Wie können Bilder, Filme oder Texte Kriegserfahrungen vermitteln? Kann das überhaupt gelingen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Fotografen, Kriegsberichterstatter und Wissenschaftler bei den Thementage „Krieg erzählen“, die von Donnerstag bis Sonnabend im Haus der Kulturen der Welt stattfinden. Einer der Teilnehmer ist der Historiker Gerhard Paul. Er beschäftigt sich seit langem mit Kriegsfotografie.

Lässt sich das Wesen des Krieges in Bildern sichtbar machen?

Ich vertrete die These, dass der Krieg das Unmodellierbare schlechthin ist. Er ist viel zu komplex, um ihn durch Fotografie oder Film sichtbar zu machen. Der moderne Krieg ist raumgreifend. Er ist mit fotografischen oder filmischen Mitteln nicht darstellbar. Im Ersten Weltkrieg etwa Fotografen deshalb Kompositbilder aus mehreren Bildern hergestellt, um den Raum des Krieges und seine neuen Dimensionen darzustellen. Und dennoch hat es nicht funktioniert.

Trotzdem gibt es Bilder vom Krieg. Welchem Zweck dienen sie?

Das hängt davon ab, wer fotografiert und für wen. Der Soldat benutzt seine Fotos als Trophäe, die er mit nach Hause nimmt, oder als Erinnerung. Offizielle Kriegsreporter, die mit einer Einheit in den Krieg ziehen wie im Ersten Weltkrieg, hatten die Aufgabe, mit ihren Aufnahmen eine Verbindung zwischen Front und Heimat herzustellen. Auf ihren Bildern, sieht man Soldaten, die gut versorgt sind, die Zeitung lesen oder Briefe, die sich waschen. Dann haben Fotos oder Filme immer die Funktion der Propaganda und der Legitimation. Zum Beispiel die Fotografien zu Beginn des Kosovo-Krieges 1999, die der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping auf einer Pressekonferenz offerierte. Da sah man die Leichen von Menschen, die wie bei einer Jagd nebeneinander aufgereiht waren. Damit wollte Scharping den Einsatz der Bundeswehr als „humanitäre“ Intervention begründen.

Und Fotografen verdienen mit den Bildern ihren Lebensunterhalt.

Bilder sind in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft immer auch Waren. Und damit Bilder Käufer finden, müssen sie spektakulär und dramatisch sein. Deshalb werden sie beschnitten, retuschiert, verändert oder gleich nach den Bedürfnissen dieses Marktes inszeniert. Das wird viel zu oft vergessen.

Gibt es bei der Konstruktion eine Grenze, die nicht überschritten werden darf?

Die Grenze ist überschritten, wenn ein Bild so beschnitten oder retuschiert wurde, dass es mit der abgebildeten Situation nichts mehr zu tun hat. Oder wenn ein Bild inszeniert ist und vorgibt, authentisch eine reale Situation abzubilden, was immer häufiger geschieht. Oder wenn die Anwesenheit von Bildreportern die Situation verändert. Ein berühmtes Beispiel ist das Foto von der Erschießung eines Vietcong auf offener Straße 1968 in Saigon. Der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan hat gesagt, dass Kriege augenblicklich zum Stillstand kämen, wären keine Journalisten mit ihren Kameras anwesend.

Ist nicht auch das des vietnamesischen Mädchen Kim Phuc, das nackt eine Straße entlang läuft, ein konstruiertes Bild?

Ja, und dabei ist es ist d a s Kriegsbild des 20. Jahrhunderts. Auf dem veröffentlichten Bild sieht man das Mädchen und im Hintergrund vermutet man Soldaten. Das sind aber größtenteils Pressevertreter in Militäruniform. Der Betrachter sieht nicht, dass hinter dem Fotografen, der das Bild macht, 50 bis 60 Fotografen und Kamerateams lauern, und dass neben dem Mädchen ein Fotograf den Film wechselt. Den nämlich hat man weggeschnitten. Das Mädchen läuft vor den Medien davon, sieht am Ende der Straße all die Fotografen, die mit ihren langen Motiven auf sie angelegt haben, und schreit. Das veröffentlichte Bild indes suggeriert etwas ganz anders als das, was tatsächlich stattfand: ein von den Bildreportern gehetztes und bedrohtes Mädchen. Sogar der Schatten zwischen seinen Beinen − die Schambehaarung − wurde wegretuschiert, um das Mädchen kindlicher erscheinen zu lassen.

Solche Bilder können die Öffentlichkeit auch mobilisieren.

Das ist richtig. Im Ersten Weltkrieg hat der deutsche Sanitätsoffizier Armin T. Wegner in Armenien den dort stattfindenden Genozid fotografiert. Er wollte damit die deutsche, die europäische Öffentlichkeit zwingen, die Augen zu öffnen. Auch die Bilder von Abu Ghraib sind von amerikanischen Soldaten ins Netz gestellt worden, um die Bestialität des Irakkrieges zu thematisieren.

Gibt es bei der Visualisierung von Kriegen wiederkehrende Motive?

Jeder Krieg hat seine eigene ästhetische Kennung und seine eigenen Bilder. Anfangs setzte die Technik Grenzen. Man konnte keine Bewegung erfassen. Die Bilder zeigen deshalb aufgeräumte Schlachtfelder, Gruppenfotos von Offizieren, Bilder aus der Etappe. Opfer sieht man da keine. Eine Ausnahme ist der amerikanische Bürgerkrieg. Doch diese Bilder ließen sich nicht verkaufen. Das Tabu, Kriegstote der eigenen Seite zu fotografieren, gab es in Deutschland, in den USA bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Der erste Krieg, der Opfer zeigt, ist der Vietnamkrieg. Heute dagegen wird versucht, Opfer eines Krieges ins Bild zu holen. Das World Press Foto von 2013 zeigt bei einem israelischen Luftangriff getötete Kinder, die durch die Straßen von Gaza getragen werden. Doch dieses Bild ist zwiespältig. Die Hamas versucht, solche Bilder bewusst zu lancieren, um Israel ins Unrecht zu setzen. Sie platziert ihre Waffen in der Nähe von Schulen und Kindergärten, weil sie weiß, dass Israel sie dann dort angreift. Seit 2001 gibt es Echtzeitbilder, durch die man live an einer Kriegssituation teilnehmen kann. Der Irakkrieg musste deshalb zur Primetime des amerikanischen Fernsehens beginnen.

Jeder kann heute Bilder machen und sie im Netz der Welt zur Verfügung stellen. Ist es damit nicht schwieriger geworden, die Deutungshoheit über einen Krieg zu bewahren?

Durch das Internet ist es möglich, die Geschichte von Bildern zu rekonstruieren oder andere Bilder aus einem bestimmten Kontext anzuschauen. Dadurch wird es leichter, Fakes aufzudecken. Ein Beispiel ist die scheinbare Selbstbefreiung des irakischen Volkes 2003 beim Sturz der Saddam-Statue in Bagdad. Dieses Bild ging um die Welt, und man hatte den Eindruck, da holen Einwohner der Stadt mit Seilen den Diktator vom Sockel. In Windeseile bekam aber die Blogger-Gemeinde durch Aufnahmen von auf Hotels installierten Webcams mit, dass es nicht die Bürger Bagdads waren, sondern amerikanische Soldaten. In der Tat wird es immer schwieriger mit Bildern zugleich verbindliche Deutung durchzusetzen. Und das lässt hoffen.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.

Krieg erzählen. Thementage 20.-22.2., Haus der Kulturen der Welt. Das von Carolin Emcke und Valentin Groebner kuratierte Programm unter: www.hkw.de