sperrenden Peter Handke, kam Salgado auf seine dortigen Missionen zu sprechen, Fotoexpeditionen, wie immer angelegt auf Monate. Fotografieren heiße, so bereits Wenders, nicht von ungefähr „aufnehmen“, Aufnahme von Realitäten, der Schönheit der Schöpfung oder aber ihrer Zerstörung, gezwungenermaßen.

Sebastião Salgado spricht über das ureigene Interesse der Menschheit 

Im Licht dieser Umstände unterblieb so etwas wie ein versöhnlicher Sonntagmittag, zumal Salgado nicht verleugnen wolle, dass „der Mensch immer des Menschen Wolf ist“. Immer – keine Illusion in dieser Sache.

Salgado führte dem Paulskirchenpublikum seine Zweifel ebenso vor Augen wie die Hoffnung, die Menschheit wolle noch, in ihrem ureigenen Interesse, Vernunft annehmen. Angesichts seiner Auszeichnung in Frankfurt ging sein Blick zurück, um seine Ehrung mit all den Entehrten zu teilen, nicht zu vergessen mit seiner nachdrücklich erwähnten Ehefrau Lélia.

Dank „Lélias Energie und Entschlossenheit“ gründeten sie gemeinsam im brasilianischen Aimorés das „Instituto Terra“ zur Wiederaufforstung eines Urwalds. Auch dieses Vorhaben, wie seine Fotografieserien in aller Welt, sind ein Langzeitprojekt. Sind ein Anliegen und eine Anpflanzung aus einem „tieferen Gefühl von Verantwortung“. Nicht um sich die Welt untertan zu machen, handelt es sich um so etwas wie ein neues Testament.