„20 000 Miles above the Sea“, 2019, Auflage 4, FineArt-Inkjet auf Hahnemühle.
Foto: Ludwig Rauch

Berlin Der Verursacher dieser Bilder schweigt sich aus über deren Herkunftsorte – exotische, dramatische, idyllische, öde, von menschlichen Eingriffen oder Naturgewalten geschundene Landschaften und solche, wo der Lärm der Welt hinkommt, um zu sterben.

„Kann überall und nirgends sein“, sagt Ludwig Rauch und bewahrt sein Geheimnis. Der Betrachter soll also raten, sich erinnern. Derart lapidar bezieht der Berliner Fotograf sich vor allem auf ein Zeitphänomen, das einem professionellen, leidenschaftlichen Fotografen schon auf die Nerven gehen kann: Nämlich, dass alle immer und überall knipsen. Was Baudrillard noch als Sinn des fotografischen Bildes beschrieben hat – das Erinnern im „Schweigen“ des Objekts, wenn es aus dem „betäubenden Kontext der realen Welt“ herausgerissen, also gestaltet wurde – spielt kaum eine Rolle mehr.

Ähnlichkeiten zu alten lädierten Freskomalereien

„Im Zeitalter ihrer unbegrenzten Verfügbarkeit“, so heißt es auf einem Zettel gleich am Eingang zur Ausstellung des Berliner Fotografen, „fällt die Fotografie auf den Status ihrer Frühzeit zurück, als man sie noch als Beglaubigung verstand, als Abbild, als Beweis.“ Rauch, der über Jahre für die 1999 eingestellte Zeitschrift „Neue bildende Kunst“ mannigfach Bildwerke fotografiert hat, deren Strukturen förmlich mit seiner Kamera einsog, dockt an der Wirklichkeitsverheißung der Fotografie an, versetzt Natur in die Möglichkeitsform – so, wie sie sein könnte, wie wir sie sehen wollen, aber wie sie nie war.

Oder bald nicht mehr ist.  Rauchs Bilder sind fotografierte Fiktionen. Dramatisch, real-irreal, konträr, schön, gefährlich, symbiotisch, unerschöpflich. Und vielleicht auch unmöglich. Wir sehen in diesen irritierenden Bildern, was wir verlieren könnten, in Wirklichkeit, in unserer Fantasie und unseren Gefühlen.  Seine Fotos wirken, als habe er sie auf Salzkrusten, auf Putz oder gekalkte Wände gemalt. Wie alte, lädierte Freskomalereien. Es sind jeweils etliche Fotos, die da in Sedimenten übereinander lagern, aufgenommen sonstwo auf der Erde.

Anspielung auf eine Öko-Katastrophe

Als seien alle seine Erinnerungen an Orte fragmentarisch ineinandergeflossen, zusammengeronnen, Gedächtnisfetzen eingebrannt in den Farbfilm, vergrößert und digital bearbeitet.  Das Schiffswrack, dem Rauch den Titel „20 000 Miles above the Sea“ gab, spielt an auf Jules Vernes grandios verfilmten Sciene-Fiction-Roman „20.000 Meilen unterm Meer“ über das rätselhafte Unterwasserboot Nautilus und seinen legendären Kapitän Nemo.

Offenbar aber spielt der Fotograf auf eine Öko-Katastrophe in Zentralasien, zwischen Kasachstan und Usbekistan, an. Über diese weiten Ebenen galoppierten einst die kriegerischen Horden Tamerlans und Dschingis Khans. In dieser unwirtlichen Landschaft entstanden die kriegerischen Heldenlieder der Regionen. Der Aralsee war ein gewaltiges Meer, so groß wie Bayern, voller Fische, die Lebensgrundlage der Aralfischer.

Ursache und Wirkung verdreht

Weil  die Menschen aber dem ohnehin zulaufarmen See das Wasser für die Landwirtschaft und andere Zwecke entzogen, schrumpfte das Gewässer auf ein Zehntel seiner Fläche und versalzte stark. Erst seit dem Bau des Kokaral-Damms kehrt ein wenig Wasser zurück – und mit ihm Hoffnung auf Rettung. Selbige deutet Rauch in Form brausender, schäumender Wassermassen an. Die könnten dem alten Schiff wieder den Kiel nässen.

Es würde losfahren zu neuen Abenteuern oder Fischzügen. Romantik paart sich mit Naturgewalt, entgegen aller fotografischen Logik, Ursache und Wirkung sind verdreht. Hier sind nicht fotografische Wahrheit, sondern Gedächtnisfragmente, Gefühle, Stimmungen wie durch die Hand eines Magiers eins geworden, verdichtet zu Ahnungen, wie die Autorin Frauke Hunfeld Ludwigs Fotografie zur Vernissage poetisch beschrieb.

Mein Bild der Woche

Der Künstler: Ludwig Rauch, geboren 1960 in Leipzig, arbeitet in Berlin als freier Fotograf und lehrt an der Ostkreuzschule für Fotografie in Weißensee.

Die Ausstellung: „Limited Supply Only“, bis 12.2., der Künstler im Gespräch: 29.1., 19 Uhr, Friedrichshainer Fotogalerie, Helsingforser Platz 1, Di-Sa 14–18, Do 10–20 Uhr,   Tel.: 2961684, www.fotogalerie.berlin 

Und Monumentales wie Miniatürliches werden zur Bild-Symbiose. Wie bei „Salt Robbery“, ein Salz-Tagebau, vermutlich in der südfranzösischen Carmargue aufgenommen. In den gewaltigen Abbauflächen des Kristalles aus der Erde nahe dem Mittelmeer fahren Bagger, Kräne, Transportautos wie Spielzeuge hin und her. Menschliches Tun wird angesichts des weißen Naturschauspiels zur Nebensache.