Soeben hat sich eine fotografische Ära der späten Moderne vollendet, die der berühmten Düsseldorfer Becher-Schule. Hilla Becher ist, wie ihr Verlag Schirmer/Mosel am gestrigen Dienstag – ohne nähere Angaben zur Todesursache – bekannt gab, am Samstag im Alter von 81 Jahren in Düsseldorf gestorben. Dabei hatte sie noch letztes Jahr, zum „80.“, in ihrer Ausstellung in den Münchner Verlagsräumen, so vital gewirkt.

Alte Hochöfen, Gasometer, Getreidesilos

Da hingen sie noch alle an den Wänden, die Fotos in so strengem wie beredtem Schwarz-Weiß. Niemand bisher verewigte so, wie Hilla und Bernd Becher, die zahllosen Typen von Industriebauten seit der Gründerzeit, Hinterlassenschaften von einstigen Blütezeiten, gebaut von oft namenlosen Architekten. Aufgenommen wurden diese Zeugen einer vergehenden Ära von den Bechers, im Ruhrgebiet, quer durch Europa, auf den britischen Inseln, in den USA. Niemand hat das mit solcher Konsequenz gemacht.

Man darf wohl sagen, durch diese Aufnahmen all der Denkmäler des Industriezeitalters und seiner mannigfachen technischen Revolutionen – trotz des emotionslos Seriellen – bekamen jene ihr jeweils ganz eigenes Gesicht und ihre eigene Biografie: die alten Hochöfen, die heute ausgedienten Zechen-Fördertürme, die Steinwerke, Gasometer, Wasser- und Kühltürme, Schlote, Getreidesilos. Und die kleinen, bescheidenen Fachwerk-Reihenhäuser für die Arbeiterfamilien. Das fast enzyklopädische Aufnehmen und Ordnen von Formen und Strukturen der Bauten war das Becher-Credo. Wie einst Adelbert von Chamisso mit seiner Botanisiertrommel, eben wie Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, sammelten sie und er Motive, erstellten Typologien der Industrie-Dinosaurier. Und so bildet ihre akribische Arbeit sozusagen das fotografische Gedächtnis der industriellen Vergangenheit. Eine, die allmählich verschwindet, durch Verfall, Abriss, Ignoranz. Oder weil einfach die Zeit drüber hinweg gegangen ist.

Hilla Becher wurde bis zuletzt verehrt als Grande Dame der deutschen Fotoszene. Letztes Jahr bekam sie den Großen Rheinischen Kulturpreis. Andere Meriten, vom Goldenen Löwen der Biennale Venedig über den Goslarer Kaiserring bis zum Hasselblad-Award, hatte sie noch zusammen mit ihrem Mann Bernd Becher entgegennehmen können. Aber er war schon vor acht Jahren, ganz plötzlich, nach einer OP gestorben.

Eine gleichsam siamesische Fotografie fand damals ihr jähes Ende. Gemeinsam geplante Projekte und Ausstellungen fielen aus: Ihr blieb der Bilderberg und die wie Kinder anhängenden einstigen Schüler: weltbekannte Fotografen, die inzwischen graue Schläfen haben und längst auch selbst als Lehrer wirken: Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer, Boris Becker,Thomas Ruff.

Die „Becher“-Klasse ist legendär und die „Düsseldorfer Fotoschule“ seit gut drei Jahrzehnten ein Qualitäts-Label auf dem Markt. Man kann auch sagen, die Bechers haben vorbereitet, was ums Jahr 2000 herum deutlich auffiel: Ihre einstigen Schüler, mehr noch, eine ganze jüngere Fotografen-Generation, hatte das Rüstzeug bekommen, die Sach-Fotografie radikal ins Farbige zu lenken und kühne Experimente anzustellen. Nichts davon wäre ohne Hilla und Bernd Becher so gelungen.

Ihre „Schule“ sind Porträts. Aber nicht von Menschen, sondern vom industriellen Erbe der zukunftsgläubig in die Moderne aufgebrochenen Zivilisation: formstreng, sachlich, kühl, tricklos, frontal, fast symmetrisch und aktionslos vor neutralem Hintergrund. Und immer menschenleer. Der Stil von Becher &Becher.

Die gebürtige Potsdamerin hatte mit 13 Jahren zu fotografieren begonnen , erlernte das Handwerk in den 50er-Jahren im Potsdamer Atelier Walter Eichgrün, arbeitete ab 1957 in einer Düsseldorfer Werbeagentur. Dort traf sie den Kunstakademie-Studenten Bernd Becher, bald fotografierten sie zusammen. Sich ergänzen hieß auch: Bisweilen musste einer dem anderen die schwere Fotoausrüstung hinterherschleppen, Stative halten, Wind und Wetter ertragen. Sie mussten sich auch öfter gegenseitig schützen, denn in ihren „Modellen“ – den aufgelassenen Industriebauten lagen nicht selten giftige Chemikalienreste herum, lauerten Gefahren durch marode Bausubstanz. Und in entseelten Kohlegruben, etwa von Wales, drohte etliche Male das Abrutschen an den Halden.

Solche Strapazen ihrer Fotoexpeditionen sieht man den erhabenen Motiven nicht an. Es sind Ikonen der modernen Fotografiegeschichte. Hilla Becher war meist der pragmatischere, undramatische, alles Pathetische meidende Part des legendären Duos. Auch meist die Stärkere, Robustere, Motivierende an der Seite ihres hochsensiblen und im Alter von immer mehr Selbstzweifeln geplagten Partners. Nach seinem Tod machte sie sich, trauernd, aber pragmatisch an die Aufarbeitung dieses riesigen, gemeinsamen Lebenswerks.

Diese „Schule“ der fotografischen Sachlichkeit, Strenge, Wesentlichkeit, auch der Distanz und Kühle gegenüber dem Gegenstand ist Konzeptkunst im eigentlichen Sinne – zwar schwarz-weiß und abseits aller wohlfeilen und marktgängigen Farbfoto-Spielerein und dennoch ganz auf der Höhe der Zeit und mitten im Diskurs von Kunst und Leben.