Frank Castorf hört auf. Das war die Theaternachricht der letzten Woche. In einem Interview ließ der Intendant der Volksbühne durchsickern, dass sein 2016 auslaufender Vertrag nicht um volle fünf Jahre verlängert wird. Vermutlich wird er 2017, nach 25 Jahren, als Chef der Volksbühne aufhören. Die Berliner Kulturpolitik, namentlich Kulturstaatssekretär Tim Renner, will es so. Es sei an der Zeit, so Renner, „die Volksbühne mal weiterzuentwickeln und auch weiterzudenken“.

Frank Castorf hört auf? Das lässt die Spekulationen innerhalb dieses klatsch- und karrieresüchtigen Theaterbetriebs natürlich ins Kraut schießen. Übernimmt Sasha Waltz das Haus, um es vielleicht zusammen mit dem Staatsballett in eine große Tanzbühne zu verwandeln? Kommt womöglich Armin Petras aus Stuttgart zurück nach Berlin? Wie wäre es mit René Pollesch? Lauter Namen, die rasch im Gespräch waren. Sehr schnell war auch von Chris Dercon die Rede.

Der Belgier Dercon, geboren 1958, ist seit 2011 Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, ein international gut beleumundeter Kurator, der die Museums-, Performance- und Installationswelten zu verbinden weiß. Früher war er am Haus der Kunst in München, schätzte Christoph Schlingensief – und ist mit Matthias Lilienthal bekannt, der im Oktober seine erste Spielzeit als Intendant der Münchner Kammerspiele eröffnet und früher zur Volksbühne gehörte. Gut möglich, dass Lilienthal Tim Renner auf die Idee mit Dercon gebracht hat. Gut möglich, dass er dabei eine Weiterentwicklung der Volksbühne und der Berliner Theaterlandschaft generell im Sinn hat, weiter hin zu einer Kunst, die ihre Spiel- und Präsentationsweisen ausdehnt.

Das kann man mit Gründen für wünschenswert erachten und mit Gründen fürchten, weil es tendenziell die Ensemble- und Repertoirestruktur eines Stadttheaters unterwandert. Dass der Name Dercon in den Kantinen und Kommentarspalten so eifrig diskutiert wird, zeigt jedenfalls, es gibt gleichermaßen interessierte Kreise, die Dercon unbedingt nach Berlin holen oder eben ihn unbedingt verhindern wollen. So will es die Logik solcher kulturpolitischen Spekulationen.

Aber wie wäre es, über die Zukunft des Theaters, über den Spagat von Weiterentwicklung und Bewahrung, ausnahmsweise nicht anhand von Personalfragen zu diskutieren, nicht in bloßen Karriere- und Machtkategorien?