Da soll noch mal einer erzählen, das Buch ist tot“, sagt die Frau auf der Rolltreppe an Halle 3. Der Außenweg erweist sich am Buchmessesonnabend als weniger überfüllt. Sie zeigt auf das Gewimmel zwischen den Messegebäuden: „Wenn die alle Bücher kaufen!“

Zur selben Zeit zieht die „Unteilbar“-Demonstration durch Berlin, und gespalten ist die Gesellschaft auch im Bereich des Buchs: Knapp die Hälfte die Bewohner der Bundesrepublik ab zehn Jahren, rund 30 Millionen, liest und kauft Bücher, die andere Hälfte nicht oder nicht mehr. Die „Leserschwundstudie“ war in aller Munde in diesen sommerlichen Herbsttagen in Frankfurt am Main.

Verrückt nach Büchern

So auch bei der Party am Donnerstag im Literaturhaus. Gastgeber konnte jeder sein, der ein paar Kisten Bier und einen Besenstiel mit Tafel dran gekauft hatte. Auf den Tafeln standen Namen in Kreide: Stadtbücherei, Börsenblatt, S. Fischer Verlag, Elisabeth Ruge Agentur, Edition fünf… Diogenes hatte das Bier-Etikett auf seinen Flaschen durch einen Aufkleber ersetzt, darauf die Frage: „Haben Sie nicht alle Bücher im Schrank?“ Dass zu der Leidenschaft, die alle Buchhändler, Agenten, Verlagsleute, Autoren, Übersetzer und auch Literaturkritiker verbindet, die an dem Abend redend herumstanden, eine gewisse Verrücktheit gehört, dessen war man sich einig.

Juergen Boos, der Direktor der Buchmesse, weiß: Die Besucher erwarten Prominenz, das Fachpublikum will gute Arbeitsbedingungen, die Medien suchen eine politische Positionierung. In der am Wochenende verteilten Messezeitung verweist er auf die „aufregenden Stars und Autoren aus aller Welt“. Seine Aufzählung reicht vom 2017er-Booker-Preis-Gewinner Paul Beatty über Maja Lunde zu Juli Zeh. Er hätte auch mit A wie Cecelia Ahern anfangen können. Schon eine Stunde, bevor sie sich bei den S.-Fischer-Verlagen am Sonnabend an den Signiertisch setzte, warteten ihre Leser. 25 Millionen weltweit verkaufte Bücher sind ein Lockmittel. Länger war am Mittag die Leser(innen)-Schlange für die online bestens verlinkte Fantasy-Autorin Laura Kneidl bei Piper. Die wand sich noch auf der Freifläche.

Tschechien in Leipzig, Norwegen in Frankfurt

Den Wartenden brannte die Sonne in den Nacken, den Zuhörern im Lesezelt wurde etwa bei Paul Maar oder Sebastian Fitzek die frische Luft knapp, während es im neuen Frankfurt Pavillon angenehm luftig blieb und nach Wald duftete. Das von außen wie eine Muschel aussehende Gebilde ist aus unbehandeltem Holz gebaut. Dort versprach am ersten Messetag John Sargent, Geschäftsführer des US-Konzerns Macmillan, dass die Verleger in den Ländern in ihrer verlegerischen Verantwortung völlig frei seien. Zu Macmillan gehört Holtzbrinck und damit der Rowohlt-Verlag, dessen rüde Neubesetzung des Chefpostens großes Thema vor der Messe war. Auf manche Beobachter hatte das „amerikanisch“ gewirkt.

Dort, unterm Holz, stellte sich am Donnerstag Norwegen als Nachfolger Georgiens vor – als Gastland für 2019. So schön hatten es die Tschechen nicht. Sie präsentierten ihr Programm für das kommende Frühjahr, für die Leipziger Buchmesse. In der internationalen Halle 5 kämpfte die Vize-Kulturministerin aus Prag um Beachtung, während der russische Gemeinschaftsstand nebenan die Lyrik Wladimir Majakowskis aus stärkeren Lautsprechern pries. Nach Leipzig ist auch Pavel Kohout eingeladen. Der Autor wurde berühmt als einer der ersten Unterzeichner der Charta 77, die in der sozialistischen Tschechoslowakei auf die Menschenrechte pochte.

Erklärung der Menschenrechte

Die Vereinten Nationen begehen derzeit den 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Auf der Frankfurter Buchmesse, auch 70 Jahre alt, gab es dazu Gesprächsrunden, zum Beispiel mit Deniz Yücel – gegen dessen Haft in der Türkei im vergangenen Jahr noch hier gekämpft wurde. Unter dem Motto „On The Same Page“, also: auf der gleichen Seite, wird die Menschenrechtserklärung gefeiert. An einer Wand konnte dies jeder unterschreiben, der wollte. In der Etage darüber stellte Björn Höcke vom völkischen Flügel der AfD am Freitagnachmittag unter Polizeischutz ein Buch vor. Nach den Zusammenstößen im vergangenen Jahr hatte die Messe in diesem Jahr sehr großzügig Sicherheitskräfte bestellt.

Die rechten Verlage waren kaum ein Thema in diesen Tagen. Geschmückt mit Zitaten zu Meinungsfreiheit, blieb der Stand des in den Loci-Verlag gewechselten Anthaios-Verlags wenig beachtet. Am Sonnabend schenkte man dort zwar Getränke aus. Doch da war bei den Kochbuchverlagen oder der vom Deutschen Weininstitut erfundenen Generation Riesling mehr zu holen.

Ohne Wein glückselig wirkte der Verleger des Verbrecher Verlags aus Berlin, Jörg Sundermeier. Er konnte in drei Tagen fünf Preise sammeln: Den Aspekte-Literaturpreis für Bettina Wilperts Debüt, einen Preis des Goethe-Instituts für die Autorin Naira Gelashvili, die wichtigste georgische Literatur-Auszeichnung Saba für Giwi Margwelaschwili, den Melusine-Huss-Preis der unabhängigen Verlage und den Deutschen Jugendliteraturpreis für „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels. Der Verlag hatte das Buch gar nicht eingereicht für die Wertung, die Jury forderte es an und ehrte den Roman über das Verschwinden der DDR in einer brandenburgischen Kleinstadt als Lektüre ab 16 Jahren.

Im Jugendbuch gilt es noch, ein Geheimnis zu lüften: Der Thienemann Verlag kündigte an, seinen 1995 gestorbenen Autor Michael Ende 2019 groß zu feiern. Im Januar erscheint die Fortschreibung eines unvollendet gebliebenen Manuskripts, im August wird „Die unendliche Geschichte“ neu herauskommen, illustriert von einem der aufregendsten deutschen Bilderbuchkünstler, Sebastian Meschenmoser.

Nur wer lesen kann, kann mitentscheiden

Eine der aufregendsten Diskussionen der Messe widmete sich am Sonnabend in besonderer Weise der Zukunft des Buches. In Deutschland können knapp ein Fünftel der Zehnjährigen einen Text nicht so lesen, dass sie auch den Inhalt verstehen. Die Schriftstellerin Kirsten Boie versucht mit einer Initiative, die Politik stärker für das Lesenlernen zu interessieren. Menschen, die nicht sicher lesen können, werden nicht bloß keine Bücher kaufen, sagte sie. Das Problem gehe die ganze Gesellschaft an: „Für diese Menschen wird es in der modernen Arbeitswelt kaum Berufe geben.“ Und der Börsenvereins-Chef Alexander Skipis spitzte zu: „Wer nicht richtig lesen kann, wird auch am Meinungsbildungsprozess in der Demokratie nicht teilnehmen können. Der fällt auf die einfachen Erklärungen der Populisten herein.“