Amsterdam - Victor Schiferli hält sein Buch hoch und fragt, wer es haben möchte. Es ist sein privater Beitrag zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse: eine Sammlung von Geschichten über Amsterdam. Er steht als Herausgeber vorn im Buch. Sonst arbeitet er im Hintergrund.

Schiferli, Jahrgang 1967, ist beim Niederländischen Literaturfonds zuständig für Kontakte nach Deutschland. All sein Reden und Vermitteln ist derzeit auf die in einer Woche beginnende Frankfurter Buchmesse gerichtet. Denn deren Länderschwerpunkt gilt der Literatur aus den Niederlanden und Flandern. Und deswegen befindet sich Schiferli gerade auf einem Boot, das mit Journalisten und Buchhändlern durch die Grachten von Amsterdam fährt.

Für einige ist es ein Déjà-vu. Die Literatur aus der Region war schon einmal Ehrengast in Frankfurt, damals kamen Autoren wie Harry Mulisch mit seiner „Entdeckung des Himmels“ und Hugo Claus mit dem „Kummer von Flandern“ groß raus. Es gab einen Aufmerksamkeitsschub für die Literatur unserer Nachbarn in Deutschland, der nie ganz abebbte. Dennoch: Mulisch und Claus sind tot. Einige Autoren, die jetzt an dem Programm beteiligt sind, hatten damals gerade erst das Buchstabieren gelernt. 23 Jahre sind eine lange Zeit.

„Das war faszinierend, wie sich damals Hunderttausende für die niederländische Literatur interessierten“, sagt Schiferli in einem Deutsch mit feiner holländischer Färbung, „ich war 1993 der jüngste Mitarbeiter des Niederländischen Literaturfonds.“ Wir sitzen inzwischen im Ambassade, einem Hotel an der Herengracht, dessen Bibliothek ein gemütlicher Rückzugsort ist. „Deutschland ist sehr, sehr, sehr wichtig für uns.“ Er sagt wirklich drei Mal „sehr“. „Wir sind nur 17 Millionen Leute, in Deutschland sind es 80 Millionen.“ Damals stellte sich heraus, dass sich Verlage aus Italien oder Spanien erst für niederländische Bücher interessieren, wenn sie in Deutschland Erfolg haben – so war es bei Connie Palmen und Leon de Winter, deren Romane heute Bestseller sind.

Geschenk des Superstars

Palmen und de Winter geben nebenan Interviews in Hotelzimmern. Der umtriebige Schiferli hat sie hergeholt, als Repräsentanten der Literatur seines Landes, außerdem Margriet de Moor, Adriaan van Dis und Herman Koch. Koch ist derzeit der Superstar, wenn man nach der verkauften Auflage geht. Zur niederländischen Buchwoche im kommenden März erhalten seine Leser sogar ein Buch von ihm geschenkt, das er eigens schreibt. Während jener Woche bekommt jeder, der Bücher im Wert von 12,50 Euro kauft, das Auftragswerk gratis dazu – Tausende Exemplare werden auf diese Weise verteilt. Den Autor bezahlt die Werbeagentur Collectieve Propaganda van het Nederlandse Boek.

Diese Agentur und der gemeinsame Vertrieb durch das Centraal Boekhuis sind der Grund, warum Maarten Asscher von einem demokratischen Buchmarkt in den Niederlanden spricht. Er ist Autor, arbeitete bei einem großen Verlag und ist nun Geschäftsführer der Buchhandlung Athenaeum um die Ecke. „Der Buchmarkt ist flach wie die Niederlande selbst. Wir konkurrieren über den Service und Geschmack, auch über die Schnelligkeit, wenn wir Autoren zu Lesungen einladen.“

Victor Schiferli hat auch einen Besuch im Rijksmuseum organisiert, aber nicht, um Bilder von Vermeer oder Rembrandt zu sehen, sondern Schriftsteller, die Häppchen aus ihren neuesten Büchern lesen. Bregje Hofstede zum Beispiel steht neben einem monochrom weißen Bild, nur der Lichtschein formt Linien darauf. Es ist eine Arbeit des niederländischen Informel-Künstlers Jan Schoonhoven. Der Held ihres Romans „Der Himmel über Paris“ ist Kunsthistoriker, die Begegnung mit einer Studentin ruft ihm eine vergangene Liebe in Erinnerung. Hofstede hat sich den Künstler ausgesucht: Ihrer Studentin im Buch gab sie sogar seinen Nachnamen Schoonhoven.

Bregje Hofstede, geboren 1988, ist eine Vertreterin der starken jungen Autorengeneration, die durch den Buchmesse-Schwerpunkt ein deutsches Publikum finden soll. Wie auch Wytske Versteeg, Jahrgang 1983. In ihrem aufwühlenden Roman „Boy“ über den Tod eines schwarzen Adoptivkindes gibt es einen unerwarteten Perspektivwechsel, der den Leser in die Verantwortung nimmt. „Wenn man beim Schreiben kein Risiko eingeht, übt man nur die Technik des Schreibens aus“, sagt sie. Was dazu führt, dass sie in Interviews mit großen Fragen konfrontiert wird: „Wollen Sie Welt verstehen oder ein Mittel schaffen, die Welt zu verstehen?“