Die Listening Session „Fragments of a Street“ im Haus der Kulturen der Welt vom 20. August 2020
Foto: Silke Briel/HKW

BerlinEin paar Dinge wird man am Sommer 2020 auf jeden Fall vermissen. Ganz oben auf der Liste: die Veranstaltungen auf der Terrasse des Hauses der Kulturen der Welt. Die Corona-Krise hat Berliner Kulturenthusiasten ein Sparprogramm aufgezwungen. Doch als große Rettung gilt das HKW, eine Oase, die dank des großen Balkons Kultur und Social Distancing zu einen vermag. 

Die Highlights dieses Sommers: Der Blick vom HKW-Balkon auf das Kanzleramt, die Spree, die blutorangeroten Sonnenuntergänge, den Fernsehturm. Auch ganz oben: der Weißburgunder vom terrakottagefliesten Kiosk im 50er-Jahre-Stil, der nachts an den Diner im „Nachtschwärmer“-Gemälde von Edward Hopper erinnert.

Der terrakottageflieste Kiosk im 50er-Jahre-Stil, dessen Innenleben dank der breiten Fensterfront und der Neonleuchten nach Sonnenuntergang an das „Nachtschwärmer“-Gemälde von Edward Hopper erinnert.
Foto: Silke Briel/HKW

Aber gut – bloß nicht zu früh in Sehnsucht verfallen. Noch stehen ein paar Veranstaltungen aus, vielleicht die zentralste am 22. August: der Auftritt von Berlins hinreißendster Sängerin, Stella Sommer! Der Top-Feuilleton-Rat der Stunde: Unbedingt hingehen, bevor der Herbst in die Magengrube schlägt und alle Kulturfreunde unter hässliche Heizpilze zwingt.

Das richtige Erinnern

Doch jetzt zum Eigentlichen: Am Donnerstag haben die Macher des Magazins „Flaneur“ eine besondere Leseperformance mit dem Titel „Fragments of a Street“ auf dem Balkon des HKW aufgeführt. Die Idee hinter dem Magazin: Jede Ausgabe widmet sich einer Straße in einer neuen Stadt (Taipeh, Toronto oder Paris) und porträtiert die Facetten der Bewohner: Kaufleute, Rentner, Lebenskünstler, Studierende, Hipster. Je bunter, desto besser. Die Erstausgabe 2013 knöpfte sich die Berliner Kantstraße vor. Dort stieß die Redakteurin Grashina Gabelmann vor dem Haus mit der Nummer 121 auf einen Stolperstein, der an die jüdische Familie Tauber erinnert.

Publikum der Listening Session „Fragments of a Street“ im Haus der Kulturen der Welt vom 20. August 2020
Foto: Silke Briel/HKW

Die Flaneur-Macher kontaktierten den heute 85-jährigen Michael Tauber, der ihnen seine Geschichte erzählte. Er sprach über den Neid der Nazis, weil seine jüdische Familie im Vorderhaus lebte, die Deportation ins KZ, die Ermordung des Vaters, die Emigration in die USA. Die Lebensgeschichte floss ins „Flaneur“-Magazin ein, doch sie ließ die Autoren nicht mehr los. In den Folgejahren blieben die Macher mit Michael Tauber in Kontakt und baten ihn, in zärtlichen Telefonanrufen seine Erinnerungen nochmals zu schildern. Aus den bedrückenden Aufnahmen soll nun ein Podcast entstehen.

Die Band der Listening Session „Fragments of a Street“ im Haus der Kulturen der Welt vom 20. August 2020
Foto: Silke Briel/HKW

Auf dem HKW-Balkon verschmelzen nun die Klänge von Taubers brüchiger Stimme mit den Sounds einer Synthesizer-Band. Der Mann erzählt vom Glück des Überlebens, von der Angst im KZ. Die „Flaneur“-Redakteure lesen ihre Gedanken vor. Musik, Text, Klang werden eins. Plötzlich geht es auch ums richtige Gedenken: Warum erinnern wir uns so oft so falsch? Der Autor Fabian Saul liest es vor: Minderheiten, Unterdrückte werden kaum gewürdigt. Taubers Familie hat immerhin einen Stolperstein bekommen. Aber ist das wirklich genug?

Die HKW-Konzerte auf der Terrasse gehen noch bis Sonntag. Das volle Programm unter: www.hkw.de