Im dritten Kapitel dieses interessanten Romans darf der Leser Bekanntschaft mit einem dicken Graf machen, der in den frühen Jahren des 18. Jahrhunderts seine Lebensbeschreibung verfasst und sich an eine Reise 50 Jahre zuvor erinnert. Es geht von Wien hinüber ins Kloster Andechs bei München, um den berühmten Spaßmacher Tyll Ulenspiegel zu finden.

Er habe ja nicht wissen können, was ihn unterwegs erwarte, schreibt unser dicker Graf. Was nicht stimmt, denn natürlich wusste er, dass es quer durch jene verheerten Landschaften geht, die der große Glaubenskrieg geschaffen hat; er dauerte damals ja schon dreißig Jahre. Aber was ist das Wissen schon gegen das Erfahren.

Unfassbare Erfahrungen

Und als der Graf unversehens in die letzte Feldschlacht dieses Krieges gerät, die Schlacht bei Zusmarshausen im Mai 1648, musste er feststellen, dass er nicht zu begreifen vermag, was ihm widerfuhr: „Es überstieg seine Fähigkeiten als Schriftsteller. Es überstieg auch seine Fähigkeiten als vernünftiger Mensch.“

Es ist der Moment, als er „das sich bis zum Horizont erstreckende Heer des Kaisers“ sieht: „Der dicke Graf musste die Mähne des Pferdes packen, um nicht herunterzurutschen.“ Es war aber auch, so glaubt er, „der wichtigste Moment seines Lebens“, ein Moment allerdings, der sich „nicht gut erzählen“ lasse.

Ausgelagerter Schrecken

Armer dicker Graf. Dergleichen kann einem Erzähler wie Daniel Kehlmann nicht passieren: Er kann immerfort sehr gut von Gott und der Welt, den Kriegen, der Liebe und der Spaßmacherei erzählen. Denn er hält sich mit den „Marotten der Wirklichkeit“ nicht weiter auf, er spielt über Bande, entfaltet also seine herrlich polierte Kunst des Über-Eck-Erzählens: Erfindet eine Figur wie den dicken Grafen, um nicht erzählen zu müssen, was die gewöhnlichen Fähigkeiten schriftstellernder und vernünftiger Menschen übersteigt.

Sehr elegant: Der Schrecken wird ausgelagert, die Schmerzpunkte werden wie Slalomstangen umfahren. Das dankt ihm der nach Behaglichkeit und Spannung gleichermaßen dürstende Leser: Es lässt sich mit diesem Buch wunderbar am Schauder des Schrecklichen wärmen. Prophetischer Kräfte bedarf es nicht, um diesem Roman einen lang andauernden Platz auf den Bestseller-Listen vorherzusagen.

Respekt für den Schelm

Kehlmann schickt die mittelalterliche Schelmenfigur des Till Eulenspiegel in den Krieg, um ihn als stets ersehnte und immer wieder neu erfundene Trost-Figur in schrecklichen Zeiten schillern zu lassen. Tyll ist die Literatur selbst, einer, „der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht“.

Kehlmann kümmert sich folglich nicht um historische Korrektheiten, er spielt freihändig mit der Geschichte und seinen Geschichten, kann den berühmten Gelehrten Athanasius Kircher als Inquisitor und Drachenjäger, den „Winterkönig“ Friedrich V. von der Pfalz und dessen englische Frau Elisabeth Stuart auftreten lassen, kann Tylls Vater als Ketzer hinstellen und den Schelmensohn ins Bergwerk, ins Kloster, zu Hungernden und Soldaten schicken.

Es sind nur Bilder

„Tyll“ ist Historien- und Fantasieroman in einem, der es seinem Helden gleichtut: ein Seiltanz-Buch, das „dem Fallen davonläuft“. Ein Schwebe-Roman, der geschickt mit seinen Einfällen jongliert und über die historischen Abgründe balanciert. Er spart nicht mit „Höllenvisionen“ – und versichert dem Leser stets, was der dicke Graf sich einzureden versucht: „Es sind doch nur Bilder, sie können mir nichts tun, sie fassen mich nicht an, nur Bilder.“

Ein Bild übernimmt auch eine heimliche Hauptrolle: eine weiße Leinwand, bei deren Betrachten man alles denken dürfe; wer aber dumm sei, wer Übles im Schilde führe, sehe nichts. Darin liegt die gesamte verführerische Kunst Kehlmanns: „Tyll“ ist genauso eine Einladung, die vielen gelehrigen Anspielungen zu entschlüsseln, wie der rote Teppich für alle Leser, die sich an gekonntem Spannungsaufbau erfreuen. Ein Abenteuer- wie ein Akademikerroman zugleich. Auf der von Kehlmann in seinen früheren Büchern vermessenen Süffigkeitsskala liegt es deutlich näher bei der „Vermessung der Welt“ als bei seinem Experimentalroman „F.“.

Kulissen und Kunstfiguren

Haltungslos ist das Buch damit nicht. Kehlmann lässt seine Elisabeth Stuart am Theater „in deutschen Landen“ leiden, wie Kehlmann selbst gern vorgibt, an ihm zu leiden. Er träumt mit diesem Buch von Kunstfiguren, die „ganz wahr, völlig durchsichtig“ sind. Meinethalben. Nur, die ganze Wahrheit des Krieges, des Hungers und Lebens unter umstürzlerischen Umständen tritt in diesem Buch gerade nicht auf. Sie darf nicht auftreten. Es hieße dem Leser Schmerzen, womöglich unerwünschte Erkenntnisse zufügen. Es hieße Geschichte nicht wie der dicke Graf als „Wind und Regen“ nehmen, sondern als etwas von Menschen Gemachtes, Verschuldetes, auch Veränderbares.

„Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen“ ist der erste Satz des Romans. Er tut alles, dass er das auf knapp 500 Seiten auch nicht schafft, sondern schöne Kulisse für das schöne Erzählen bleibt.