Eberhard Püscher war in Alfeld der Mann mit der Kamera. Man sah ihn nie ohne. Er fotografierte Hochzeiten, Konfirmationen, Schützenfeste, Karnevalsfeiern, Bundeswehrübungen. Und er machte Porträts: Passfotos, Kinderbilder, Ehepaare. Wer ein Bild von sich wollte, kam in seine Dachstube oder rief ihn zu sich. Er kam auch ungefragt. Als Eberhard Püscher starb, hinterließ er 80000 Bilder. Ein kleiner, exemplarischer Teil ist nun in dem Buch „Eine Stadt auf Fotopapier“ von der Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner und dem Kulturwissenschaftler Simon Schwinge zugänglich gemacht worden.

Es ist ein sonderbares, berührendes Werk. Fotokünstlerisch sind Püschers Arbeiten von geringem Interesse. Er kümmerte sich nicht um raffinierte Blickwinkel, gezielten Einsatz von Unschärfen, expressive Bildkompositionen. Seine Technik ist so normal wie die Leute und Szenen, die er fotografierte. Gerade darin liegt die Stärke: Die „Sammlung Püscher“ bildet ein einzigartig lückenloses fotografisches Soziogramm einer Kleinstadt, die beispielhaft für das stehen könnte, was man „die alte Bundesrepublik“ nennt.

Eberhard Püscher kam mit seinen Eltern Dora und Richard 1948 in die niedersächsische Stadt an der Leine. Sie waren Flüchtlinge aus dem schlesischen Glogau. Auch dort hatten die Püschers schon ein Fotoatelier betrieben – in einem Hotel. Alfeld hatte 1948 etwa 8 000 Einwohner, hinzu kamen 2 000 Ausgebombte und 4 000 Flüchtlinge. Familie Püscher wurde eine Dachgeschosswohnung zugewiesen. Eberhard Püscher blieb darin bis zu seinem Tod 1994. Auf den 40 Quadratmetern wohnte und arbeitete er; hier waren neben Bett und Küche auch der Verkaufsraum, das Atelier und das Archiv untergebracht – und jede Menge Katzen. Entwickelt wurde im einzigen Waschbecken.

Viel ein brachte den Püschers die Fotografie nicht, obwohl sie ihr ihre ganze Zeit widmeten. Das Zündapp-Moped und der alte Opel Kadett wurden über Gebühr lange gefahren. Püscher sahen die Alfelder immer im selben Künstlerlook mit Baskenmütze, Hochwasserhosen und abgetragenem Mantel.

So gewöhnungsbedürftig die Lebensumstände der Püschers waren, über die in der Kleinstadt viel gemunkelt wurde, so penibel ist die technische Qualität der Bilder. Eberhard Püscher besaß etliche Kameras, für Gruppenaufnahmen aber benutzte er bis zuletzt eine Respekt gebietende Großformatkamera mit Glasplatten. Mit dem Ruf „Auf Lucke bitte!“ schaffte er es, dass wirklich alle zu ihm ins Objektiv blickten. Püschers Sorgfalt angemessen ist die ästhetische Qualität des Buches, das übrigens von einem Editorial Design Kurs an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim gestaltet wurde.

Die Stadt bestand für Eberhard Püscher aus den Menschen. Die Architektur Alfelds, das Straßenbild, die Natur interessierte ihn nicht. In der Summe der Bilder entfaltet sich zwischen 1948 und ’94 die physiognomische Chronik einer Stadt. Nachkriegserschöpfung, Wirtschaftswunder, Saturiertheit, sozialer Aufbruch – man kann viel herauslesen aus diesen Bildern – und viel hineinlesen.

Ist die gestreifte Jacke des mageren Mannes zu groß, weil er lange gehungert hat, oder weil es gar nicht seine ist? Die Kleidung wanderte ja durch die Familien. Das kleine blonde Mädchen von 1948 hat eine umgearbeitete Männerhose an, die mit beherzten Schnitten passend gemacht wurde. Trotzdem wird es noch seine Zeit brauchen, bis es hineingewachsen ist. Annett Gröschner schreibt, das Bild wirke wie aus einem dieser dreigeteilten Bilderbücher, in denen man jeweils ein Wesen aus verschiedenen Tieren zusammensetzen kann. „Bei einem solchen Gesicht und den gekämmten Haaren erwartet man ein weißes Spitzenkleid mit ausgestelltem Rock.“ Bestätigte Erwartungen und ausgebliebene – es ist ein schillerndes Panorama der Normalität in dieser Stadt aus Fotos.

Eine Stadt auf Fotopapier. Herausgegeben von Annett Gröschner und Simon Schwinge. Fruehwerk Verlag, Berlin, Hildesheim 2014, 145 S., 29,90 Euro.