Berlin - Die Schlagzeile auf der Seite Eins der Berliner Zeitung vom Montag, den 21. Mai 1945, war mit einem dicken roten Farbbalken unterstrichen: Berlin lebt auf! Das war Signal, Ermunterung, ja, Verheißung in einem. Der – heute legendäre – sowjetische Generaloberst und Stadtkommandant Bersarin hatte ihn in der besetzten Trümmerstadt den Magistrat von Groß-Berlin ausgerufen. Neues Leben werde aus den Ruinen blühen, so das Versprechen.

Artisten auf Trümmern

Diese Hoffnung, die aus den Schuttbergen spross, teilte sich auch durch Fotos mit, die damals in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurden. Aufgenommen wurden sie von einer kleinen, nimmermüden jungen Frau aus dem Westen der in vier Alliierten-Zonen geteilten Stadt, die  –  kurioserweise für die damalige politische Gemengelage  – zumindest kurzzeitig  – eine Festanstellung in der Ost-Redakion bekommen hatte. Eva Kemlein, Jahrgang 1909, eine (nichtreligiöse) jüdische Fotografin, die sich im Widerstand engagierte, dann im Untergrund, zuletzt in einem Schöneberger Keller überlebte und der aus den Trümmern ihres Ateliers wenigstens die Leica geblieben war.

In Tausenden von Bildern hielt sie fest, wie sich das Alltagsleben berappelte nach NS-Herrschaft, Weltbrand und Exodus, wie die Überlebenden und Davongekommenen – so wie sie selbst – versuchten, einen neuen Rhythmus zu finden, Hoffnung, Sinn, Brot und eine Wohnung. So etwas wie Normalität also. Aber was war damals schon normal, mitten in den Schuttbergen der Museumsinsel, des Domes, der Bibliotheken und Wohnhäuser? Sie fotografierte in Ruinen spielende Kinder, bettelnde Krüppel, den zerstörten Tiergarten, zu Eis gefrorenes Badewannenwasser, aber auch lustige Artisten auf Trümmern.

Chronistin eines Vandalenakts

Und sicher hat Kemlein sich auch nicht träumen lassen, ausgerechnet zur Chronistin jenes Augenblicks zu werden, in dem SED-Chef Ulbricht das Hohenzollern-Schloss sprengen ließ. Die stürzende Kuppel, die Rauchwolke, die gleichgültigen Fassaden der maroden Häuser rechts und links, die zu Staffagen erstarrten Schaulustigen, ein paar  gerettete Skulpturen und Kapitelle.

Nach dem fatalen politischen Vandalenakt derer, die doch ein „Auferstanden aus Ruinen“ verkündet hatten, zog die Fotografin sich ins Dunkel der Ostberliner Theatersäle zurück, wurde zur wunderbaren Beobachterin der unvergesslichen Protagonisten. Unerreicht, so sagen Kenner, sind ihre Porträts von Helene Weigel als Mutter Courage am Berliner Ensemble, von dem Sänger Ernst Busch und auch die von dem Dramatiker Heiner Müller.

Heiter und raffiniert

Die kleine Frau wurde zur echten Grenzgängerin. Abend für Abend war sie im BE am Schiffbauerdamm oder im Deutschen Theater in der Schumannstraße, oft auch schon bei den Proben dabei. Und dann fuhr sie von der Friedrichstraße aus zurück in den Westen in ihre Wohnung. Heiter und raffiniert unterlief sie die politisch-ideologischen Zwänge, geachtet im Osten, aber als „rassisch Vefolgte“ nicht anerkannt vom West-Berliner Senat, da man ihr vorwarf, sie sei als Bildreporterin für einen sowjetdeutschen Verlag tätig. In den 70er-Jahren entdeckte sie auch die West-Berliner Theater für sich.

Der Stiftung Stadtmuseum hinterließ Kemlein nach dem Mauerfall ihren Bilderberg und das Archiv. Und so wurde diese Schau in der Neuen Synagoge erst möglich. Von den 130 Ausstellungen zum eben gestarteten Europäischen Monat der Fotografie ist diese nun eine ganz besondere, zudem in Bild und Text belegt in einem Fotobuch aus dem Verlag Hentrich & Hentrich.