Ulf Stolterfoht  ist  einer der renommiertesten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart, seit 2000 hat er fast jedes Jahr einen Preis bekommen. Der gebürtige Stuttgarter lebt in Berlin. Derzeit hält er sich  in England auf. Das Interview  haben wir deshalb per E-Mail geführt. Ulf Stolterfoht beantwortete die Fragen während einer mehrstündigen Zugfahrt vom Londoner Bahnhof  King’s Cross  bis  zur Ankunft im Bahnhof von Edinburgh Waverley. Seine Gemütsverfassung, so teilte er  im Anschreiben mit, war ausgeglichen.

Sie sind Dichter und wissen, wie unmöglich es ist, mit Gedichten Geld zu verdienen. Im vergangenen Jahr haben Sie nun selber einen Verlag für Lyrik gegründet. Sind Sie verrückt?

Es ist ja noch schlimmer: Ich verdiene nicht nur mit dem Schreiben kein Geld, ich verdiene auch mit dem Übersetzen kein Geld. Da möchte man dann mit dem Verlegen natürlich auch nichts verdienen. Das berühmte dritte unrentable Standbein. Das Paradoxe an der Sache ist nun aber, dass ich trotzdem irgendwie davon leben kann, und das schon ziemlich lange. Diese ganzen nicht oder schlecht bezahlten Tätigkeiten haben, zumindest in meinem Fall, dazu geführt, dass eine indirekte Form der Vergütung stattfindet, also etwa in Form von Preisen, Stipendien, Lehrtätigkeiten, Lesungen und Moderationen. Und ich glaube, dass durch die Verlegerei das Spielfeld noch ein bisschen größer geworden ist. Das hat jedoch bei der Gründung des Verlags keine Rolle gespielt. Den Verlag gibt es, weil ich das schon sehr lange machen wollte. Schreiben tue ich ja auch, weil ich das schon immer wollte. Das reicht mir völlig aus als Begründung. Mehr braucht es nicht.    

Ihr Verlag Brueterich Press wirbt mit dem Slogan „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“. Was darf man sich darunter vorstellen? Geht es da um kapitale Investitionen? Steuerhinterziehung? Wie ist das Geschäftsmodell?

Dieser Slogan  versucht, vielleicht weniger ironisch als vielmehr offensiv, mit den Ressentiments umzugehen, die es gegenüber den etwas komplexeren Spielformen des Gedichts gibt. Ich habe vor einiger Zeit sehr lachen müssen, als Martin Mosebach in einem Interview betont hat, er sei keineswegs konservativ, er sei doch, bitteschön,  reaktionär. Ich glaube, das ist dieselbe Strategie.

Sie  produzieren  also schön gestaltete Bücher in kleinen Auflagen für Sammler...

Ich hoffe, dass ich ganz genau das nicht mache! Die Bücher haben eine Erstauflage von im Moment 500 Stück, Oswald Eggers „Gnomen & Amben“ ist als erstes Buch in der zweiten Auflage, das sind dann nochmal 250 Stück, und 750 Bände scheinen mir ungefähr das zu sein, was sich im deutschsprachigen Raum an Lyrik verkaufen lässt. Das sind nun aber 750 Leser – und nicht 750 Sammler! Tatsächlich weiß ich nur von einem Abonnenten und einem regulären Käufer, dass sie sich als Sammler verstehen. Denen schlage ich die Bücher dann noch mal extra ein. Mein zweiter Einwand gegen die Sammlerstücke: Man kann Bücher kaum billiger herstellen, als wir das machen: DIN-A-5, Abbildungen und Cover schwarz/weiß, unkaschiert, unverschweißt usw. − weniger geht kaum! Wenn sie trotzdem schön sind, liegt das allein an den Gestaltern von gold & wirtschaftswunder in Stuttgart! Und die machen das auch noch zu einem Preis, der alles andere als marktüblich ist.

Ist das Buch der Zukunft  ein handverlesenes Objekt für Liebhaber?

Nein! Ich glaube, dass gerade für Gedichte das gedruckte Buch noch eine ganze Weile die favorisierte Form bleiben wird. Die Tatsache, dass Vinyl ein so grandioses Comeback gefeiert hat, liegt  weniger am Fetischismus der Sammler (die wurden ja sowieso immer bedient), als daran, dass Schallplatten (nicht nur für DJs) unbestreitbare Vorteile haben, etwa in Haltbar- und Bedienbarkeit. Andererseits lese ich mittlerweile sehr viel auf dem E-Reader, vor allem nordamerikanische Lyrik im Original, was mit der Verfügbarkeit und dem Preis zu tun hat, aber auch mit dem Wunsch, die Bibliothek jederzeit verfügbar zu haben. Ich denke jedenfalls darüber nach, die Brueterich-Bände auch als E-Book anzubieten.

Wie funktioniert Marketing, Vertrieb, gibt es die Bücher auch im Laden?

Das Marketing läuft fast ausschließlich über Facebook. Ich sage es nicht gern, aber ohne Facebook hätte der Verlag wahrscheinlich schon längst wieder zumachen müssen. Es ist schon erstaunlich, wie viele Leute man auf diesem Wege erreicht.  Den Vertrieb mache ich selbst, Gott sei Dank! Wobei mir eine befreundete Buchhandlung unter die Arme greift, wenn ich längere Zeit nicht in Berlin bin. Die Bücher haben alle eine ISBN, sind also über jede Buchhandlung zu bestellen. Darüber hinaus gibt es etwa 20 Buchhandlungen, die die Bücher entweder abonniert haben oder sie als Verlagsdepot verfügbar halten.

Wer darf bei Ihnen ein Buch machen? Gibt es Ausschlusskriterien? Sie verlegen auch Autoren wie Marcel Beyer oder Oswald Egger, die schon in großen Verlagen sind. Brauchen die Brueterich Press oder braucht Brueterich Press die, um unbekanntere mitzuziehen?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Natürlich brauchen Oswald Egger und Marcel Beyer als Suhrkamp-Autoren keine Brueterich Press, um Bücher zu machen. Das gilt auch  für die anderen  Autoren und Autorinnen – den Anspruch habe ich schon, dass ich nur Bücher mache, die eigentlich zu gut und zu groß sind für die Brueterich Press! Andererseits ist das ja eine ganz fragile Angelegenheit in den größeren Häusern: Übertrieben viele Gedichtbände machen die ja nicht, von Lyriktheorie ganz zu schweigen. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu: Ich glaube, jeder  sieht seine Bücher gern in einem Umfeld von Leuten veröffentlicht, die etwas Vergleichbares machen. Ich habe das beim Verlag von Urs Engeler lange erleben dürfen.

2010 bis 2013 betrieben Sie den  Blog Brueterich TM. Da ging’s um sprachlich verwegene Momente in Schöneberger Lokalitäten. Was bedeutet der Titel? Wieso wurde das beendet? Ist Bloggen kein gutes Medium fürs Dichten?

Von Anfang an war klar, dass der Zauber nach 1 000 Tagen wieder vorüber sein würde. Brueterich TM war ein Bestandteil eines ganzen Blogsystems, eben des Systems Brueterich, das aus 39 Kammern bestand, darunter auch so bodenständige Blogs wie „Tragbare Herrenmode“  oder „Presskopf − Linke Küche“; und einer dieser Blogs war die Homepage eines imaginären Verlags, nämlich der Brueterich Press, die es damit dem Namen nach schon seit 2011 gibt, und auch der Eintrag beim Gewerbeamt Tempelhof-Schöneberg erfolgte, ohne dass damals ein Buch  in Aussicht gewesen wäre. Der Name „Brueterich“ entstammt einem langen Gedicht von mir, einer Namensliste mit Wörtern, die ich gerne noch in Gedichten verwendet hätte, von denen aber zu befürchten war, dass sich kein Platz für sie würde finden lassen. Und siehe da: hat sich doch noch einer gefunden!

Auf Ihrer Verlagsseite gibt es ein Wappen der Lyrikknappschaft Schöneberg. Ist das ein Geheimbund? Eine Sekte? In Ihren eigenen Gedichten (Neu-Jerusalem) wimmelt es ja auch von historischen Schraten.

Die Lyrikknappschaft gibt es tatsächlich, und ich muss das wissen, da ich ihr Kassenwart bin.  Die Knappschaft besteht zurzeit aus, wenn ich richtig rechne, 15 Knappen („Knappe“ ist männliche und weibliche Form!), allerdings stehen viele Bewerber auf einer Warteliste, über die nicht entschieden werden konnte, weil sich die Knappschaft schon länger nicht mehr in ganzer Stärke getroffen hat. Die Aufgabe der Lyrikknappschaft, neben der Pflege der Geselligkeit (die Knappschaftsweihnachtsfeiern sind berühmt!), ist es, für wirtschaftlich in Schieflage geratene Knappen einzustehen – dafür liegen auf dem Knappschaftskonto derzeit etwa 1 100 Euro bereit.

Ist die „Nische“ das Zukunftskonzept für den  Buchmarkt?

Ja, klar!

Welche Rolle spielt, gerade in diesem Zusammenhang, das Brueterich-Press-Abonnement?

Eine ganz wichtige Rolle. Die Abonnements sind die Lebensversicherung für den Verlag. Wer ein BP-Abonnement abschließt, bekommt alle Brueterich-Bücher, zwischen sechs und acht pro Jahr, portofrei und mit 25 Prozent Rabatt (Buchhandlungen 40 Prozent), zusätzlich winkt ein prachtvolles Buchgeschenk aus dem Archiv des Verlegers sowie ein Eintrag auf der „Ehrentafel der Abonnenten und Abonnentinnen“ auf www.brueterichpress.org. Im Moment gibt es 197 Abonnenten, was großartig ist, aber nur knapp reicht, um so die Druckkosten und das Honorar für die Gestalter zahlen zu können. Um die Autorenhonorare, die Lagermiete und das Porto abzudecken, dürften es noch ein paar mehr sein. Ich habe die Kosten, ehrlich gesagt, total unterschätzt. 250  Abos wären mindestens erforderlich. Aber warum sollte das  nicht auch noch zu schaffen sein?

Das Interview führte Sabine Vogel.