Dr. Ruth Westheimer in einer Szene des Films "Fragen Sie Dr. Ruth"
Foto: cse/Filmwelt/dpa

Nein, sie sei keine Feministin, sagt Ruth Westheimer im Kreis ihrer Tochter und Enkeltochter. Gleiche Rechte, gleicher Lohn, legale Abtreibung – dafür bist du doch immer eingetreten, entgegnet die Enkelin. Also sag, dass du Feministin bist, fordert sie die Großmutter auf, mit derselben Vehemenz, mit der diese in ihren äußerst populären Sendungen Zuschauer aufgefordert hatte, Wörter wie Penis und Vagina zu sagen. Ruth Westheimer lenkt schließlich ein. „Gut, dann bin ich eben Feministin, aber keine radikale.“ BHs  verbrennen - niemals. „Dafür bin ich zu altmodisch und zu spießig.“

Die Familienszene gehört zu den unmittelbarsten Einblicken, die der Dokumentarfilm „Fragen Sie Dr. Ruth“ in das Leben der amerikanischen Sexualtherapeutin Ruth Westheimer gewährt. Eine Hommage, durch und durch. Das mit reichlich TV-Archivmaterial unterfütterte Porträt einer inzwischen 92-jährigen Entertainerin, die wie alle Medienprofis über eine große Selbstkontrolle verfügt. Der das Spiel gefällt, auch das Schauspielern. Ihr deutscher Akzent und das unbändige Lachen wurden zu ihren Markenzeichen.

Der Regisseur Ryan White bekam von seiner Protagonistin jede Menge umtriebige, höchst unterhaltsame Selbstinszenierung geboten, und doch gelingt es ihm immer wieder, hinter diese Außenhülle zu gelangen. Den Schmerz ahnen zu lassen, ohne ihn auszustellen. Er tut das durch einen Kunstgriff: Das Kind und das junge Mädchen werden in einer Animation dargestellt, basierend auf den wenigen Fotos, die geblieben sind.  

Ruth Westheimer, geboren 1928 in Wiesenfeld bei Frankfurt am Main als einziges, sehr geliebtes Kind einer jüdisch-orthodoxen Familie, war zehn Jahre alt, als sie ihre Eltern und ihre Großmutter zum letzten Mal sah. Das Mädchen überlebte die Nazizeit in einem Kinderheim in der Schweiz, ihre Eltern und die Großmutter wurden ermordet. Mit siebzehn gelangte sie nach Israel, wurde Haganah-Kämpferin, bei einem Raketenangriff schwer verwundet, studierte in Paris Psychologie, bis sie 1956 in die USA auswanderte, wieder studierte, promovierte und schließlich zur prominentesten Stimme sexueller Aufklärung in einer ebenso prüden wie pornografischen Kultur wurde. Ein tätiges Leben, bis heute.

Aktivität als Überlebensstrategie

Ihr Sohn aus ihrer dritten, glücklichen Ehe sieht in der unausgesetzten Aktivität seiner Mutter eine „Überlebensstrategie“. Ryan White folgt dieser Kausalität, indem er sich auf die Kindheit und Jugend und den Beginn einer außergewöhnlichen Karriere konzentriert. Mögen, was ihren beruflichen Erfolg betrifft, günstige Umstände eine Rolle gespielt haben: Im Film wird deutlich, dass Ruth Westheimer neben ihrer großen Wissbegier vor allem über die Begabung verfügte, Menschen so sein zu lassen, wie sie sind.

Hinter den lustigen Sprüchen steckt ein Geist mit einem feinen Sensorium für die Verletzung menschlicher Würde. In den 1980er-Jahren trat Ruth Westheimer der weit verbreiteten, bigotten Dämonisierung HIV-positiver Menschen entgegen. Im Juni dieses Jahres demonstrierte sie kurz vor ihrem 92. Geburtstag in New York gegen rassistische Gewalt.

Fragen Sie Dr. Ruth Regie: Ryan White, Mit Ruth Westheimer, Dokumentarfilm, 100 Minuten, USA 2019