In einem seiner vielen weisen Bonmots versuchte die Cineasten-Legende Jean-Luc Godard einmal die Funktion des Kinos als Instrument der Wahrheit zu definieren: „Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.“ Genau daran appelliert der russische Regisseur Alexander Sokurow in seinem wuchtigen Filmessay „Francofonia“, der auf den ersten Blick vom Pariser Louvre erzählt, auf den zweiten aber von der ewigen Wahrheit der Kunst – um dann in letzter Konsequenz den Niedergang der europäischen Zivilisation zu entwerfen.

Die Kunst der Assoziationsketten

Alles beginnt hier in der Vergangenheit: mit der Kapitulation Frankreichs vor den deutschen Truppen im Jahr 1940. Im Louvre treffen sich zwei Männer, die das Schicksal des Museums besiegeln. Der eine ist der damalige Museumsdirektor Jacques Jaujard. Der „Retter der Mona Lisa“, wie er auch genannt wurde, unterstand offiziell der Vichy-Regierung und hatte angesichts des drohenden Einmarschs der Wehrmacht Kunstwerke auslagern lassen. Der andere ist der Besatzungsoffizier und Direktor der deutschen Kunstschutzbehörde Graf Franz Wolff-Metternich, der dafür gesorgt hat, dass öffentliche französische Sammlungen kaum geplündert wurden. Anders als die jüdischen, wovon hier geschwiegen wird. Mit einem recht eleganten Mix aus nachgestellten Spielfilmszenen und Dokumentarfilmmaterial schildert Sokurows diese Männerbeziehung. Er überhöht sie, heroisiert ihre kunsthistorischen Debatten, feiert die Entscheidung der Besatzer sich an das Haager Abkommen zu halten und die französische Museumshoheit anzuerkennen.

Wäre dies der ganze Film, wäre „Francofonia“ eine recht unerträglich Angelegenheit, nah am Geschichtsrevisionismus. Ein Werk, das durch seine bewussten Auslassungen die komplizierte Vergangenheit unnötig verstellt. Aber dies ist kein Film über den Louvre. Alexander Sokurow selbst tritt hier auf. Wir sehen ihn in seinem Arbeitszimmer. Aus dem Off kommentiert er die montierten Kino-Bilder mit dem ihm eigenen Fatalismus: „Na? Habt ihr immer noch nicht genug?“ Dann skypt er mit einem Freund, dem Kapitän eines Ozean-Frachters. Europa ist kollabiert. Und wie einst Jaujard soll der Kapitän nun Kunstschätze retten. Aber sein Frachter sinkt.

Was sind das für Bilder? Science-Fiction oder einfach nur konsequent weiter gedachte Gegenwart? Bevor man sich damit beschäftigen kann, ist man zwei Bilderfolgen später wieder zurück im Louvre und begegnet, der lässig fließenden Kamera folgend, Napoleon Bonaparte höchstpersönlich, der sich über die Unmöglichkeit der europäischen Einheit den Kopf zerbricht. Die berauschende Kunst von „Francofonia“ ist die der Assoziationsketten – und damit der Freiheit des dritten Bildes, um es mit Godard zu sagen. Deshalb verzeiht man dem Film seine kalkulierten Provokationen. Da spielt Sokurow im Off-Kommentar den beleidigten Russen, der die Franzosen, die trotz Kapitulation ihre Kunstschätze behalten durften, unendlich beneidet. Die Eremitage in Leningrad (heute Sankt Petersburg) hingegen wurde zerstört, was Sokurow bereits in seinem fulminanten Film „Russian Arc“ verarbeitet hat. In diesen Momenten schwingt ein stiller und widersprüchlicher Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen mit, der für alle Niederlagen der eigenen Heimat verantwortlich gemacht wird. Das ist irritierend. Dennoch verströmen diese wütenden Sentenzen eine teuflische Faszination. Auch weil der streng komponierte Film so mit unserer Gegenwart korrespondiert.

Unheilvolle Prophezeiung

Es ist ja kein Zufall, dass gerade Théodore Géricaults 1819 entstandenes Gemälde „Das Floß der Medusa“ eine zentrale Rolle spielt in „Francofonia“. Die unheilvolle Prophezeiung zeigt ein auf stürmischem Meer zerschelltes Floß mit kümmerlichen Bootsflüchtlingen, die um ihr Leben ringen. Wir kennen das. Ist das nicht erst gestern vor Lampedusa passiert? Sokurow produziert problematische Bilder für eine problematische Gegenwart. Nicht im Traum würde es ihm einfallen, den vielen „großen Fragen“, die er stellt, Antworten folgen zu lassen. „Francofonia“ blickt so in den Abgrund Europas und zeigt die Apokalypse. Diese Bilder werden bleiben. Wir nicht.