Der bei Interesse abreißbare Autor befindet sich in einer Ecke der Halle, in der sich das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse, Brasilien, vorstellt. Er ist ein lebensgroßer Zettelriese, und an der Seite befinden sich Fotografien, so dass die abgebildeten Personen im Laufe der Messetage zusehends kopfloser werden müssen, damit sich die Besucher die Blätter mit Informationen zu just diesen Autoren und Werken mitnehmen können. Seltsame Idee, aber nicht gerade fade.

Brasiliens Halle ist mit weißen Steckwänden aus Pappe unterteilt, die wie wagemutig gestapelte Bücher, aber mehr noch wie verbaute Wohnsilos aussehen. Man müsste dagegenstupsen, aber das geht natürlich nicht. Es gibt Hängematten und Fahrräder, mit denen man sich auf virtuelle Reisen begeben kann, auf der Stelle strampelnd. In einer Ecke werden literarische Zitate in Wort und Ton zusammengeschnitten, zu Meer, Wald, Feld, Sertão, Vorstadt, Stadt, man sieht auf wechselnden Fotos: dass die unfassbare Armut nicht gerade verschwiegen werden soll; aber auch der Sand und die Sonne sollen im Gedächtnis bleiben.

Der Lyriker Chacal, Jahrgang 1951, erzählt, eines seiner ersten Bücher habe er programmatisch „Der Preis des Tickets“ genannt, um nämlich mit Hilfe des verdienten Geldes nach London zu kommen. Das habe nicht geklappt, denn auch in Brasilien ist es schwer, mit Lyrik Geld zu verdienen. Sein jüngerer Kollege Age de Carvalho lebt in Österreich, „seit Jahren hältst du Abstand, gewinnst Land“, heißt es in einem seiner Gedichte. Seltsam für ein Publikum zu schreiben, von dem ein Drittel nicht oder fast nicht lesen kann. Aber in diesen Tagen sind beide Dichter euphorisch, weil der Romancier Luiz Ruffato in seiner die historischen und sozialen Missstände in Brasilien scharf benennenden Eröffnungsrede zur Buchmesse einen aus ihrer Sicht begeisternden Klartext gesprochen hat. Sie haben den Eindruck, es tut sich etwas. „Warten wir’s ab“, sagt Chacal.

Die Brasilianer seien vom mündlichen Vortrag direkt übergegangen zu Radio und TV, „unter Auslassung der Literatur“, sagt der Publizist José Miguel Wisnik. Chacal trägt seine „verinnerlichten“ Gedichte am liebsten laut vor. Praktisch, erzählt er, habe er Verlage aber vor allem der damaligen Zensur wegen vermieden.

Es ist beruhigend, dass auf der Frankfurter Buchmesse immer noch über Bücher gesprochen wird. Es ist auch beruhigend, dass die digitale Welt keinen Stein auf dem anderen lassen mag, aber die Wandkalendergalerie, seit diesem Jahr in einem Spezialgang untergebracht, nicht unterzukriegen ist. Es ist ferner beruhigend, dass weiterhin humoristisch als Insekten und Gemüse verkleidete Personen Handzettel verteilen, dass die Lebensmittel nicht preiswerter, die Laufwege nicht kürzer sind. Die Buchmesse ist eine Herausforderung, auch wenn sich die meisten das im Schwung des Geschehens und Strom des Lebens nicht anmerken lassen.

Sascha Lobo lässt sich auch nur anmerken, dass es ihm auf die Nerven geht, wenn andauernd das Licht an und aus geht. Weil der Raum „Conclusio I“ (der Findungsprozess für die Raumnamen im Congress-Centrum der Messe muss in satirischer Atmosphäre stattgefunden haben) so voll ist. Der Autor stellt hier eine Plattform vor, die Sobooks heißt und die „logische Nachfolgerin“ des E-Book sein soll. Über Bücher rede alle Welt, man denke nur an „Feuchtgebiete“ und „Harry Potter“, sagt Sascha Lobo. Auf Sobooks sollen sie nun nicht mehr heruntergeladen, sondern direkt im Netz gelesen werden und über soziale Netzwerke kommunikative Möglichkeiten enthalten. Qualifiziertes Personal könnte ein Buch sogar im Buch selbst kommentieren, für ein „Cobook“. „Ein Buch von Goethe lässt sich heute nicht mehr verkaufen“, sagt Sascha Lobo, „aber wenn es mit den Anmerkungen von Schirrmacher versehen ist, dann schon.“ Hat er das wirklich gesagt? So habe ich es jedenfalls aufgeschrieben.

„Die Stimmung im Buch sollte einigermaßen produktiv sein“, fasst er zusammen. Mehrere Verlage stellen ihre Bücher zur Verfügung, man sollte das nicht unterschätzen. Am Sonntag öffnet die Probephase, und die Codes dafür werden Sascha Lobo und einem seiner Kompagnons geradezu aus der Hand gerissen. Bei der Leipziger Buchmesse soll Sobooks allgemein zugänglich werden.

„Bücher werden kürzer, dichter, serieller“, sagt Sascha Lobo nebenbei. Es ist lehrreich, dass gerade von den erfahreneren Machern selbst immer weniger so getan wird, als seien elektronische Bücher in der Praxis lediglich eine andere Darreichungsform.