Moritz von Uslar ist bekannt für seine Tempo-Interviews. Früher bei der Süddeutschen Zeitung bestanden sie aus 100 Fragen. Heute, beim Zeitmagazin, sind es zwar nur noch 99, aber immer noch so viele, dass sich die prominenten Delinquenten kurz fassen müssen. Oft reicht ein Wort. Das wichtigste sind ohnehin die Fragen. Denn egal, wer die Antworten gibt, hier geht es immer um den Interviewer. Für das aktuelle Heft wollte von Uslar Frank Castorf ins Visier für seine Fragensalve nehmen. Weil Castorf doch jetzt in Bayreuth Wagners „Ring“ inszeniert.

Wer den Intendanten der Berliner Volksbühne schon einmal interviewt hat, weiß, dass ein „Herr Castorf, w...?“ reicht, um mindestens 99 immer pointenreicher werdende Antworten zu bekommen auf Fragen, die einem nie eingefallen wären. Hier zahlt sich ab und zu das Zuhören aus, das bei dem Fragebogen-Format nur stört. Man hätte das Duell der Ego-Shooter gern beobachtet, leider hat Castorf abgesagt: zum großen Bedauern des Pressebüros werde er in absehbarer Zeit keine Interviews geben. Aber wer will nach der Premiere, die in durchaus absehbarer Zeit, nämlich am 25. Juli stattfindet, noch ein Castorf-Interview lesen? Dann ist der Mann doch wieder viel zu unglamourös, um als Sparringspartner für den Selbstdarstellungskünstler von Uslar zu taugen. Och. Die vielen schönen Fragen! Wegschmeißen?

Beknackt? Ja, aber auch hübsch

Das Zeitmagazin druckt die Fragen einfach trotzdem. Mit den kürzestmöglichen Antworten, die auf der Welt zu haben sind − also ohne. Beknackt? Ja, aber auch hübsch. Zumal Castorf als Coverboy mit Pelz und Taktstock ordentlich was hermacht. Hier unsere drei Lieblingsfragen: „11. Ist es ein Fehler, den ,Ring’ an vier Abenden, nicht in einem Stück zu zeigen?“ Oder: „33. Wär’s nicht lustig, die Bärenfelle und Flügelhelme von 1876 mal wieder auf die Bühne zu bringen?“ Oder: „89. Wie geht’s dem Magen?“

Nichts dagegen zu sagen, dass einem zickigen Interviewabsager öffentlich mal lustig eins ausgewischt wird. Aber Moritz von Uslar ist gar nicht nach Scherzen, man hat ihn beleidigt. Deshalb reicht es nicht, Castorfs Absage aufzuspießen, nein auch Castorf, der Künstler, gehört in die Tonne getreten. Er sei vor etwa zehn Jahren ein Theaterkönig gewesen, schreibt der verwaiste Interviewer im Vorspann. „Seit einiger Zeit gilt es als ausgemachte Sache, dass dem ehemaligen König leider kaum noch etwas einfällt“. Wer eine Sache in den Raum stellt, die als ausgemacht gilt, braucht diese Sache („wirre, müde und vor allem lange“ Castorf-Abende) praktischerweise selbst gar nicht zu kennen. Nun. Wenn es Interviews ohne Antworten gibt, warum soll es nicht auch Kritik ohne Anschauung geben?