Fotos entwickeln ihren Reiz oft mit erheblicher Verzögerung. Selbst mittelschlechte Aufnahmen schaut man eines Tages verblüfft an und merkt, wie dabei langsam Erinnerungen hochköcheln, sich Vergleiche herstellen, etwas passiert – ja, so muss es wohl gewesen sein. Mit alten DDR-Fotos funktioniert das besonders gut, weil das Land ja noch da ist, das zugleich so hurtig verschwinden konnte.

Zu Aufnahmen von Jürgen Hohmuth in dem Buch „Graustufen“ fallen ohne Frage jedem Betrachter Geschichten ein, wenn er nur eine Weile im Osten gelebt hat. In diesem Buch erzählen Profis. Großartige Autoren gehören dazu wie Ingo Schulze, Jutta Voigt, Fritz-Jochen Kopka, Flake, Kathrin Schmidt, Christian Kunert, Christoph Dieckmann, Jochen Schmidt, Hans-Eckardt Wenzel und Lea Streisand. Verschwafelt-pathetische Texte bleiben stark in der Minderzahl.

„Die Lebensfreude stand nicht mit auf der Gästeliste."

Die Berlin-Bilder von Hohmuth sind weitgehend bekannt, erst 2014 brachte er ein Buch über den Prenzlauer Berg von 1980 bis 1990 heraus, dazu einige Kalender. Jetzt weitet er den Horizont auf die gesamte DDR, von Thüringen bis zur Küste, alle Bilder absolut passend unter dem Titel „Graustufen“ zusammengefasst. Nicht, weil es sich um Schwarz-Weiß-Aufnahmen handelt, sondern weil sie offensichtlich suchen nach dem Grauen und der Tristesse. Nur auf einigen Gruppenfotos kommen Menschen mit freundlichem Gesichtsausdruck vor. Es dominiert klar das Unschöne, Unfrohe.

Christian Kunert, den man von Renft und von Pannach & Kunert kennt, nennt seine Betrachtung „Gottverlassenheit“ und schreibt über die Bilder: „Sogar bei den Hinterhoffesten hat man das Gefühl, die Lebensfreude stand nicht mit auf der Gästeliste. Dabei waren wir doch fröhlich in unserer Ostzone wie gewöhnliche Menschen und lachten, wie schallender nirgendwo im Universum gelacht wird! Oder bilde ich mir das nur ein, fand das nicht auf den Straßen statt, dem bevorzugten Motiv des Fotografen?“

„Der ganze Fußboden bebte.“

Na, das muss bezweifelt werden. Wiederum ist nichts so trügerisch wie die Erinnerung. Und angesichts heute allgegenwärtiger Buntheit vergisst sich das Leere, Kaputte und Verfallende schnell. Dafür sind manche Texte urkomisch. Flake von Rammstein sinniert beim Anblick des Abbilds einer abgerissenen Fensterecke mit dreckigem Geschirr über „Unsere Küche“: Unbeheizbar war die, doch nie kalt.

Dann schildert er den Vorgang des Beladens („mit Sachverstand“!) und Schleuderns von Wäsche in dem Raum: „Der Mutigste von uns stürzte sich auf die Schleuder, umarmte sie fest und legte dabei den Startbügel um. Die Maschine wankte bedrohlich, rüttelte dann los und erreichte schnell eine ungeahnte Geschwindigkeit. Der ganze Fußboden bebte.“ Spätestens, wenn sie vom Hocker springen will, lacht man los: Genau, mit dieser Intensität haben wir uns der Wäsche gewidmet.

Radikaler Wandel des Fotografen 

Fast vergessen ist das. So wie das Gefühl, dass Arbeiter vielleicht zu den Anständigeren gehörten in der damaligen Gesellschaft. Das assoziiert Ingo Schulze beim Anblick von Kohleschauflern: „Die Arbeiter erschienen mir immer freier und würdevoller als Studenten. Unter uns Studenten konnte kein Wehrdienstverweigerer sein, keiner, der nicht zur Wahl ging. Unter Arbeitshelmen – so meine Überzeugung – ging man aufrechter.“ Schulze glaubt, selbst eine Freiheit von Existenzangst unter den Arbeitern zu erkennen. Das zumindest dürfte vorbei sein.

Das zugehörige Bild aus dem Innenhof der Universität Jena gehört zu den besten der 70 Hohmuth-Fotos, wirkt wie eine Komposition voller Symmetrie, ja Anmut. Wobei der Fotograf Kohleschaufler und Kohlebagger häufiger aufnahm, und eben olle Straßenecken, leere Höfe, bröckelnde Balkone. 

Heute macht Hohmuth übrigens bunte Bilder von der schicken Mitte Berlins, ein anderer Band trägt den Titel „München. Stadt der Lebensfreude“. Da hat sich mit dem Land offenbar das Lebensgefühl des Fotografen radikal gewandelt. Wie gut, dass auch Texte das Bild von damals bestimmen.

Jürgen Hohmuth: Graustufen. Leben in der DDR in Fotografien und Texten.
Edition Brauns Berlin, 2017. 144 S.,
70 Abb., 29,95 Euro

Buchpräsentation Sonntag, 3.12., 11.30 Uhr Georg Büchner Buchladen am Kollwitzplatz, Wörther Str. 16. Eintritt frei