Berlin - Im New Yorker Central Park steht ein magerer Junge in kurzen Hosen: der Körper verspannt, die Augen aufgerissen, der Mund verzerrt, die Finger verkrallt in eine Handgranate. Ein Spielzeug. Dieses Ist-doch-bloß-ein-Spiel-Motiv wurde im Bruchteil einer Kamerasekunde zum Zeit-Kommentar. Die Kommentatorin hieß Diane Arbus (1923-1971), und sie behauptete von ihrer Fotografie, es gäbe Dinge, die niemand sehen würde, hätte sie nicht den Auslöser bedient.

Unglaubliche Perfektion, Ehrgeiz, fast aggressive Kühnheit – und offensichtlich politischer Verstand – brachten Aufnahmen wie diese von 1962 hervor. Ein Kindergesicht wird zur Fratze – zur Metapher für eine manipulierte Gesellschaft, welch grobkörnige, schwarz-weiße Offenbarung von Deformation. Die US-Amerikanerin Arbus zeigt ihr Land der 1950er, 1960er Jahre, die heuchlerische Prüderie, die Ressentiments, die Kriegsstimmung mit hinreißender Hässlichkeit, fast am Rande eines vorweggenommenen Weltuntergangs.

Schockierende Unverfälschtheit

Die Menschen tragen alle Spuren einer großen, gleichgültigen Stadt im Gesicht. Und doch sind Müdigkeit und Melancholie, Schatten und trübes graues Licht durchzogen von der Obsession für das Abseitige. Diese Frau revolutionierte die Fotografie durch schockierende Unverfälschtheit. Sie verwandelte Vertrautes in Fremdes, bezog es aus bisweilen abstoßendem Exotismus.

Berlin hole es nun nach, diese Bilder zu zeigen. Endlich, sagt Gereon Sievernich, der Direktor des Martin-Gropius-Baus, dem Ausstellungshaus der Berliner Festspiele. Noch nie zuvor gab es hier eine große Retrospektive der Amerikanerin. Aber sie war in Berlin, wenige Monate vor ihrem Selbstmord. Sie kam im Juli, war an der Mauer und sogar im Osten, im Brecht-Theater. Ein Trip zusammen mit ihrem besten Freund, dem Maler Marvin Israel. Damals entstand das starke Porträt der Helene Weigel, nur wenige Wochen vor deren Tod im Mai. Die "Mutter Courage" schaut nach oben, hinaus aus dem Bild, als wäre dort schon eine andere Welt.

Sie gehe am liebsten dahin, wo sie noch nie gewesen sei, das war so ein Lieblingssatz der Arbus, deren Werk ganz ohne chronologische oder thematische Anordnung hängt. Für diese offen zugängliche, Leitfaden-lose Präsentation stehen Neil Selkrik, einst Schüler, später Assistent der Fotografin und der einzige, der ihre Abzüge machen darf, sowie Jeff L. Rosenheim, Fotokurator am Metropolitan Museum New York. Die 200 Bilder, berühmte und unbekannte aus dem Nachlass, dazu Räume voller Dokumente über das Leben der Fotografin, besagen, wohin die Neugier das behütete jüdische Mädchen aus der New Yorker Mittelschicht getrieben hat.

An Orte, die andere mieden – die Enklaven des Verschwiegenen, die Schmuddelecken des freien Amerika zu Zeiten der Rassenunruhen, des Indochina- und Vietnamkrieges, der sexuellen Befreiung durch die Pille. Arbus arbeitete zunächst mit einer grobkörnige Aufnahmen liefernden 35-Millimeter-Kamera, die ihr anfangs für Modeaufnahmen diente. Später fotografierte sie nur noch mit der gestochen scharfe Qualität hervorbringenden Rolleiflex die Kehrseite des amerikanischen Traums, der nun in Berlin in schlichten Rahmen unseren Verstand und die Gefühle bedrängt: Arme, Fette, das Personal der nächtlichen Straßen und billigen Kinos von New York, Altenheime, Irrenanstalten, Häftlinge, Jahrmärkte mit Krüppeln, Varietés, Spelunken der lichtarmen Großstadt-Peripherie mit ihren Transvestiten und Freaks.

Freaks sind Aristokraten

"Hubert’s Dime Museum and Flea Circus", gegründet nahe dem Times Square, war bis 1965 Heimstatt ausgestoßener Sonderlinge und Gaukler, von siamesischen Zwillingen bis zu Zwergen und Riesen. In diesem wollüstigen Gruselkabinett fand Arbus früh ihr Thema, die "Exzentriker", die sie als "Märchen für Erwachsene" bezeichnete, "als ob die Welt dort buchstäblich alles versteckt hätte, was sie nicht braucht." Freaks, meinte sie, hätten etwas von einer Legende. "Wie eine Person in einem Märchen, die einem Rätsel aufgibt, die man lösen muss. Die meisten Leute haben ihr Leben lang Angst davor, dass ihnen etwas Traumatisches zustößt. Freaks sind mit ihrem Trauma auf die Welt gekommen. Die Lebensprüfung haben sie schon bestanden. Sie sind Aristokraten. Wenn du jemals mit einem zweiköpfigen Menschen gesprochen hast, dann weißt du, dass der etwas weiß, was du nicht weißt."

Aber da sind auf den Bildern auch adrette Paare, die sonntags mit ihren Babys in den Park gehen, Kellner, Straßenhändler – und die Patrioten mit der US-Flagge bei Paraden. Präzise und wohl gerade so mit tiefer Verachtung fotografiert: das Porträt eines pickeligen Kriegs-Bejahers, am Revers ein Sticker: "Bomb Hanoi".

Arbus, in ihrer Bildsprache deutlich inspiriert von der Sicht eines Leute-Fotografen wie August Sander ebenso wie von Walker Evens, wollte der Gesellschaft tabulos den Spiegel vorhalten, "das Tatsächliche erfassen" – sie wollte Überbringerin einer Botschaft sein. Sie empfand ihre Fotografie sehr wohl als Widerstand, keineswegs bloß als zugespitzte ästhetische Position, wie oft kritisiert wurde. Es war der Schriftsteller Norman Mailer, der das begriffen hatte, als er, etwas militant, sagte, der Arbus eine Kamera zu geben, bedeute, ihr eine Granate in die Hand zu drücken. Für Arbus war Fotografie ein Medium, das sich "mit den Fakten anlegt". Zugleich bezeichnete sie paradoxerweise ein jedes Motiv ihrer Paraden des Grotesken und Bizarren als "Geheimnis eines Geheimnisses".

Seit Jahren, ist Arbus der Liebling des Kunstmarktes, ihre Abzüge bringen auf Auktionen eine Viertelmillion Dollar. Aber als das MoMA ihre Fotos ein Jahr nach ihrem rätselhaften Tod – eine Schlafmittelüberdosis – zeigte, mussten die Wärter dauernd die Spucke entrüsteter Besucher von der Verglasung wischen. Schlecht zu ertragen – das Bild eines von Monstern bewohnten Amerikas.

Heute deuten wir die Motive als Reisen in die Abgründe der Seele und als mystisch verklärte individuelle Suche nach den Geheimnissen des Lebens. Wir sehen sie als kühne Vorreiterin einer kollektiven künstlerischen Suche nach den Untergründen und Rändern einer zukunftsbesessenen Gesellschaft. An die abgrundtiefe und zugleich tröstlich groteske Melancholie der Arbus aber kommen selbst die effektvollsten Nachahmer nicht heran.

Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 23.9., Katalog (Schirmer/Mosel) 49,80 Euro.